Fusion

  1 + 1 + 1 + 1 = 5 – Nach der Ethno-Mathematik

Fünf Monate hat es gedauert, nun haben die Mitglieder der Gemeinde Sankt Stephanus eine unmissverständliche Antwort auf ihre Frage nach dem Warum erhalten. Ende November 2020 wurde während der Messe zum 1. Advent von einem Repräsentanten des Bistums verkündet, der Pfarrer der Gemeinde müsse zum 1. Juni 2021 gehen und in einer anderen Gemeinde am östlichen Stadtrand seine Seelsorgearbeit fortsetzen. Nach einer beispiellosen Mobilisierung der Gemeinde, einer Flut von Leserbriefen an die Lokalzeitung, mehreren Demonstrationen auf dem Domplatz und einem persönlichen Gespräch mit dem Bischof veröffentlichte das Generalvikariat Ende April eine Erklärung zur Sache, die an Deutlichkeit nichts mehr offen lässt: Der Pfarrer werde versetzt, weil er sich aktiv gegen den Prozess der Fusion von Sankt Stephanus mit drei anderen ehedem selbstständigen Gemeinden zur Großpfarrei Sankt Liudger gestellt habe.

Die Fusion meint die Verschmelzung, den Zusammenschluss; das Substantiv kommt vom lateinischen Verb fundere, was gießen bedeutet. Im ökonomischen Kontext wird unter einer Fusion der Zusammenschluss zweier oder auch mehrerer Unternehmen zu einem neuen verstanden; in der neuen Firma sind im Sinne Hegels die jeweiligen ehemals unabhängigen Firmen aufgehoben: Sie sind formalrechtlich Teil eines größeren Ganzen geworden und dabei ihrer Eigenständigkeit verlustig gegangen; als Elemente im Neuen bleiben sie jedoch erkennbar und tragen die Konstruktion mit. Im kirchlichen Sinn steht die Fusion für das Zusammenlegen mehrerer Gemeinden zu einer neuen – aus dem so einfachen wie traurigen Grund des stetigen Schwundes an Mitgliedern der katholischen Kirche sowie des chronischen Priestermangels.

Die Diözesen versuchen mit permanent abnehmenden Ressourcen die seelsorgerischen Strukturen, die eben auch logistische, personelle, zeitliche und finanzielle sind, zu erhalten. Dieses Vorhaben gelingt nicht immer: Seit der Jahrtausendwende wurden in ganz Deutschland über 500 katholische Kirchengebäude profaniert, also entweiht und verweltlicht; sie wurden entweder abgerissen oder als Restaurant, Kletterhalle, Kulturzentrum, Wohnstift, Hotel, Diskothek, Bibliothek oder Bürogebäude nachgenutzt. Im Bistum Münster, zu dem die in der Aaseestadt gelegene Kirche Sankt Stephanus gehört, wurden im genannten Zeitraum 55 Gotteshäuser profaniert und davon 24 abgebaut. Was bei rund 24.000 katholischen Kirchen und Kapellen in Deutschland eher gering anmutet – allerdings ist dies nach Einschätzung katholischer Theologen erst der Anfang.

Im Jahr 2016 wurde die Fusion der Gemeinden Sankt Anna, Sankt Ludgerus, Sankt Pantaleon und Sankt Stephanus zur Großpfarrei Sankt Liudger vollzogen, unter Beibehaltung der Filialkirchen. Das Bistum Münster spricht nun davon, dass es seinerzeit ein Fehler gewesen sei, den Pfarrer von Sankt Stephanus in seinem Amt vor Ort belassen zu haben – um die Fusion auf allen Ebenen möglichst reibungslos auf den Weg zu bringen, wäre die Versetzung des Geistlichen nach immerhin 13 Jahren in der Aaseestadt das Mittel der Wahl gewesen. Zumal die Bereitschaft zum Wechsel des Wirkungsortes zur Arbeitsplatzbeschreibung eines katholischen Priesters gehört. Bei den Jesuiten etwa, die nicht umsonst Soldaten Gottes genannt werden, erfolgt eine Versetzung oft nach fünf Jahren, manchmal nach sieben, acht oder spätestens zehn Jahren. Und auch einem Priester, der keinem Orden angehört, ist eine Versetzung zuzumuten, dabei seine Stärken, Erfahrungen und Wünsche respektierend, soweit es geht.

Das Bistum hat in den letzten Monaten in der Debatte um die Demission des beliebten Hirten stets von „strukturellen und personellen Gründen“ gesprochen, die hinter der Entscheidung des Bischofs stünden; die Gemeinde pochte auf „Transparenz“ und wollte die „wahren“ Motive hören. Liest man die Erklärung, die das Bistum nun Ende April publiziert hat, sorgsam durch, drängt sich der Eindruck auf, es habe die wolkige Formulierung zum Schutz des genannten Priesters verwendet. Denn nun wird ihm von seinem Vorgesetzten unverhohlen vorgehalten, die unumgänglichen Schritte auf dem Wege zu einer fusionierten Großpfarrei „blockiert“ zu haben und sich eigenmächtig als Seelsorger in und für Sankt Stephanus inszeniert zu haben. Das Generalvikariat betont, in den anderen drei Gemeinden in den westlichen Vororten Albachten, Mecklenbeck und Roxel sei der Wille zur Zusammenarbeit vollumfänglich vorhanden gewesen, nicht aber in Sankt Stephanus.

Die geneigte Beobachterin erfährt weiter, dass seit 2008 bereits mit dem genannten Geistlichen Gespräche über andere potenzielle Einsatzorte nach der projektierten Fusion geführt worden seien, dass ihm gar konkrete Stellen in anderen Gemeinden angeboten worden seien, die er allesamt abgelehnt habe. Vor diesem Hintergrund mutet die Aussage seltsam an, der Pfarrer sei von des Bischofs Entscheidung im November 2020 „überrascht“ worden. Tatsächlich hatte der Pfarrer bereits lange vor dem zivilrechtlichen Vollzug der Fusion gesagt, er wolle sich an den administrativen Pflichten nicht beteiligen und werde sich auf seine liturgische und pastorale Arbeit in der Gemeinde Sankt Stephanus und auf seine Lehrtätigkeit in der benachbarten Friedensschule konzentrieren. Nach einer Bereitschaft zur Kooperation klingt das nicht gerade. Mittlerweile hat sich der Priester in seiner künftigen, ebenfalls fusionierten Pfarrei Sankt Nikolaus vorgestellt, wo er zum Ende der Sommerferien mit seiner Arbeit beginnen wird.

In einem Offenen Brief ebenfalls von Ende April wenden sich die Mitglieder des ehemaligen Kirchenvorstands von Sankt Stephanus an die Gemeinde. Sie sprechen von der schwersten Krise in der Geschichte der Pfarrei seit ihrer Gründung im Jahr 1965, dem letzten Jahr des II. Vatikanischen Konzils mit seiner tiefgreifenden Liturgiereform. Die Verfasser dieses Briefes äußern ihre tiefe Sorge, dass im Zuge des eskalierten Streites um ihren beliebten Kleriker das vielfältige Engagement der Menschen vor Ort leiden werde. Diese Furcht ist nicht vollends aus der Luft gegriffen; erst recht nach der überstürzten vorzeitigen Entfernung des Priesters nicht nur aus dem Amt, sondern auch aus seiner Dienstwohnung Mitte März scheint es unter etlichen Gemeindemitgliedern einen stillen Boykott der Gottesdienste zu geben, die derzeit vertretungsweise von anderen Patres aus Sankt Liudger zelebriert werden.

Unbestritten trägt der – ehemalige – Hirte von Sankt Stephanus zu einer Identifizierung der Menschen mit ihrer Kirche im jungen Stadtteil Aaseestadt bei; auf sein Konto geht der hohe Anteil der Ehrenamtlichen, die sich vielfältig in die Gemeindearbeit einbringen, in der Kita und der Küsterei, bei den Messdienern und Lektorinnen, im Chor und bei der Seniorenarbeit. Die irreversible Entscheidung des Bistums, „ihren“ Pfarrer abzuberufen, hat bei der Gemeinde für „Empörung“ gesorgt. Mag das Generalvikariat die Causa auch hölzern und unglücklich kommuniziert haben: An der Entscheidung des Bischofs gibt es nichts zu rütteln, zumal der Eigenanteil des geschätzten Pfarrers daran deutlich zutage tritt. An die Stelle eines trotzigen Beharrens der Gemeinde sollte ein gesunder Pragmatismus treten, der die Situation nimmt, wie sie ist und versucht, das Beste daraus zu machen. Denn spiritueller und sozialer Bedarf ist rund um das denkmalgeschützte Ensemble von Sankt Stephanus weiterhin vorhanden, von einer Profanierung ist es definitiv nicht bedroht. Das zickige Bestehen auf einem status quo ante wird einem – noch zu berufenden – Pastor die Arbeit kolossal erschweren.

Aus der Ferne mutet die Personenfixiertheit in der Debatte befremdlich an. Ein guter Priester ist wie ein guter Dirigent, der jedes einzelne Mitglied eines Orchesters zu Höchstleistungen antreibt und dazu bringt, gemeinsam mit anderen die bestmögliche Aufführung der Oper, des Konzerts oder der Sinfonie auf die Bühne zu bringen. Der Prediger lenkt idealerweise den Geist Gottes in die Herzen der Menschen – für sie glauben kann er nicht. Die Spitzenorchester in Berlin, Dresden, Amsterdam und Wien brauchen beileibe keinen Dirigenten, um ihre Instrumente zu spielen, auch den Zusammenklang bekommen die Musiker alleine hin. Der Dirigent sorgt vielmehr für das Tempo und die Lautstärke des Stückes, plant langfristig das Repertoire, pflegt den Kontakt zu Gastmusikern und denkt über das Erschließen bislang ferner Hörergruppen nach. Und wenn ein Dirigent zu lange einem Orchester vorsteht, wie etwa Herbert von Karajan bei den Berliner Philharmonikern, beginnt dessen Musik unweigerlich zu sklerotisieren. Jedes Ende ist ein Anfang, es ist eine Frage der Perspektive.

Die Gemeinde der – fusionierten – Kirche Sankt Stephanus sollte von der Legende Abstand nehmen, der geschasste Priester sei „jemandem im Weg gewesen“. Auch lenkt der Verweis auf angeblich konservative Kräfte der Emmanuel-Gemeinschaft, die in den drei Schwestergemeinden die Kleriker stellen und nun auch Sankt Stephanus liturgisch „übernehmen“ wollen, vom Wandel als Konstante ab. Besser als in der Aaseestadt lässt sich das Konzept einer „Kirche im Werden“ kaum illustrieren. Von einer Jahrhunderte währenden Tradition unbeleckt, ist der Anteil junger Familien und gerade Frauen am Gemeindeleben hoch. Diese Aktiven brauchen sich weiß Gott nicht zu verzwergen, indem sie behaupten, „ihre“ Kirche sei auf den Fels „ihres“ Priesters gegründet. Welche Hybris, wie die Diözese völlig zurecht anmerkt: Jesus ist der Fels der Kirche und einer jeden Gemeinde. In diesem Sinne sollten sie ihrem Diener Dank für das Geleistete aussprechen, ihm alles Gute für die Zukunft wünschen und aus eigener Kraft ans Laufen kommen. Eine tiefere Quelle als den Glauben werden sie nicht finden. Dann werden sie auch als Element in der Großpfarrei Sankt Liudger unverwechselbar erkennbar bleiben.

Helsinki

  We are all children of beautiful mother nature – Touko Laaksonen

Der erste Eindruck: Weiß. Ob man nun mit der Finnair über Vantaa heruntergeht oder mit dem Schiff am Länsiterminaali anlandet, man kommt in eine Stadt aus Tausend und einem Weiß. Die finnische Nationalflagge zeigt ein blaues Kreuz auf weißem Tuch, die Hauptstadt Helsinki reklamiert das Weiß für sich, das Blau steht für das allgegenwärtige Wasser, in das die Stadt gebaut ist. Der maritime Farbklang wiederholt sich dauernd, wenn man den Kopf in den Nacken legt – die Wolken weiß, der Himmel blau in allen Tönen dazwischen, wie auf einer Grisaille-Zeichnung. Zu Erden thront unübersehbar der Dom von Helsinki in seinem Winterweiß, sich selbst schützend in seiner Schönheit der Unschuld.

