Schatten

  Oh my love it makes me sad, why did things turn out so bad? – Abba, Dance while the music still goes on

„Mein Termin beim Kunden geht voraussichtlich bis mittag, dann können wir noch etwas essen, bevor wir nach Hamburg zurückfliegen.“ Karsten war dabei, sich anzuziehen, er knöpfte das gestärkte Hemd zu, legte die Manschettenknöpfe an, band sich die hellgrüne Krawatte, schlüpfte ins Sakko und verteilte einen Spritzer Gel im gescheitelten Haar. Sascha lag noch im Bett und sah ihm zu, wie er seinen Leib, der eben noch ganz ihr gehört hatte, Stück für Stück in die Geschäftsuniform des Unternehmensberaters hüllte. Komisch, dachte sie, Männer verbergen ihre Körper hinter hartem Textil, Frauen stellen sie zur Schau in fließenden Stoffen. „Sag mal, wollen wir uns nicht bei dieser Bank, wo Du zu tun hast, treffen?“ – „Lass mal, die Leute sind voll langweilig, ich bin froh, wenn ich da weg kann. Wir treffen uns am besten im Restaurant in Östermalm, ich habe für halb zwei einen Tisch reserviert.“ – „Wie Du meinst.“, maulte Sascha beleidigt. „Komm schon, der Morgen vergeht schnell, wir sehen uns ja bald.“ Karsten beugte sich zu ihr ins Bett, gab ihr einen Kuss und streichelte ihren entblößten Oberarm. „Gut, bis später.“ Die Tür schnappte zu, der Teppichboden auf dem Gang schluckte Karstens rasche Schritte.

Sascha rollte sich aus dem zerwühlten Bett und stieg unter die Dusche. Beim Einseifen ihres Schoßes stieg Karstens betörender Geruch leicht nach oben und vermischte sich mit dem Aroma der Flüssigseife. Sie trocknete sich mit dem Handtuch ab, das er vorher benutzt hatte. Nach dem Frühstück im unter der Woche nur spärlich besetzten Restaurant des Hotels ging sie wieder auf ihr Zimmer, fuhr den Rechner hoch und schrieb am Konzept für die Umnutzung eines leerstehenden Warenhauses in bester Innenstadtlage. Das mobile Arbeiten erlaubte es ihr, Karsten gelegentlich auf seinen Geschäftsreisen zu begleiten und dabei selbst zu arbeiten. Heute fiel es ihr schwer, sich auf die Materie zu konzentrieren; sie spielte online zwei Partien Schnellschach, was für gewöhnlich zur Erfrischung des Geistes beitrug, heute aber die beabsichtigte Wirkung verfehlte. Nur halb fertig mit dem Konzept und seltsam gereizt, schloss sie den Rechner und nahm ihn vom Netz. Sie packte ihre Kleider in den kleinen Koffer, verstaute Rechner, Telefon, Brille, Notizbuch, Bleistift und Schminkzeug in ihrer Schultertasche und ging hinunter in die Lobby. Karsten hatte schon bezahlt und ausgecheckt, seine Firma bekam hier Sonderkonditionen.

Stockholm im Juni war ein Geschenk. Die Luft war durchweg klar wegen des allgegenwärtigen Wassers, im hellen Licht wirkten die bunten Fassaden der ausladenden Patrizierhäuser wie frisch geputzt. Der Wind zog durch die Straßen und Gassen wie durch ein Kamingewirr, in alle Richtungen blinkte, spiegelte und gleißte es vom Meer her. Es war mild, nicht zu warm, wie es für Städte an der Küste typisch ist. Sascha hatte auf der Karte gesehen, dass es nicht weit vom Hotel zum Abba-Museum war, von dem aus sie wiederum bequem zum Lokal laufen konnte, das Karsten ausgesucht hatte. Sie passierte das Museum für Fotografie und sah schon das Abba-Museum auf der gegenüberliegenden Halbinsel. In Skandinavien fühlte sie sich jedes Mal auf Anhieb wohl. Die Menschen waren von gepflegter Höflichkeit, hilfsbereit, leicht distanziert. Vor allem waren sie erfreulich groß von Wuchs, sodass sie mit ihren Einsachtzig nicht übermäßig auffiel, anders als in Deutschland, wo sie selbst die meisten Männer um eine halbe Haupteslänge überragte, was ihren Exotenstatus nur festigte.

Auch deswegen trug sie meist Schuhe ohne Absätze, auch heute hatte sie Ballerinas zu ihren Steghosen mit hoch sitzender Taille gewählt. Im Abba-Museum, im Gedränge der Schulklassen, fühlte sie sich in ihre Kindheit versetzt. Sie war neun Jahre alt gewesen, als die Vier aus Schweden den Grand Prix d’Eurovision de la Chanson gewannen, der Beginn einer Weltkarriere. Verstockt und verschüchtert hatte sie sich seinerzeit mit Frieda, der dunklen der beiden Sängerinnen, identifiziert, die überdies einen deutschen Vater hatte. Im Museum waren allerlei Exponate aus der aktiven Zeit des Quartetts präsent: Goldene Schallplatten en masse, Instrumente, Fotos sowie Filme von Auftritten und natürlich die legendären Bühnenkostüme. Sie stand versonnen vor den Kimonos, Overalls und T-Shirt