Helsinki ist eine junge Hauptstadt. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war Turku an der Südwestküste die Kapitale, zu dieser Zeit gehörte Finnland zum Schwedischen Königreich. Als Finnland 1812 im Zuge der Napoleonischen Kriege als Großfürstentum zur Provinz des Russischen Reiches wurde, bestimmte Alexander I., dass das weiter östlich gelegene Helsinki deren Verwaltungshauptstadt werde, da es näher an Petersburg liege. Der Zar ernannte den in Berlin geborenen Johann Carl Ludwig Engel zum Architekten des Ausbaus, der das urbane Bild des rasch wachsenden Helsinki bis heute prägte. Unter Engels Leitung entstanden bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts das Senatsgebäude, die Universitätsbibliothek und die Nicolaikirche sowie zahlreiche Privat- und Handelshäuser, in einem Stilmix aus preußischem und russischem Klassizismus.

Diese prachtvolle Silhouette offenbart sich der Besucherin, wenn sie vom estnischen Tallinn, das etwa 80 Kilometer südlich auf der anderen Seite des Finnischen Meerbusens liegt, auf Helsinki zusteuert. Die Fahrt mit der Straßenbahn in die Innenstadt lässt zu allen Zeiten Blicke auf die blaugraue See zu, aus der die Stadt herauswächst. Salz schmeckt auf der Zunge, der Wind vom Meer greift in die Haare und bläht die Jacken. Die Sonne, wenn sie auch noch nicht richtig wärmt im Mai, bringt die Häuser wie von innen zum Leuchten; die Fassaden in Minze, Rosé, Zitrone, Azur und Mauve wirken besonders sauber wie eine frisch gedeckte Kaffeetafel am Sonntag. Das Wasser, das den Helsinki-Archipel geschaffen hat, glänzt und blinkt, als lägen 100.000 kleine Spiegelchen auf seiner leicht wogenden Oberfläche.

Im Hafenviertel Munkkisaari ankern beige-graue Frachtkähne neben gewaltigen Kreuzfahrtschiffen, alte Kontore sind zu Büros und riesigen Wohnungen umgebaut, das drohende wie nährende Wasser immer im Blick. Helsinki ist ein Finnland en miniature, das gemeinhin das Land der 1.000 Seen genannt wird. Die Küste ist ein einziger Schärengarten, ein Labyrinth für Möwen und Fische. Die Straßen der Kapitale sind mit Bäumen bestellt, großzügige Parks durchsetzen die Siedlungen und schmücken die Verkehrsachsen. Die Privathäuser am westlichen Rand der Stadt nehmen die Natur als Gestaltungselement mit auf; ein großer Fels wird in die Konstruktion integriert, ein Anwesen wird um eine Gruppe alter Bäume herum gebaut, ein ungestauter Bach markiert die Grundstücksgrenze, ein kleiner Wasserfall sorgt für willkommene Abkühlung nach der Sauna, der Bootsschuppen am Pier lässt sich als Gästehaus nutzen.

Dieser Eindruck bleibt: Stadt, Land und Leute haben Platz, Finnland zählt mit 16 Menschen pro m² zu den am dünnsten besiedelten Ländern Europas. Garantiert liegt es darin begründet, dass die Menschen sich zwar reserviert, aber hilfsbereit und offen begegnen. Als Kerstin auf ihrem geliehenen Fahrrad an der Kreuzung steht und auf dem Smartphone den direkten Weg zum Südhafen sucht, hält ein Autofahrer an und fragt in makellosem Englisch, ob er ihr helfen könne. Daheim fühlt Kerstin sich auf dem Fahrrad als bewegliches Ziel in einem Computerspiel auf den Windschutzscheiben der PKW, hier ist sie gleichberechtigte Verkehrsteilnehmerin neben anderen. Hier ist von allem genug für alle da, auch an Raum und Zeit, besonders an frischer Luft.

Sie fährt mit dem Rad ins nordwestlich des Bahnhofes gelegene Viertel Töölö. In einem hügeligen Hain stoppt sie vor dem Monument des finnischen Komponisten Jean Sibelius (1865 – 1957). Aus der Ferne sieht die Ansammlung stilisierter Orgelpfeifen wie ein aus der Höhle ans Licht geholtes Ensemble an Stalaktiten aus, seine silberne Farbe hebt das finnische Blau plus Weiß zur Synthese auf; vor dem Monument stehend summt Kerstin unweigerlich „Alla marcia“ aus Sibelius‘ Karelia-Suite, der heimlichen Nationalhymne Suomis, einer Mischung aus Innerlichkeit und Lebensfreude. Ein Stück Musik wie geschaffen, um unter freiem Himmel in Gesellschaft von Birken, Elchen, Flechten und Lachsen aufgeführt zu werden.

Rund ein Kilometer weiter östlich liegt das Olympiastadion, Schauplatz der Olympischen Sommerspiele 1952. Natürlich trug der finnische Wunderläufer Paavo Nurmi (1897 – 1973) zur Eröffnung der Spiele die Fackel auf den letzten Metern ins Stadion und entzündete das Olympische Feuer, unter rührendem Applaus des Publikums und zum Verdruss der Offiziellen des IOC, für die der neunfache Olympiasieger Nurmi als Aktiver in den 1930er Jahren gegen den Amateurstatus der Olympioniken verstoßen hatte. Der fliegende Finne (weil er seinen Gegnern einfach entfloh) wird auf dem Vorplatz des Stadions mit einer überlebensgroßen Plastik gewürdigt, leicht versetzt steht hinter ihm Lasse Viren, der Goldmedaillengewinner der Spiele von 1972 in München. Wie ein Campanile überragt ein weißer schlanker Turm mit seinen 72 Metern die denkmalgeschützte Sportanlage.

Auf dem Weg zurück in die Stadt kommt Kerstin an der Finlandia-Halle vorbei, einem Werk des berühmten Architekten Alvar Aalto (1898 – 1976), zur Seeseite mit weißem Carrara-Marmor verblendet. In der Halle finden Ausstellungen, Messen und Konzerte statt, auch wurde hier 1975 unter Federführung der finnischen Diplomatie die Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) unterzeichnet. Der Bau Aaltos leuchtet und fügt dem in der dunklen Jahreszeit melancholischen Helsinki eine heitere Note hinzu. Aalto hat nicht nur von der Natur inspirierte Gebäude mit abgerundeten Ecken, Wintergärten, ausladenden Terrassen und Glaswänden konstruiert, seine Stühle, Tische und Gläser sind als Alltagsgegenstände in fast jedem finnischen und in manchem europäischen Haushalt präsent.

Ebenfalls weltbekannt ist die Tochter Helsinkis, die Autorin, Malerin und Zeichnerin Tove Jansson (1914 – 2001), Schöpferin der Mumins, der drolligen Koboldfiguren für Kinder und Erwachsene. Jansson lebte über 30 Jahre mit ihrer Geliebten meist auf einer kleinen Insel vor der Küste Helsinkis, ihre Zeichnungen sind jedem Kinde Finnlands bekannt und gehören zum Inventar der Schule wie der Gesellschaft. Und selbst ein Außenseiter wie Touko Laaksonen (1920 – 1991), der mit seinen explizit schwulen Zeichnungen die Fantasien mehrerer Männer-Generationen vor Stonewall, § 175 und Aids bediente und den Großteil seines Lebens in den USA verbrachte, wird von seiner Heimatstadt umarmt. Die finnische Post hat 2014 ihm zu Ehren eine Briefmarke herausgebracht, seine eindeutigen Zeichnungen werden als Postkarten in den Läden des Ateneums, des Design-, des Naturkunde- und des Nationalmuseums verkauft.

Körperliche Erholung findet Kerstin in der Yrjönkadun Uimahalli, einer versteckt im Hinterhof ganz in der Nähe von Stockmanns, dem größten Kaufhaus Skandinaviens, gelegenen Schwimmhalle, der ältesten öffentlichen des Landes; schließlich hat hier fast jede Familie einen privaten See. Das Becken misst 25 Meter, in der umlaufenden Galerie im ersten Stock gibt es Séparées für die Massage, im Duschtrakt wartet zusätzlich eine Sauna. Männer und Frauen schwimmen hier zu getrennten Zeiten; viele Frauen legen ihre Badeanzüge ganz ab, es geht im Wasser verspielt und unterhaltsam zu wie in einem Hamam. Junge Frauen wie alte, sportliche wie gemütliche, sie alle erfreuen sich ihrer Körper und gehen pfleglich, bar jeder Konkurrenz miteinander um. In der Sauna wird sie gefragt, ob sie etwas gegen einen Aufguss habe. Kerstin verneint lächelnd und genießt die trockene Hitze bei reinigendem Schweiß.

Gegen Abend fährt sie wohlig ermattet zu ihrem Hotel im Hafenviertel auf der Halbinsel Katajanokka. Der Kasten ist ein ehemaliger Getreidespeicher, gekleidet in das typische Ziegelrot des Nordens, das sich bereits ab Bremen, Hamburg und Rostock findet. Die tragenden wuchtigen Säulen im Inneren hat man nach dem Umbau zum Hotel belassen, sie machen sich dekorativ und haben zudem eine stützende Funktion. Kerstin fragt die junge Frau an der Rezeption, wo sie ihr Fahrrad über Nacht am besten unterstellen könne. Die Frau mit ihrem zu einem dichten Ährenkranz gewundenen weißblonden Haar blickt sie aus wässrig blauen Augen an und entgegnet beiläufig, dass sie das Rad ohne weiteres vor dem Eingang abstellen könne – hier werde nie etwas gestohlen. Glückliches Helsinki, denkt Kerstin, als sie am nächsten Morgen auf dem Weg zum Frühstück die Aussage der Tresenblüte bestätigt findet. Ein Lob der Peripherie.

Der nächste Tag gilt einer Rennradausfahrt entlang der Küste Richtung Westen. Die mäßig befahrene S 51 wird von einem glatt asphaltierten Radweg gesäumt, den Kerstin über weite Strecken für sich allein hat. Das Weichbild einer Metropole bekommt das Tempo eines Dorfes. Unmerklich geht die Stadtlandschaft in dichten Nadelwald über, mit seinem Geruchsgemisch aus Dung, Harz, Holz und Salz. Kerstin verfährt sich im Gewirr aus Wegen, Seen, Lichtungen und Gehöften, doch das WLAN unter dem Gesang der Vögel gibt ihr die Orientierung zurück. Auf dem Rückweg besucht sie im Viertel Ullanlinna einen katholischen Gottesdienst in Sankt Henrik. Etwa 90 Prozent der Gottesdienstbesucher sehen philippinisch aus, inklusive der drei Priester, die flachsblonde Lektorin überragt die Zelebranten um Haupteslänge. Offenbar fungiert die Gemeinde als Infrastruktur einer Migrantengruppe. Kerstin versteht kein Wort des konsonantenarmen Sprechgesangs mit seinen vielen a, ä, i, l, u und y, aber dank des Gerüstes der katholischen Messe weiß sie, wo die Gemeinde sich gerade befindet. Die Spende der Kommunion stellt eine universell verständliche Sprache dar.

Kerstin findet ohne Umstände das Wort „liberal“, um die Stadt zu beschreiben. Sie kann sich als Frau allein bewegen, ohne sich bedrängt zu fühlen; die Menschen, die sie um Hilfe bittet, reagieren freundlich und pragmatisch. Sie führt das Entspannte der Stadt darauf zurück, dass Finnland niemals eine Monarchie war; auch darauf, dass sich Finnland im Winterkrieg 1939/40 gegenüber der Sowjetunion behauptete und anders als die baltischen Republiken seine staatliche Souveränität behielt. Seit der Unabhängigkeit 1917 bleibt Finnland auf seinem Kurs politischer Neutralität, bis heute ist es kein NATO-Mitglied. Spuren der Zeit unter der Schwedischen Krone finden sich an jedem Straßenschild, das auf Finnisch und Schwedisch beschriftet ist; Spuren der russischen Provinz zeigen sich am orthodoxen Kreuz auf dem Friedhof Lapinlahti und in der Uspenski-Kathedrale gegenüber dem Präsidentenpalast. Den heutigen regnerischen Tag will sie in einem Café im angesagten Viertel Kallio, auf einer Anhöhe nordöstlich des Bahnhofs, beginnen. Vielleicht sitzt ja die Schriftstellerin Sofi Oksanen am Nebentisch und twittert zu ihrem neuen Buch.

Eifersucht

  Die Wirklichkeit ist immer nur der Auftakt zu etwas Unbekanntem, und auf dem Weg dahin kommen wir nicht weit.
Marcel Proust

Der epochale Romanzyklus A la recherche du temps perdu des französischen Autors Marcel Proust (1871 – 1922) spielt hauptsächlich in den aristokratischen und großbürgerlichen Salons der Belle Epoque in Paris und in der Provinz. Der Ich-Erzähler verbringt seine Tage und Abende als Dandy im geistreichen Geplauder auf einer Soiree, während eines Konzerts, bei einem Diner, bei der Lektüre und als teilnehmender Beobachter gesellschaftlicher Konventionen. Zu den Dauerbrennern der Konversation zählt die immergrüne Frage „Wer mit wem?“ Flirts werden geführt, Affären werden angebahnt, Ehen gestiftet, Seitensprünge geplant. Das Zustandekommen und Halten einer Liaison ist nicht nur eine Frage der Attraktivität, der Lust und der Liebe, sondern auch des Prestiges der Beteiligten. Das Agieren der Personen auf der Bühne der Salons mit ihrem gepflegten Tratsch ist der beste Nährboden für die Schattenseite der Liebe, nämlich der Eifersucht. Diese ist Ausdruck des befürchteten Betrugs der Geliebten, des Misstrauens ihres Willens zur Exklusivität.

Marcel, der Ich-Erzähler der Recherche hat Albertine Simonet im normannischen Strandbad Balbec kennengelernt, gemeinsam mit ihren Freundinnen verzaubert sie den Jugendlichen, der mit seiner Großmutter an der Küste urlaubt. Das Grundmotiv der Beziehung zwischen Marcel und Albertine wird bereits in A l’ombre des jeunes filles en fleurs angeschlagen: Marcel begehrt den reizenden aufblühenden Körper des hübschen Mädchens auf dem Weg zur Frau, wird aber schnell gesättigt und richtet seine Sinne auf andere Frauen, zu denen Kontakt aufzunehmen er sich durch Albertine gehindert fühlt. Vollends wird sein Misstrauen entfacht durch eine Bemerkung eines Bekannten, der Albertine und ihrer Freundin Andrée lesbische Neigungen (und auch Praktiken) unterstellt. Fortan verfällt Marcel einem Kontrollzwang über Albertine, die er, um sie nicht an Gomorrha zu verlieren, auf Schritt und Tritt überwacht und sie schließlich, obwohl er ihrer überdrüssig wird, durch eine Heirat an sich binden will.

Der Band La Prisonnière steht im Zeichen von Albertines Gefangenschaft in der Pariser Wohnung des Erzählers respektive seiner abwesenden Eltern, die aus familiären Gründen im ländlichen Combray sich aufhalten. Marcel verschleiert den manipulativen Charakter seiner Beziehung zu Albertine und gibt sie als seine Cousine aus, des Weiteren verheimlicht er selbst seinen engsten Freunden, dass sie in seiner Wohnung lebt. Während des runden halben Jahres, das Albertine bei Marcel verbringt, unterzieht dieser sie permanenten Verhören über ihre Ausflüge, ihre Begegnungen, ihre Wünsche und ihre Vergangenheit – stets beseelt vom Verlangen, dass sie keine sapphischen Kontakte habe. Doch muss er realisieren, dass es nicht mit der überstürzten Abreise aus der Sommerfrische getan ist: „In Wirklichkeit hatte ich geglaubt, mit Balbec auch Gomorrha zu verlassen, Albertine dem zu entreißen; ach! Gomorrha war in alle vier Winde verstreut.“ Auch und gerade in Paris lauern Gefahren, die Marcel zum Tugendwächter werden lassen.

Das soziale Gefälle zwischen Marcel und Albertine ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass er sein Kontrollregime der Eifersucht etablieren kann. Das familiäre Erbe erlaubt es ihm, seinem Leben als Snob und Müßiggänger nachzugehen und seine Ambitionen als Schriftsteller immer wieder aufzuschieben. Eine professionelle Laufbahn als Diplomat, von den Eltern gewünscht, gibt Marcel aus gesundheitlichen Gründen im Roman ebenso auf wie Proust im Leben (er leidet seit der Kindheit an Erstickungsanfällen). Albertine hingegen wächst ohne Eltern bei ihrer Tante auf, ohne Geld und Besitz kann sie nur auf eine gute Partie hoffen; von einer möglichen beruflichen Tätigkeit oder Ausbildung ist an keiner Stelle im Roman die Rede. Marcel findet Gefallen daran, Albertine als reiche junge Dame auszustatten und ihr Schmuck und Kleider zu schenken und ihr eine Yacht zu versprechen – an einer Stelle heißt es gar, sie sei sein Werk.

Der Erzähler schwankt permanent zwischen einer quälenden Eifersucht und dem Wunsch nach dem Ende der Beziehung. Er will nach Venedig reisen, sieht sich aber dazu außerstande, weil Albertine anwesend ist – auf den naheliegenden Gedanken einer gemeinsamen Reise an die Lagune kommt er nicht, zu kostbar sind ihm die Wonnen der Einsamkeit. So lässt sich die Beziehung zu Albertine kaum als Liebe zwischen zwei gleichberechtigten Menschen etikettieren, vielmehr als gnadenloser Besitzanspruch unter Ausnutzung finanzieller Vorteile. Dieses Arrangement wird für Marcel vor allem durch mögliche lesbische Kontakte Albertines gefährdet, die für die Dauer des Romans keine Bestätigung erfahren, aber bohrend in Marcels Fantasie als Bedrohung existieren. Heterosexueller Konkurrenz wüsste der Erzähler sich zu erwehren, der homosexuellen bleibt er äußerlich und wehrlos. Die Gelassenheit vieler Invertierter gegenüber einem gelegentlichen Tête-à-tête des Partners mit einer Frau ist ihm versperrt: „Die Liebe des Mannes, den sie lieben, zu einer Frau, ist eine ganz andere Sache, die eine ganz andere Tierart betrifft (der Löwe lässt die Tiger in Ruhe), sie nicht weiter stört und eher beruhigt.“

Die Konstellation der Prisonnière ist merklich irreal und obsessiv. Angesichts der regelmäßigen Ausfahrten Albertines mit Andrée ins Theater oder in den Bois, von Marcel gesponsert, lässt es sich kaum länger vertuschen, dass sie in seiner weitläufigen Wohnung lebt und von ihm ausgehalten wird, zumal die treue alte Bedienstete Francoise ihrem Herrn dauernd Vorwürfe macht, er verschleudere sein Vermögen an eine Undankbare. Auch ist Albertines Verwandtschaft als seine Base leicht als plumpe Lüge zu durchschauen, gibt es doch genug Mitglieder der Pariser Gesellschaft, die Albertine und Marcel aus Balbec kennen und über beider Herkunft unterrichtet sind. Nicht zuletzt ist Albertines Gefangenschaft im Käfig der großbürgerlichen Wohnung nicht ausreichend, um ihre emotionale Wirkung für Marcel zu entfalten; dieser braucht die Anerkennung anderer Männer, um sich an seiner Geliebten zu erfreuen: „Allein das Begehren, das sie in anderen erregte, brachte sie, wenn ich es bemerkte, zu leiden begann und sie ihnen streitig machen wollte, in meinen Augen wieder zu hohem Ansehen.“

Der Autor Marcel Proust hat bei der Komposition des Albertine-Themas im Rahmen der Recherche Maß genommen am Leben des realen Marcel Proust. Er lernte Alfred Agostinelli 1907 in Cabourg (dem Vorbild des fiktiven Balbec im Department La Manche) kennen und unternahm mit ihm eine Autofahrt durch die Normandie. 1913 tauchte der 18 Jahre jüngere Agostinelli abrupt wieder im Leben Prousts auf; dieser stellte ihn als seinen Chauffeur und Sekretär an und quartierte ihn mit seiner Verlobten Anna in seiner Pariser Wohnung ein. Proust überschüttete Agostinelli mit Gunstbeweisen aller Art, er schenkte ihm ein Auto und finanzierte ihm eine Ausbildung zum Piloten. Diese Menage à trois hielt ein halbes Jahr, an dessen Ende Agostinelli nach Nizza zu Verwandten floh. Er kam im Mai 1914 bei einem Flugzeugabsturz nahe Antibes ums Leben. Die Bände La Prisonnière und Albertine disparue entstanden nach 1915, beide Typoskripte wurden posthum in den 1920er Jahren publiziert, ohne dass Proust noch die Druckfahnen hätte korrigieren und ergänzen können.

Albertine lässt sich Marcels Eifersucht ohne offene Gegenwehr gefallen, sie beteuert ein ums andere Mal, dass sie sich an seiner Seite glücklich wähnt. Die von Marcel annoncierte Heirat bleibt Phantom, zu sehr ist er damit beschäftigt, als Inquisitor Albertine zu einer gehorsamen Jungfrau zu stilisieren (ohne an eine Verantwortung einer möglichen Schwangerschaft nur zu denken). Wenn er denn einmal ausgeht, lässt er sie bewusst allein zuhause, um sie in den besuchten Salons nicht potenziellen Verführungen durch andere Frauen auszusetzen. Er will sich ihr gegenüber anästhesieren, um sie schließlich verlassen zu können; hier zählt er auf die Gewöhnung durch die Zeit. An Albertines Innenleben ist er kaum interessiert, ihre Passivität und Duldsamkeit gegenüber seinen Launen überschätzt er maßlos, sodass ihn eines Morgens die Nachricht ihrer Abreise völlig überraschend trifft. Sie flieht zu ihren Verwandten in die Touraine, wo sie von Marcel mit Briefen bedrängt wird, doch zu ihm zurückzukehren, da er ohne sie nicht leben könne. Ohne dass die beiden sich wiedersehen, erhält Marcel später die Nachricht, Albertine sei bei einem Reitunfall tödlich verunglückt.

Die Albertine-Episode ist insofern repräsentativ für den ganzen Zyklus, als dass alle näher geschilderten Verlockungen durch Hintergehen, Betrug und Lüge begleitet werden. Marcel wiederholt in seinen Nachstellungen die masochistische Qual, die zwischen Charles Swann und seiner Geliebten (und späteren Ehefrau) Odette de Crecy beherrschend war; der Baron Palamède de Charlus wird von seinem Schützling, dem jungen Violinisten Charles Morel, zuerst ausgenommen und schließlich verstoßen; die Herzogin Oriane de Guermantes erduldet stoisch die Affären ihres notorisch untreuen Gatten Basin; Robert de Saint-Loup ehelicht Gilberte Swann, um seinen Neigungen zu Männern heimlich umso heftiger nachzugehen; Madame Verdurin zieht ein sadistisches Vergnügen aus der offenen Demütigung ihrer verschworenen Gäste. „Was wäre die Liebe ohne Leiden?“ scheint das Motto des Autors Marcel Proust zu sein. Seine eigenen Lieben verschlüsselt er virtuos durch die sieben Bände der Recherche, die Eifersucht fungiert dabei als Nährstoff ihrer Feuer. Aus der langsam erkaltenden Asche erwächst dann beim Autor und beim Ich-Erzähler das große Werk, dessen Entstehen die Leserinnen seit der Madeleine-Episode in Du Coté de chez Swann genießen können. Das Leben ist der Kunst gewidmet, die Liebe bewahrt die Erinnerung, das Schreiben zieht die Schatten aus der Zeit.

Beerdigung

  Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? – 1 Kor 15,55

Der Tod ereilte ihn am Karfreitag, dem Datum des Todes auch seiner Mutter. Rafael starb an einer Lungenentzündung im Alter von gerade 51 Jahren, nach einem Leben als Pflegefall, dazu geworden durch einen Impfschaden im Kleinkindalter. Kerstin erfuhr vom Tod ihres Cousins am Ostersamstag, sie wünschte sich bei seiner Beerdigung dabei zu sein und konnte es ohne Schwierigkeiten einrichten. Auch wenn sie Rafael das letzte Mal vor vielleicht vier Jahrzehnten bei einer Weihnachtsfeier im Kreise der Familie gesehen haben mochte, war es ihr ein Bedürfnis, sich vom Ersten aus der Enkelreihe zu verabschieden.

In seinem Fall lag es nahe, den Tod als Erlösung zu verstehen. Die geistige Behinderung, die einen dauernden Aufenthalt in einer stationären Einrichtung notwendig machte, hinderte ihn an einem selbstständigen Leben mit einem Beruf und einer Familie. Diese tristen Umstände ändern allerdings nichts am Verlust, den der Vater und die beiden Brüder mit seinem Tod erlitten. Mag sich bei ihnen nun auch Erleichterung breitmachen, dass sie sich um Rafaels Betreuung nicht länger mehr zu sorgen brauchen, ist es doch ein vertrauter, geliebter Mensch, der nun nicht mehr da ist, sondern eine Leiche mit dem Schicksal der Verwesung.

In den 1960er Jahren wurden Kerstins Großeltern väterlicherseits elf Enkelkinder geboren. Diese illustre Schar kam zur Feier der Weihnacht und an Geburtstagen im Haus der Großeltern zusammen, das auch der Mittelpunkt der wachsenden Familie blieb, nachdem der Großvater verstorben war. Kerstins Eltern zogen mit ihren beiden Töchtern in das Haus mit dem großen Garten und hatten ihre Geschwister, Schwägerinnen sowie Neffen und Nichten oft zu Gast. Bereits bei den Kindern und Jugendlichen zeigten sich die Unterschiede, die sich im Erwachsenenleben ausprägen sollten. Stille waren ebenso dabei wie Großspurige, Einzelgänger und Gruppenmenschen, Bodenständige und Weltreisende, Erfolgsorientierte und Träumerinnen. Rafael wurde von Beginn an jede Chance genommen, er war nach dem seinerzeitigen Namen einer großen Hilfsorganisation ein Sorgenkind.

Aus dieser Gemeinschaft ist er nun der erste, der der Erde übergeben wird. Getauft wenige Wochen nach der Geburt, jetzt mit einem Seelenamt von dieser Welt verabschiedet, ist er der abwesend Beteiligte an der Trauerfeier, in seinem hellen Sarg vor dem Altar liegend, umgeben von opulentem Blumenschmuck. Nach der Kommunion und dem Segen spricht der Priester noch in der Kirche die rituellen Abschiedsformeln, bevor sechs Männer in Schwarz und mit weißen Handschuhen den Sarg gemessenen Schrittes zum geöffneten Grab tragen, wo die vor Jahren verstorbene Mutter auf ihren jüngsten Sohn zu warten scheint. Die unverstärkte Stimme des Priesters auf dem Friedhof trägt weit genug, die Trauergemeinde ist überschaubar, neben Onkeln, Cousins und Cousinen geben ehemalige Nachbarn Rafael das letzte Geleit. Eine nach der anderen treten sie ans Grab heran, schaufeln einen Klumpen Erde auf den Sarg in zwei Metern Tiefe, streuen eine Handvoll Rosenblätter hinterher und schlagen (nicht alle) das Kreuzzeichen. Die Anteilnahme gegenüber Vater und Brüdern erfolgt durch Blicke und Gesten, Corona sei Undank.

Alle vier Elemente sind als Markierungen der Existenz vertreten. Der Kopf des Säuglings wird während der Taufe mit Wasser übergossen, der Geist ist die treibende Kraft auf dem Weg des Lebens, das Feuer der Kerze ist bei Entscheidungen an Gabelungen dabei und erinnert an die bereits Gegangenen, die inmitten der Erde zerfallen als Würmerkost. Während die leibliche Gestalt der Auflösung anheimgegeben ist, wenn Atmung, Herzschlag und Hirntätigkeit dereinst stillstehen, lebt die Seele im christlichen Glauben weiter, wie es im Credo nach der Predigt rezitiert wird. Dabei ist das Grab ein Ort, der das Gedächtnis an einen Verstorbenen erleichtert; dieser findet seinen Platz in den Gedanken und Träumen der Weiterlebenden, wie es auch Abwesende in weiten Städten und auf entfernten Kontinenten tun.

Hinter den blauen Lappen und den gebleichten Kaffeefiltern über Nase, Kinn und Mund kann Kerstin die meisten Anwesenden problemlos identifizieren. Einige sind hell-dunkel gescheckt im Schopf, andere schon vollständig friedhofsblond, einige federn mit geradem Rücken, andere brauchen den Arm des Nebenmannes oder den Rollator als Stütze. Eine Beerdigung scheint in dieser Zeit der primäre Anlass zu sein, sich im schrumpfenden Familienkreis zu treffen. Dem Innehalten und der Betroffenheit folgen die Appelle, sich auch einmal „so“ wieder zu sehen, die allerdings schon vor Corona mit ihren unseligen Fesseln weitgehend folgenfrei blieben. Kerstin kommt regelmäßig besuchsweise an den Ort ihrer Geburt, wo sich Rafaels Lebensweg vollendet; das Verhältnis zu ihrer Schwester hat sich nach dem Tod der Mutter deutlich gebessert, mit einer Cousine steht sie in regem Austausch, mit einem Cousin telefoniert sie dann und wann, von anderen Verwandten weiß sie hingegen nicht einmal, wo sie leben.

Die Beerdigung, die in der Osteroktav liegt, wird automatisch zur Beschwörung der Auferstehung. Der Kern des christlichen Glaubens gilt der Überzeugung, dass der Tod nicht das letzte Wort habe, dass es ein Reich jenseits irdischer Vergnügen und Beschwerden gebe. Diese Figur kommt Kerstin poetisch vor, gern gibt sie sich dem traditionellen Verweis auf das ganz Andere hin, entstanden in einer grauen Vorzeit magischen Denkens, als die Religion und nicht die Wissenschaft Deutungen des Lebens, seiner Rätsel und seiner Gründe bot. Kerstin spürt, dass es ihr die eigenen Schritte leichter macht, wenn sie darauf hoffen darf, dass der Weg auf der anderen Seite der Grenze weiter führt. Wenn sie am Grab ihrer Mutter steht, ist diese in ihren Gefühlen anwesend, alterslos und ewig und nah.

Der Tod der Anderen wird unweigerlich zum Memento mori, die Beerdigung dokumentiert nüchtern das Voranschreiten der Zeit. Dabei sind das Sterben und das Lebensende mit Kategorien des Verstandes nicht zu fassen. Die statistisch bewilligte Zahl an Jahren ist das eine, wann die jeweils letzte Stunde schlägt, ist das andere. Kerstin steht am offenen Grab ihres Cousins, gibt ihm ein stummes Gebet hinterher und bekreuzigt sich instinktiv. Heimlich vergleicht sie ihren Reifestand mit dem ihrer Cousinen und Schwägerinnen und darf sich in puncto Verfall noch im Diesseits wähnen. Doch kann es schlagartig geschehen, dass aus den vielen gedachten Möglichkeiten eine Endlichkeit wird. Die Erbauung einer Beerdigung liegt im Entschluss, die verbliebene Zeit zu achten und zu nutzen. Einer ihrer Cousins bittet um Entschuldigung, dass wegen der Pandemie-Maßnahmen die Kaffeetafel ausfallen müsse, will sie aber nachgeholt wissen. Begütert mit den besten Wünschen, gehen die Trauergäste langsam auseinander, in ihren Gedanken allein.

Zeit

  Time waits for no one and it won’t wait for me – The Rolling Stones

Marcel Proust (1871 – 1922) hat die vollständige Veröffentlichung seines Romanzyklus „A la recherche du temps perdu“ nicht mehr erlebt. Die ersten vier Bände konnte er noch zum Druck vorbereiten, die Bände fünf, sechs und sieben hat sein Bruder Robert aus dem handschriftlichen Nachlass ediert. Marcel Prousts größte Furcht nach dem Entschluss zum Verfassen des Romans war, dass ihm nicht mehr genügend Zeit zu seiner Fertigstellung bleiben könnte. Seit 1908 arbeitete er, zurückgezogen vom gesellschaftlichen Leben, an seinem Kunstwerk. Den ersten Band „Du coté de chez Swann“ publizierte er auf eigene Kosten 1913 bei Grasset, der zweite Band „A l’ombre des jeunes filles en fleurs“ wurde 1919 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet und machte den Autor schlagartig berühmt. Im Frühjahr 1922 verkündete der kranke und erschöpfte Marcel Proust seiner Haushälterin Céleste Albaret stolz, er habe das Wort „Fin“ unter die letzte Zeile geschrieben – „Le temps retrouvé“ erschien posthum 1927.

Im ersten Band eröffnet die legendäre Madeleine-Szene das Prinzip der willkürlichen Erinnerung. Der Erzähler trinkt beiläufig eine Tasse Tee und tunkt ein Stück des süßen Gebäcks hinein, dessen Geschmack löst eine Flut an Erinnerungen an seine Kindheit im ländlichen Combray aus. Im abschließenden siebten Band findet dieses Prinzip ein Echo. Auf dem Weg zu einer Matinee bei der Prinzessin von Guermantes stolpert der Erzähler über eine Unebenheit auf dem Straßenpflaster, was zu einem weiteren Hagel präziser Erinnerungen an sein verschüttet geglaubtes Leben als Dandy in den Salons der Pariser Aristokratie führt. Dieses Mal fasst er den Entschluss, sich fortan komplett dem Schreiben seines Werkes, das er in Form von Beobachtungen, Eindrücken, Lektüre und Reflexionen in sich trägt, zu verfassen. Für ihn wird die literarische Arbeit identisch mit dem Leben: „Das wahre Leben, das endlich entdeckte und ans Licht gebrachte Leben, das folglich einzige voll und ganz gelebte Leben, ist die Literatur.“

Das Prinzip der willkürlichen Erinnerung, das mit den genannten Episoden das voluminöse Werk umrahmt, strukturiert den Roman in konzentrischen Kreisen. Erinnerungen, ob nun zufällig ausgelöst oder durch konkrete Begegnungen oder Orte beschworen, verlaufen sprunghaft, in Wellen, in sich ändernden Intensitäten und Lautstärken. Sie sind niemals vollständig identisch mit dem Erlebten, das sie in die Gegenwart des Geistes holen, sondern subjektiv, arrangiert und beschönigend. Dementsprechend verläuft die Reise durch die „Recherche“ wie ein Traum, für den die Gesetze der Logik, der Kausalität, der Schwerkraft und vor allem der Zeit nicht gelten. Immer wieder springt der Autor zwischen den memorierten Begebenheiten aus seiner Kindheit, seiner Jugend, seinem Erwachsenenalter und dem Verwelken hin und her; Interpretationen und Beschreiben lösen einander ab, launige Dialoge beim Diner folgen wahllos auf Meditationen über ein Kirchenfenster, Autor, Erzähler und Leserin können den Faden der Geschichte nicht immer aufnehmen. In der Schlussszene der „Temps retrouvé“ besucht der Erzähler nach Jahren der gesellschaftlichen Abstinenz eine Matinee und begegnet dort seinen alten wie gealterten Freundinnen und Freunden. Anfangs wähnt er sich auf einem Maskenball, bis ihm aufgeht, dass die veränderten Gesichter und Körper seiner alten Welt von der Zeit verwüstet wurden.

Auch wird ihm in den Gesprächen mit den anderen Gästen klar, dass er selbst unbemerkt ein Opfer der Jahre geworden ist. So nennt ihn die Herzogin von Guermantes, die er als Heranwachsender heimlich begehrt hat und die ihn später in den Salons des Faubourg Saint-Germain protegiert, ihren „ältesten Freund“. Unfreiwillig komisch gerät seine Bemerkung zu seinem Jugendschwarm Gilberte Swann, mittlerweile selbst Mutter einer 16 Jahre alten Tochter, er wolle sie als „junger Mann“ als Begleiter nicht kompromittieren. Er wird auf der Matinee auf seinen fehlenden Beruf ebenso angesprochen wie auf sein Unverheiratetsein und auf seine Kinderlosigkeit – offenbar erwartet man von einem Mann fortgeschrittenen Alters eine Position und eine Familie, welche er beides nicht hat. Er muss feststellen, dass etliche Damen und Herren der feinen Gesellschaft verstorben sind oder schwer krank daheim im Bette liegen; diejenigen, die sich noch an „früher“ erinnern, schwinden merklich, während die Nachkommen bürgerlicher Emporkömmlinge, die seinerzeit nicht einmal auf der Straße gegrüßt wurden, nun zu den Eingeladenen zählen.

Seine Großmutter ist schon länger tot, der feinsinnige Sammler von Antiquitäten und Freund der Familie Charles Swann ist nur noch ein ferner Name ohne Klang, sein Freund Robert de Saint-Loup ist im I. Weltkrieg gefallen, seine Geliebte Albertine Simonet hat ihn beizeiten verlassen und ist kurz darauf bei einem Reitunfall in der Touraine ums Leben gekommen, der hochmütige und großzügige Baron de Charlus ist mit weißem Haar und stummen Lippen nach einem Schlaganfall ein atmender Leichnam, dessen Bruder der Herzog von Guermantes kann sich auf dem Gipfel seiner 83 Jahre nicht mehr aufrechthalten, seiner Geliebten zum Trotz. Die Matinee im letzten Band führt dem Erzähler unbarmherzig vor Augen, dass der Großteil seiner Lebenszeit verstrichen und der Tod in die Nähe gerückt ist; er, der so lange an seiner Eignung zum Schriftsteller gezweifelt hat, will die Jahre, die ihm noch bleiben mögen, vollends dem Schaffen, dem Schreiben widmen.

Dem Autor bleibt die schöpferische Zeit zum Verfassen seines Zyklus erhalten, zum Glück des Lesepublikums auch heute. Proust legt ein Werk vor, das es in dieser Form bislang nicht gegeben hat. Er bricht mit einem chronologischen Aufbau in der Tradition des Romans; er schildert das Geschehen aus verschiedenen Perspektiven, dabei die subjektive des Erzählers mit der allwissenden des Autors vermengend; er ignoriert das lineare Verstreichen der Zeit ebenso wie die begrenzte Kapazität des Gehirns zum Verarbeiten von Reizen. Die „Recherche“ ist fraglos fiktiv, präsentiert aber zahlreiche Personen der Pariser Belle Epoque kaum verschlüsselt als Staffage. Wahrheit wird Proust eine nicht mitteilbare, persönliche Aussage über die Wirklichkeit, die gleichrangig neben denen anderer steht; die Kunst ist ihm das einzige Mittel, die „verlorene Zeit“ zu bannen, das Erlebte als Werkstoff zu nutzen: „Der Eindruck ist für den Schriftsteller das, was das Experiment für den Gelehrten ist, mit dem Unterschied, dass beim Gelehrten die Verstandesarbeit vorausgeht, beim Schriftsteller aber nachfolgt.“

Das Werk, als Sonate, als Gemälde, als Kathedrale oder im Falle Marcel Prousts als Text, ist ein Ausrufezeichen gegen das Verstreichen der Zeit. Dem Autor ist es bewusst, dass auch sein Leib einmal zu gemeiner Würmerkost werden wird und dass sein Funktionieren die Voraussetzung zur Kreativität ist; doch im Werk wird die Zeit aufgehoben, in ihm ist die Arbeit, die zu seiner Fertigstellung notwendig war, abzulesen. Diese vollzieht sich, wie jede menschliche Tätigkeit, in der Zeit, die eben nicht zugleich für eine andere genutzt werden kann. Nach einem sorglosen und eitlen Leben als Plauderer und Feuilletonist der feinen Gesellschaft der III. Republik, opulent ausgebreitet in „Le coté de Guermantes“ und in „Sodom et Gomorrhe“, folgt Proust schließlich dem Ruf des Werkes, das er dem Publikum vorlegt als Spiegel seiner selbst: „Das Werk des Schriftstellers ist nur eine Art optisches Instrument, das er dem Leser anbietet, damit dieser erkennen kann, was er ohne dieses Buch in sich selbst vielleicht nicht zu sehen vermocht hätte.“

Jeder Mensch ist angefüllt mit den Stunden seines gelebten und den Plänen seines künftigen Lebens, das sich auf der materiellen Ebene als Verfall lesen lässt und auf der geistigen Ebene als Entfaltung. Die Ausdehnung des menschlichen Daseins findet dabei im Raum ebenso statt wie in der Zeit. Der Begriff der „verlorenen Zeit“ ist missverständlich, besser sollte von der „vergeudeten Zeit“ die Rede sein, von der nicht im künstlerischen Sinne genutzten Zeit. Die Psychoanalyse Sigmund Freuds, die zu den großen Denkschulen des 20. Jahrhunderts werden sollte, rekonstruiert und ordnet die weiter wirkende Vergangenheit durch Assoziationen, durch fließendes Reden und durch eine Analyse der Träume; auch hier wird eine Biografie durch die zur Sprache gebrachten Erinnerungen gerahmt und mit Sinn aufgeladen. Der Roman im Sinne Marcel Prousts ist eine Nachnutzung des im Gedächtnis aufbewahrten Lebens für die Kunst, dabei sich provozierend erinnernd wie bewusst vergessend.

Das Buch, das der Autor zu schreiben sich entschließt, wird ihm alles abverlangen, was er zur Verfügung hat: Er wird „es ertragen wie eine Strapaze, sich ihm unterwerfen wie einer Ordensregel, es aufbauen wie eine Kirche, ihm folgen wie einer Verschreibung, es besiegen wie ein Hindernis, es erobern wie eine Liebschaft, es verwöhnen wie ein Kind, es erschaffen wie eine Welt“. Dafür muss er seine gesellschaftlichen Kontakte schleifen lassen, er kann nicht länger die Einladungen zu Konzerten, Rezitationen und Soireen annehmen, Briefe bleiben unbeantwortet, die Arbeit findet bevorzugt des Nachts statt, der Tag dient dem Schlaf und der Ruhe. Die heiteren Stilimitationen berühmter Autoren wie Balzac, Baudelaire, Chateaubriand und Musset finden ihr Ende, nun hat Proust seine eigene Stimme gefunden. Und über allem liegt die Frage, ob es für das, was er zu sagen hat, nicht schon zu spät sei.

Die Antwort des Autors Marcel Proust fällt unvergleichlich aus. Sein Ziel ist es, den ewigen Strom der Zeit einen Moment lang anzuhalten, dem Augenblick die Dauer eines Atemzuges zu verleihen, das unweigerliche Vergessen um einen Händedruck, eine Umarmung und einen Kuss zu verzögern. Am Ende des siebten Bandes angekommen, ist die Leserin von der Melancholie des Abschieds erfüllt, der sie die Vorfreude auf eine baldige Re-Lektüre entgegenstellt. Der Autor Proust entgeht der Maßlosigkeit der Zeit, die ja bezogen auf die kurze Dauer des eigenen Lebens monströs wirkt, indem er auf Angaben zu Mengen, Größen und Verläufen weitgehend verzichtet. Jahreszahlen werden ebenso selten genannt wie Geburtstage, von Geldsummen erfährt man ebenso wenig Konkretes wie von Stimmverhältnissen bei der Wahl in den Jockey oder von der Entfernung zwischen Venedig und Balbec. Ganz so, als akzeptiere der Autor Proust das individuelle, stets relative Erleben der Zeit in der Seele der Einzelnen; das Glöckchen am Gartentor in Combray, das ihm in seinem Zimmer das Gehen des Gastes Charles Swann und den baldigen Gutenachtkuss seiner Mutter anzeigt, ist eine Erinnerung an seine Kindheit, mehr nicht.

Am Ende reichen des Autors Zeit und Kraft, um sein Werk, das etwa 1,1 Millionen Wörter umfasst, zu vollenden; sein chronisches Asthma hindert ihn ebenso wenig daran wie der I. Weltkrieg. Der zirkulär komponierte Roman, der mehrfach erweitert und umgebaut wurde (so wurden „La prisonnière“ und „La fugitive“ nach einer existentiellen Liebeskrise zusätzlich in die Erzählung aufgenommen), vereint die Qualitäten eines edlen Parfums, einer Spritze betäubenden Morphins, eines sättigenden Gerichtes und eines belebenden Spaziergangs. Die labyrinthischen Sätze Marcel Prousts mit ihren gelehrsamen Metaphern und ihrem Humor leichter Hand geleiten die Leserin in den Schlaf und ankern auf dem Grund ihrer Seele; wenn der Morgen erwacht und sie sich noch trunken im Bette wälzt, klopft die Erinnerung an das am Abend Gelesene an ihre Stirn. Ohne sagen zu könne, wie lange sie genau geschlafen hat, spürt sie durchaus, ob sie sich ausreichend im Dunklen erholt hat. Das Leben beginnt von neuem, der neue Tag ist wie der erste.

Niggemann

Jede Krise hat ihre Profiteure. Die politischen Maßnahmen, die seit gut einem Jahr die Menschen weltweit in ihre Wohnungen verbannen, fördern deren Selbstbeschäftigung. Viele Menschen entdecken die Welt der Streamingdienste und Pornoplattformen, andere machen Online-Yoga, wieder andere verbringen etliche Stunden des Tages tobend auf Social Media-Kanälen. Das ehrwürdige Schachspiel, etwa um das Jahr 500 als Zeitvertreib der Brahmanen in Indien entstanden und in der Renaissance über Persien und Arabien nach Europa gelangt, hat sich bereits zu Beginn des 21. Jahrhunderts seine digitale Infrastruktur geschaffen. Computer und Engines, Videotraining und Datenbanken gehören heute zum Handwerkszeug der Profis wie der Vereinsspieler, Turniere werden online übertragen und kommentiert, digitale Blitzpartien sind Teil des schachlichen Alltags. Und in der chronischen Corona-Krise steigt zusätzlich der Absatz klassischer Turniersätze aus Figuren und Brettern aus Holz.

Der Schachversand Niggemann ist Deutschlands erste Adresse für Schachbedarf. 1985 gegründet, domizilierte das Unternehmen zunächst in Heiden im westlichen Münsterland, nach dem Wechsel der Eigentümer vor zwei Jahren sitzt der Großhändler in einem Gewerbegebiet am Rand der Westfalenmetropole. Auf 500 m² wird den Kunden die ganze Welt des Schachspiels geboten: Dazu zählen Schachbücher für Großmeister wie für Amateure, Zeitschriften, DVD und Software, Pokale und Partieformulare sowie natürlich Schachbretter und Figuren in allen Ausführungen, von der Garnitur im Turnierstandard über das Set für Schulklassen bis hin zu Sammlerstücken aus Alabaster, Bernstein oder Chrom. Niggemann beliefert in erster Linie den Einzelhandel des Schachs, ist aber auch offen für Endkunden. Diese finden sich gerade in der Pandemie verstärkt ein – Schach erlebt einen Boom, sein Image wandelt sich von nerdig in Richtung cool.

Ein unerwarteter Treiber ist die Netflix-Serie „The Queen’s Gambit“, die die fiktive Geschichte eines Waisenmädchens auf seinem Weg zum Olymp des Schachs in den 1950er und 60er Jahren erzählt. Hier haben die Filmemacher, die viele Szenen in und um Berlin mit seinem Sowjetflair gedreht haben, das Unternehmen Niggemann angesprochen, um sich mit zeitgemäßen Requisiten des Schachspiels auszustatten. Dazu gehört auch die klassische Schachuhr „Garde“ aus dem VEB Ruhla der DDR, die gerade ein Revival erlebt. Heutige Schachuhren funktionieren digital, werden per Batterie betrieben und erlauben eine Zeitzugabe pro Zug, sind aber anders als die von Hand aufzuziehende „Garde“, die noch bei den WM-Kämpfen zwischen Garri Kasparow und Anatoli Karpow in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre zum Einsatz kam, keine Design-Schmuckstücke. Niggemann, unter anderem Ausrüster der Schachbundesliga, könnte locker etliche Exemplare dieser Ikone verkaufen, muss aber Interessenten vertrösten, weil der Hersteller derzeit nicht liefern kann.

Ähnliches gilt für Bretter und Figuren. Hier hat Niggemann im vierten Quartal 2020 seinen Umsatz im Vergleich zum Vorjahr verzehnfacht. Gottlob liefern die Produzenten edler Sätze aus Spanien und Frankreich endlich wieder Ware, sodass Niggemann seine alten wie neuen Kunden in Deutschland und Europa bedienen kann. Das Schachkaufhaus ist Vertriebspartner für Schachliteratur amerikanischer, britischer und russischer Verlage; auch Software zur Vorbereitung und zur Analyse der Partien, namentlich vom Hamburger Marktführer ChessBase, wird professionell vertrieben, inklusive der Beratung im Ladengeschäft, soweit gewünscht. Die Schachzeitschrift „New in Chess“, herausgegeben im niederländischen Alkmaar, ist seit Jahrzehnten eine feste Größe im internationalen Schachleben, auch sie findet sich im Sortiment des Schachversandes. Kürzlich wurde die NiC mehrheitlich von der börsennotierten „Play Magnus Group“ des norwegischen Schachweltmeisters Magnus Carlsen übernommen, was prompt für rege Diskussionen in der Schachcommunity über die Unabhängigkeit des „world‘s leading chess magazine“ führte.

Der technische Fortschritt speziell auf dem Gebiet der Computer hat das Schachspiel grundlegend verändert, nicht von den Regeln her, wohl aber von seiner Organisation. So war bis Mitte der 1990er Jahre die sogenannte Hängepartie die Regel, bei der eine Partie nach dem 40. Zug und maximal fünf Stunden abgebrochen und am kommenden Spieltag wieder aufgenommen wurde. Die Sekundanten des Großmeisters analysierten meist nachts die Abbruchstellung, um die beste Fortsetzung zu finden. Die immer stärker werdenden Computer haben diese Tradition nüchtern beendet, weil sie anders als der Mensch binnen Sekunden stets die ideale Fortsetzung finden und das Spiel klinisch ersticken; heute kann eine Partie sechs und mehr Stunden dauern, sie findet ihr Ende aber verlässlich am selben Tag. 1995 hatte Garri Kasparow bei seinem WM-Match gegen Viswanathan Anand erstmals eine Eröffnungsüberraschung mit Hilfe des Computers vorbereitet, 1997 verlor er dann einen spektakulären Schaukampf gegen den Computer „Deep Blue“ von IBM.

Bei Niggemann findet die Interessierte auch zu diesen schachhistorischen Fragen Literatur; diese ist allerdings nach dem Alphabet und nicht nach Wissensgebieten geordnet, sodass das Stöbern in den Regalen etwas beschwerlich ist. Ein Besuch bei Niggemann im Gewerbegebiet ist aber in jedem Fall lohnend, das Verkaufsteam ist hilfsbereit und nimmt sich Zeit für die Beratung auch und gerade von Anfängern. Im Schachkaufhaus in Gegenwart von hölzernen Figuren im Staunton-Stil zu sein, erinnert die Schachfreundin daran, dass Schach eben nicht nur eine Mischung aus Kunst, Wissenschaft und Sport ist, sondern auch soziale Interaktion mit realen Menschen am Brett. Der traditionelle Handschlag vor und nach einer Partie ist bis auf weiteres ausgesetzt; als allerdings Mitte Januar das berühmte Turnier in Wijk aan Zee an der niederländischen Küste begann, hockten die Kiebitze vor ihren Rechnern und verfolgten das Geschehen via Internet. Der überraschende Sieg des jungen Niederländers Jorden van Foreest hat das kleine Nachbarland elektrisiert.

Voller Vorfreude blicken die Fans nach Jekaterinburg, wo Mitte April die zweite Hälfte des Kandidatenturniers, das im März 2020 pandemiebedingt unterbrochen worden war, gespielt werden wird. Auch wenn Schach sich für das Spielen im Internet eignet wie Korsika zum Bergwandern, bleibt das Spiel mit den Figuren unter den Händen unerreicht. Anders kann man es nicht erklären, dass derzeit viele Menschen den Weg zu Niggemann finden, unter ihnen vermehrt Frauen. Die schmeichelnde Haptik des Spiels bleibt ein Zauber, den auch die stärkste Software auf dem schnellsten Rechner dem Schach nicht austreiben kann, sei es auf der Ebene der Elite-Großmeister, der Vereinsspieler, der Schüler oder der Patzer. Das Kommunizieren mit den Figuren geht in der 3-D-Version deutlich besser, ein Gespür für Zeit und Raum im Schach entwickelt man am Brett besser als am Monitor. Das sagen auch die Spitzenspieler, die nach einem Jahr der Dürre endlich wieder im Turniersaal sitzen dürfen. Niggemann wird es freuen – der Schachversand hat für jeden Geschmack und für jedes Portemonnaie etwas im Angebot, während und erst recht nach der Pandemie.

Palmsonntag

Mit dem Einzug Jesu in Jerusalem (Mk 11,7-11) an Palmsonntag beginnt die Karwoche, die mit der Gefangennahme, der Kreuzigung und der österlichen Auferstehung Jesu Christi gipfelt. Die Fastenzeit mit ihrer Vorbereitung auf die Passion des Erlösers kommt zu ihrem Höhepunkt. Im Gottesdienst werden die Palmzweige geweiht, bevor das Kreuz und Bildnisse Jesu in der Vorwegnahme der Trauer des Karfreitags verhüllt werden. Ostern, das höchste Fest der Christenheit, steht in diesem Jahr unter einem besonders dunklen Stern. Als ob die politischen Corona-Maßnahmen das kirchliche Leben nicht bereits genug behinderten, ist nun in der katholischen Gemeinde Sankt Stephanus in Münster der Streit um die Abberufung des Pastors eskaliert: Eigentlich sollte er zum 1. Juni in eine andere Pfarrei versetzt werden, nun wurde ihm im Handstreich die Dienstwohnung zu Mitte März gekündigt.

Der abrupte Auszug des beliebten Pfarrers nach 17 Jahren erfolgreicher Gemeindearbeit stellt eine traurige Klimax in der Auseinandersetzung zwischen dem Münsteraner Bischof und der Gemeinde Sankt Stephanus in der Aaseestadt dar. Als des Bischofs Entscheidung Anfang Advent 2020 verkündet wurde, machte sich Fassungslosigkeit unter den Gemeindemitgliedern breit. Sie konnten partout nicht verstehen, warum ein ausgesprochen engagierter und wohlwollender Priester mir nichts, dir nichts aus der Gemeinde herausgerissen und ans andere Ende der Stadt versetzt werden sollte. Die Gläubigen sammelten sich nach dem betäubenden Schlag, organisierten sich, schrieben Leserbriefe an die Lokalzeitung, setzten eine Webseite auf und drängten auf ein Gespräch mit dem Bischof, zu dem es Ende Januar 2021 tatsächlich kam.

Allerdings blieb die Kernfrage der Vertreter nach den Gründen für des Priesters Versetzung unbeantwortet, diffus war seitens des Bistums von einer personellen und strukturellen Neuorientierung der Pfarrei die Rede. Zudem müsse der Bischof das große Ganze der Diözese im Blick behalten und könne sich nicht mit den Befindlichkeiten einer einzelnen Gemeinde aufhalten. Der betroffene Priester hielt sich aus Loyalität gegenüber seinem Dienstherrn wie wohl auch aus Scham gegenüber seiner Umgebung mit Stellungnahmen zurück; allerdings betonte er noch im Februar während eines Gottesdienstes, dass er gerne in Sankt Stephanus geblieben wäre, und dementierte damit die Behauptung des Generalvikariats, er habe um seine Versetzung gebeten. Vor diesem Hintergrund ist der Rausschmiss des Pastors kurz vor Ostern aus seinem Amt und aus seiner Dienstwohnung neben der Kirche als brutaler Schnitt zu verstehen.

Am Palmsonntag versammelten sich geschätzte 500 Menschen nicht nur aus Sankt Stephanus zu einer Protestveranstaltung auf dem Münsteraner Domplatz, um gegen den würdelosen Umgang des Bischofs mit ihren Anliegen zu protestieren. Dabei wurde der sattsam bekannte Vorwurf der Intransparenz wiederholt; bis heute wurde ihnen kein konkreter Grund für die Demission des Priesters genannt, der für die Vitalisierung des Miteinanders der Gemeinde seit 2003 steht wie kein Zweiter. Eine Rednerin thematisierte einen schwelenden Konflikt zwischen liberalen und konservativen Kräften in der Großpfarrei Sankt Liudger, zu der die einstmals selbstständige Gemeinde Sankt Stephanus zählt. Die anderen mitfusionierten Gemeinden Sankt Anna, Sankt Pantaleon und Sankt Ludgerus am westlichen Stadtrand werden von Priestern der Emmanuel-Gemeinschaft geleitet, die im Ruch steht, gegen Segnungen für Homosexuelle und gegen die Besetzung von Leitungsämtern mit Frauen zu opponieren.

Sankt Stephanus, nah an der Münsteraner Innenstadt gelegen und von vielen jungen Familien ob der grünen Gärten und ruhigen Straßen bevorzugt, reklamiert ein liberales Verständnis der Theologie wie der Lebenswirklichkeit der Gegenwart für sich, das generationenübergreifend funktioniere. Den Männern und Frauen muss dabei die gutherrenartige Führungskultur des lokalen Bischofs wie aus dem 19. Jahrhundert sauer aufstoßen. Von seinem fürstlichen Palais im Schatten des Doms wäre es ein Katzensprung zu der Demonstration des Unmutes gewesen, aber natürlich ließ sich der Instrumentalist der kirchlichen Macht nicht blicken unter seinen Schäfchen. Seine Einweg-Kommunikation mutet auch für Gäste in Sankt Stephanus und Münster grotesk an; selbst, wenn er neben dem pastoralen Blick die Finanzen der Großpfarrei im Auge haben muss, kann er es sich nach dem Verständnis einer modernen Good Governance kaum leisten, weitreichende Personalentscheidungen lediglich im Vorbeigehen zu verkünden und es seinen Subalternen zu überlassen, diese zu exekutieren.

Dieser Bischof, dessen Weggang aus dem Bistum Essen 2009 dort mit Erleichterung quittiert wurde, steht in Deutschland leider nicht allein mit seinen erratischen Auftritten. Sein Amtsbruder in Köln (seit 2014) macht in der Kommunikation um die Aufarbeitung des Skandals um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche eine dermaßen katastrophale Figur, dass auf breiter Front sein Rücktritt gefordert wird. Völlig klar, dass die Erosion der weltlichen Macht auch mit einem Verlust an seelsorgerischer Autorität einhergeht. Die Vorabendmesse zum Palmsonntag, die erste ohne den geschassten Priester, war selbst unter den tristen Corona-Bedingungen nur schütter besucht und fand in einer Atmosphäre der Lähmung statt – die Gemeinde stimmte unmissverständlich mit den Füßen über den klerikalen Ukas ab. Das Klingelschild an der verwaisten Dienstwohnung nennt noch den Ehemaligen, auf der Webseite der Pfarrei sind sein Name und sein Foto wie weiland bei Stalin bereits getilgt.

Dem Münsteraner Bischof scheint der Gedanke fernzuliegen, dass er sich mit seiner Entscheidung à la Machiavelli ins eigene Fleisch schneidet. Er müsste in Zeiten des chronischen Rückgangs der Zahlen der Gläubigen, in Zeiten, in denen die Termine beim Amtsgericht zum Kirchenaustritt auf ein halbes Jahr hin ausgebucht sind, den Schatz einer mobilisierten und lebhaften Gemeinde hegen und pflegen; stattdessen geht er mit den zahllosen Ehrenamtlichen um wie ein Spieß mit seinen Rekruten, der nur das Geschrei und den Verweis kennt. Dass er es dem offiziell noch nicht bestimmten Nachfolger im Amt des Pastors über Gebühr schwer macht, scheint ihn nicht zu bekümmern. Ein Gemeindemitglied äußerte am Rande der Demonstration am Palmsonntag, der Bischof habe den ersten Stein auf Stephanus, den ersten Märtyrer der Christenheit (Apg 7,54-60), geworfen, der nun zum zweiten Male hingerichtet werde. Keine aufbauende Perspektive für das nahe Osterfest, das größte Geheimnis wie Wunder des christlichen Glaubens.

Der aus der Aaseestadt an den Südostrand Münsters vertriebene Priester hat dem Vernehmen nach bereits eine Wohnung im neuen Stadtteil gefunden, allerdings nicht auf dem Gelände seiner künftigen Kirche. Mutmaßlich wird er, der weiter als Religionslehrer an einer Schule nahe seiner alten Pastorale arbeiten wird, „seinen“ Leuten dann und wann auf dem Fahrrad begegnen. Die Netzwerkarbeit in Sankt Stephanus wird sich ohne ihn neu sortieren müssen, ob es um die Hospizarbeit geht, die Jugendgruppen, die Suppenküche oder die Seniorenseelsorge. Die aktiven, willigen und verantwortungsbereiten Gemeindemitglieder bleiben ja vorerst, ebenso wie der Handlungsbedarf vor Ort nicht schwindet. So schmerzhaft die vergangenen Monate für die Gemeinde Sankt Stephanus auch waren, das religiöse Leben wird weitergehen. Nun können die Schafe zeigen, wie sie sich ohne ihren Hirten auf der Weide finden. Auch das ist eine frohgemute Osterbotschaft.

Operation

  Der Körper schließt den Geist in eine Festung ein; schon bald wird die Festung von allen Seiten belagert, und schließlich muss der Geist sich ergeben. – Marcel Proust

Erst kürzlich hat sich Kerstin wieder eine Blasenentzündung eingefangen. Überfallartiger Harndrang treibt sie auf die Toilette, es brennt beim Wasserlassen, ein paar Tropfen werden freigegeben, keine zehn Minuten beginnt der Kreislauf von Neuem. Bei einem Infekt der unteren Harnwege helfen nur Antibiotika, es gibt Frauen, die sich alle Naselang eine solch lästige Infektion zuziehen. Bei Kerstin lag die letzte ein gutes Jahr zurück, davor hatte sie etwa zehn Jahre Ruhe. Frauen sind prädisponiert für diese Plage, die sie in der Nähe zum Bad festhält, da zum einen die Harnröhre im Gegensatz zum Mann um etliche Zentimeter kürzer ist und die Bakterien schneller ans Ziel gelangen, zum anderen, da der Anus mit seinen Milliarden Bakterien in anatomischer Nachbarschaft liegt.

Kerstin ist vor wenigen Wochen 56 Jahre alt geworden. Den Geburtstag hat sie pandemiebedingt allein begangen, Rückschau hat sie jedoch ebenso gehalten wie einen Blick in die Zukunft geworfen. Wenn sie sich an die Statistik hält, bleiben ihr noch rund 28 Jahre bei hoffentlich guter Gesundheit und Selbstständigkeit, also noch ein Drittel im Vergleich zum bisher Gelebten. Und von diesen 56 Jahren hat sie 30 Jahre ohne, nein, besser mit gelebt. Im Februar 1991, als der Golfkrieg der USA gegen den Irak in vollem Gange war, lag sie im Krankenhaus auf der Abteilung für Plastische Chirurgie. Der Chefarzt transformierte ihr Genital, er formte aus dem Ensemble des Penis und des Hodensacks eine Vulva und eine Vagina. Ihr primäres Geschlechtsmerkmal wurde dergestalt der weiblichen Norm so weit angenähert, wie es die ärztliche Kunst erlaubt.

Nach dem mehrstündigen Eingriff lag Kerstin einige Tage im Dämmer der Narkose und der Schmerzmittel, in der Blase einen Katheter, der den Urin einfach aus dem Körper herausfließen ließ. Welch eine Sensation, als sie nach dem Ziehen des Katheters erstmals die Toilette aufsuchen konnte: Im Sitzen nahm der Urinstrahl nun den auf immer verkürzten Weg, das Plätschern im Becken klang so wie das der Nachbarin in der Kabine nebenan, wie Kerstin später ungezählte Male registrierte. Es war einfach umständlicher, die Blase zu entleeren, es dauerte länger, sich untenrum freizumachen und sich darauf wieder herzurichten. Ob ihr Eindruck, häufiger zur Toilette zu müssen, daher rührt, dass es einfach mehr Zeit kostet, vermag sie nicht mit Sicherheit zu sagen; wohl aber, dass es viel zu wenig öffentliche Toiletten für Frauen gibt. Sie schaut verschämt weg, wenn sie mal wieder einen Mann hemmungslos an einen Baum oder einen Pfahl pinkeln sieht.

Diese Operation hat sie nicht zur Frau gemacht, diese hat schon vorher in ihrem Kopf und in ihrem Herzen gelebt. Die Operation hat vielmehr einen finalen Schnitt unter den Prozess der nachholenden Verweiblichung gesetzt, der ihr den Zutritt in exklusive Frauenräume erlaubt: Im Alltag die Toilette, die Umkleide im Kaufhaus, die Dusche im Schwimmbad und auch die Sauna. Mögen ihre Brüste klein sein wie bei einem Mädchen am Beginn der Pubertät: Ihre Pflaume zwischen den Beinen, umgeben von einem Büschel dunklen Schamhaars, sieht nicht anders aus als die der anderen Frauen. Ihre Möse endet blind, die monatliche Blutung bleibt ihr teils erspart, teils verwehrt. Anfangs musste sie die neue Vagina regelmäßig mit einem medizinischen Dildo dehnen, auf dass sie nicht von innen her wieder zuwüchse. Dass sie dabei Freude und Lust empfand, war ein klarer Indikator, dass das neue Genital das endlich richtige war. Sie fühlte sich vervollständigt.

Corriger la fortune. Die Östrogene, die sie seit nun 32 Jahren nimmt, haben ihre Haut fein und seidig gemacht, unterfüttert von angewachsenem Unterhautfettgewebe. Sie profitiert davon, dass ihre Haut ein klein wenig dicker ist als die geborener Frauen. Ihr Geruch unter den Achseln und zwischen den Beinen ist entschieden fraulich, manchmal schnuppern Hunde an ihr. Ihr Haupthaar ist weiterhin voll, dicht und lang, sie trägt es meist im Dutt und muss spätestens alle sechs Wochen zum Friseur, um den weißen Ansatz nachzutönen. Wenn sie sich morgens nackt vor dem Schlafzimmerspiegel mustert, mag sie ihre sehnige Figur, die die ehemalige Marathonläuferin erinnert; ihre Gonarthrose hat das Laufen beendet, sie kompensiert diesen Verlust durch tägliches Radfahren und regelmäßiges Schwimmen. Zu Beginn des Frühlings, wenn sie ihre jährliche Fastenzeit zelebriert, aus religiösen wie physischen Gründen, ist ihre Taille definiert und ihr Hintern hübsch gerundet. Im roten Etuikleid, das die Knie freilässt, und in schimmernden Strumpfhosen sieht sie noch immer sexy aus.

Die Operation (vom lateinischen opus, das Werk, die Arbeit; in der medizinischen Bedeutung das Handwerk respektive der Eingriff des Chirurgen) ist für transsexuelle Frauen der Angelpunkt ihrer Biografie. Das ist für Kerstin so zutreffend wie unzureichend. Während der Diskurs die Operation zum Ziel des Sehens und Strebens erklärt, ist sie für Kerstin der zweite Start ins Leben. Nun sind Fakten geschaffen, deren Konsequenzen sie annehmen muss – nun gilt auch für sie, dass Anatomie Schicksal ist. Sie darf sich nun nicht nur im weiblichen Territorium aufhalten, sie muss sich nun so kleiden und benehmen, wie die Welt es von ihr aufgrund ihres Namens im Ausweis, ihres Gesichtes und ihres Schoßes erwartet. Sie muss sich nun für Mode interessieren, darf es mit dem Parfum nicht übertreiben, muss eine Routine im Schminken entwickeln, soll mit der Stimme Behaglichkeit signalisieren und muss freundlich, verbindlich und sorgend wirken. Auch wenn es ihr unter den Östrogenen leichtfällt, bleibt es ein geschlechtlicher Text, den sie memorieren muss und möchte.

Ihr ist nun an der Schwelle zu ihrem mutmaßlich letzten Lebensdrittel einsichtig, dass ihr Geschlecht ein dynamisches bleiben wird: Sie wird nie die unhinterfragte Gewissheit geborener Frauen kennen, deren Identität nicht angezweifelt wird; sie fühlt sich weiblich unter Vorbehalt, als müsse sie etwas beweisen, was anderen gegeben ist. Die Operation ändert daran nichts, im Gegenteil, ihre Pussy legt ihr die Verpflichtung auf, sich nun als Frau zu geben, ohne dass es länger ein Experiment oder Wachstum wäre. Sie muss den Wandel, der im Gedächtnis präsent bleibt, nach außen ignorieren. Ein Niemandsland der Geschlechter ist nicht vorgesehen; anders als bei der ethnischen Herkunft, gibt es im Reich der Geschlechter kein Gleichgewicht im Fluss, keine hybride Identität mit dem Besten aus zwei Welten. Kerstins Entmännlichung, signifikant vollzogen durch die Operation, steht nicht mehr auf der Agenda, ihre offenbarte Weiblichkeit ist ein chronisches Lernen am eigenen Maßstab.

Frauen werden sehr viel stärker über ihr Aussehen taxiert und bewertet als Männer, von ihresgleichen erst recht. Graue Haare bei Männern haben mitunter etwas Würdevolles, bei Frauen klingt hingegen die Vernachlässigung an. Männer, so offenbarte ihr ein Kollege, könnten mit intelligenten oder gar intellektuellen Frauen nur schwer umgehen; Kerstin nimmt sich in Diskussionen im Beruf extra zurück, um nicht als zu forsch und dominant zu erscheinen. Komplimente für ihr Aussehen nimmt sie gerne an, ohne sie bewusst zu provozieren. Bei einem Schachwettkampf wurde ihr von einem Vertreter der gegnerischen Mannschaft gesagt, sie erinnere ihn an Katharina Witt, das schönste Gesicht des Sozialismus, Jahrgang 1965 wie sie. Sie lächelte den älteren Schachfreund aus der DDR offen an und freute sie über den Vergleich. Welch schöne Frau, die mit harter Arbeit und Disziplin nach ihrer sportlichen Karriere nun als Unternehmerin tätig ist.

Kerstin hat früh genug verstanden, dass sie für ihren Körper, seine Gesundheit und sein Altern zu großen Teilen selbst verantwortlich ist – Männer kapieren diesen Umstand meist erst dann, wenn die ersten schweren Schäden kommen. Sie raucht nicht und trinkt keinen Alkohol, ernährt sich seit 25 Jahren vegetarisch und achtet konsequent auf ihr Gewicht. Die Operation hat sie seinerzeit in die Freiheit entlassen, mit der Maßgabe, sich um sich selbst zu kümmern. Noch dem Testosteron ausgesetzt, hat sie in ihren frühen Zwanzigern selbstzerstörerisch gelebt, gottlob ohne dass es zu einem schlimmen Unfall kam. Das Einleben ins Frausein hat Jahre gedauert, hat ihr aber Attraktivität, Arbeitsfähigkeit und seelische Regeneration geschenkt. Sie ist durch die brechenden Wellen des Geschlechts getaucht und schwimmt nun im offenen Meer mit gleichmäßigen Armzügen und sattem Beinschlag, nach unten ins Wasser ausatmend, stets zur Linken Luft holend. Der Unterschied zwischen einer Frau und einer Transfrau ist ihr intuitiv klar, ebenso wie die Gemeinsamkeiten; sie freut sich über das Erreichte und trauert dem Verpassten nicht nach.

Ihre Zeit auf Erden ist begrenzt, ihr Körper geht den Weg alles Irdischen, Leben ist Blüte, Reife und Verfall, das Alter holt sich jede. Natürlich schüchtert sie die blendende Schönheit junger Frauen ein, dann hilft der relativierende Blick auf die Matronen, die sich nolens volens gehen lassen. Wenn Kerstin dereinst vor ihrem himmlischen Richter stehen wird, kann sie ihm sagen, dass sie 26 Jahre mit Penis und 30 plus Jahre mit Vagina gelebt hat. Sie hat als Frau mit ihrer Muschi Sexualität ausgekostet und in einer Partnerschaft gelebt, sie hat gelernt, die Einsamkeit nicht als Verdammnis, sondern als Quell der Kraft und Kreativität zu umarmen. Wer hat schon die Gelegenheit, sich selbst mit einem ausgesuchten Namen taufen zu können. Genau wie ihre Großmutter, deren Gangbild sie sich unbewusst angenähert hat, wird sie unverheiratet und allein den Lebensweg beschreiten. Kerstin hadert nicht länger mit ihrem Schicksal, das sie früh gelehrt hat, mehrfach Anlauf zu nehmen und ihre Ausdauer zu trainieren.

Ihr Weg ist nicht der Resignation, sondern der der Resilienz. Die Operation hat ihr das Tor zum inneren Frieden aufgestoßen, sie war die hinführenden und sich ergebenden Anstrengungen allemal wert. Sie hat sich diesen Weg nicht ausgesucht und hat dementsprechend keine Entscheidung getroffen. Sie ist mit dem Ausbruch der Transidentität konfrontiert worden und hat sich ihr gestellt. Ihr seltenes Geschlecht ist in ihren Körper mit seinem Gedächtnis eingeschrieben; im Rhythmus der sieben Jahre erneuern sich seine Zellen, das amputierte Glied wächst nicht wieder nach, das genetische Programm wird von einem hormonellen Code überschrieben. Für die kommenden Jahre hat sie neben dem Russischlernen, dem Naturgenuss und dem Schachspielen ein erklärtes Ziel: Sie will die Dichterin gebären, die sie schon von klein auf in sich trägt. Sie will das literarische Werk, das in ihr keimt und reift, ernten und verschenken. Möge die Zeit, die ihr gegeben ist, dafür noch reichen. Marcel Proust als Frau.

Jekaterinburg II

  Ich glaube nicht an Psychologie. Ich glaube an gute Züge. – Bobby Fischer

Es ist ein in der Geschichte des Schachs ungekannter Vorgang. Das Kandidatenturnier in der russischen Stadt Jekaterinburg zur Ermittlung des nächsten Herausforderers des Weltmeisters Magnus Carlsen wurde Ende März 2020 nach sieben von insgesamt vierzehn zu absolvierenden Runden abgebrochen. Russland hatte im Zuge der Corona-Pandemie seinen Luftraum geschlossen, sodass der ausrichtende Weltschachverband FIDE sich zu einer Unterbrechung des Turniers genötigt sah. Nach mehreren vergeblichen Anläufen soll das Turnier mit seinen acht Teilnehmern in der zweiten Hälfte des April 2021 wieder aufgenommen werden.

Das Kandidatenturnier ist einer der prestigeträchtigsten Anlässe im internationalen Schachzirkus, geht es doch um nichts Geringeres als das Recht, den amtierenden Champion zu einem Duell um die Schachkrone zu fordern. Seit seiner Etablierung 1950 zählt das Kandidatenturnier zu den Marksteinen der Schachgeschichte, mit legendären Partien, großartigem Schach, menschlichen Dramen, knisternder Spannung und einem würdigen Sieger. Dass allerdings ein Turnier nach seiner ersten Hälfte ein ganzes Jahr aufgrund höherer Gewalt pausieren muss, ist ein absolutes Novum. Der erste WM-Kampf zwischen Anatoli Karpow und Garri Kasparow 1984/85 in Moskau wurde nach 48 Partien beim Stand von 5:3 für den Weltmeister im Februar 1985 ergebnislos abgebrochen; das zweite Match zwischen den beiden K begann im September 1985 beim Stand von 0:0 ebenfalls in Moskau.

Der erste Umgang des Kandidatenturniers in Jekaterinburg im März 2020 verlief so gar nicht nach den Prognosen der Experten. Die vorab ausgemachten Favoriten, Fabiano Caruana aus den USA und Ding Liren aus China, spielten zwar eine spektakuläre Partie gegeneinander nach einer aggressiven Neuerung im Slawischen Damengambit, liegen aber nach sieben Runden mit jeweils 3,5 Zählern nur im Mittelfeld. An der Spitze rangieren der Russe Jan Nepomniachtchi, der im Dezember 2020 zum zweiten Mal die Russische Landesmeisterschaft für sich entschied, und der Franzose Maxime Vachier-Lagrave, der bei diversen Online-Turnieren der vergangenen Monate einen ausgelaugten Eindruck hinterließ, mit jeweils 4,5 aus 7 Punkten. Alexander Grischuk aus Russland, der zum vierten Mal an einem Kandidatenturnier teilnimmt, hat alle sieben Partien remisiert und wirkt etwas lustlos.

Man muss angesichts der langen Zwangspause von einem zweiten Turnier sprechen, das Mitte April in Jekaterinburg (benannt nach der Zarin Katharina I., zu Sowjetzeiten Swerdlowsk) beginnt und dessen Ergebnis zum Resultat des ersten vom März 2020 addiert wird. Es ist schwer zu sagen, wie die Profis es verdaut haben, in den vergangenen zwölf Monaten fast keine ernste Partie gespielt haben zu können. Es gibt zwar die bemerkenswerte Serie an Online-Turnieren, angestoßen und gesponsert von der Firma des Weltmeisters Magnus Carlsen, die aber lediglich Schnellschach bietet und keine schweren Partien über Stunden im Angesicht des Gegners. Ob diese lange Zeit des Trainings ohne richtigen Wettkampf eher für ein hungriges Herz, einen schlaffen Geist oder aber schwache Nerven sorgt, wird sich nach Ostern zeigen. Man kann nicht pausenlos Vokabeln, unregelmäßige Verben und Grammatik pauken, die Sprache will im Land gesprochen werden.

Die globale Zwangsisolation hat einen beispiellosen Boom rund um das ehrwürdige Schachspiel hervorgebracht. So avanciert die Geschichte um die fiktive Weltklassespielerin Beth Harmon in der Serie „The Queen’s Gambit“ zum Riesenerfolg auf Netflix; Schachhändler verkaufen Bücher, DVD, Bretter, Uhren und Figuren en masse; Plattformen zum Online-Spiel haben einen enormen Zulauf; Großmeister spielen digital gegen Kiebitze und geben Taktiktipps; notgedrungen geschlossene Vereine verlegen ihr Training und ihre Patzer kurzerhand ins Netz. So wohltuend diese Kompensation auch ist, sie verhält sich zum vermissten Spiel am Brett wie eine Skizze zum Portrait in Öl. Auch wenn man gegen die Figuren und nicht den Menschen dahinter spielt, fehlt der direkte Kontakt am Tisch; die Figuren wollen in die Hand genommen werden, der Gegner soll seine Verzweiflung über eine verlorene Stellung ruhig zeigen. Die sinnliche Dimension des Schachs fehlt im Stillstand.

Jekaterinburg, die viertgrößte Stadt Russlands und am Osthang des Urals an der Grenze zwischen dem europäischen und dem asiatischen Teil der Föderation gelegen, wird die zweite Hälfte des Kandidatenturniers unter strengen Hygienemaßnahmen durchführen. Noch wurde keine Impfpflicht für die acht Kombattanten kolportiert; dass sie mit ihrem Tross im lokalen Hyatt Regency Hotel rigoros abgeschottet und regelmäßig auf das Virus getestet werden, darf vorausgesetzt werden. Alexander Grischuk beschwerte sich im März 2020 darüber, unter den Bedingungen der Unsicherheit professionell Schach spielen zu müssen; ein Jahr später liegen die Verhältnisse klarer, ohne dass flächendeckend Immunität oder Heilung in Sicht wären. Voller Begeisterung denken die Schachfans an das russische Superfinal im Dezember 2020 oder an das Traditionsturnier im niederländischen Wijk aan Zee im Januar 2021, als frei atmende Menschen in einem hübsch dekorierten Spielsaal mit hölzernen Brettern saßen und Schach spielten, getrennt durch eine Plexiglasscheibe mit einem Durchlass zum Ziehen der Figuren. Publikum vor Ort war indes nicht zugelassen, die digitale Übertragung funktionierte reibungslos mit Kommentaren in mehreren Sprachen.

Ein Jahr im heutigen Schach mit der Unterstützung der Analyse durch leistungsstarke Software ist eine lange Zeit. Und während die Suche nach dem nächsten Herausforderer für ein Jahr eingefroren ist, läuft die Zeit für die jungen Spieler mit ihrem Zug zum Höheren weiter. Die Großmeister, die gegenwärtig in Jekaterinburg um das Recht kämpfen, den Weltmeister herauszufordern, sind diesem aus etlichen Turnieren bekannt, sie entstammen mehrheitlich seiner Generation der 30-jährigen. Die jungen Wilden, die mit taktisch exaktem Schach ohne Angst und für die Eröffnung bestens präpariert am Brett sitzen, sind in Jekaterinburg gar nicht vertreten. Der aus dem Iran emigrierte Alireza Firouzja, die unorthodoxen Russen Daniil Dubov und Andrey Esipenko sowie der entfesselnd auftrumpfende Niederländer Jorden van Foreest vertreten die Generation Z, die an des Champions Thron rütteln. Ihre Turniererfolge und ihre Platzierungen in der Weltrangliste während der letzten zwei Jahre werfen die Frage auf, ob im laufenden Kandidatenturnier wirklich die stärksten potentiellen Nachfolger des Regenten spielen.

Die FIDE geht davon aus, dass die zweite Hälfte des Kandidatenturniers in Jekaterinburg (Hauptsponsor ist der russische Düngemittelkonzern Phosagro) auf ein gewaltiges Interesse der Medien und der Zuschauer online stoßen wird – keine gewagte Vorhersage beim Blick auf den weiterhin schütteren Kalender 2021 im Turnierschach im Besonderen und im Sport in Allgemeinen. Ob und wie die verschobenen Olympischen Spiele dieses Jahr in Tokio stattfinden können, vermag niemand zu sagen; die für 2020 abgesagte Schacholympiade in Moskau ist gleich auf 2022 terminiert worden. Der Einsatz auf der Bühne in Jekaterinburg ist hoch: Der Gewinner des Kandidatenturniers spielt planmäßig ab Ende November 2021 im Rahmen der Expo Dubai gegen den Norweger Magnus Carlsen um die Weltmeisterschaft. Allein diese Perspektive ist geeignet, den vereinsamten Menschen in aller Welt an ihren Monitoren ein wenig Hoffnung auf die Wiederkehr einer Prä-Covid-Normalität zu geben. Sie muss ja nicht gleich mit einem Flug an den Golf oder nach Sibirien verbunden sein.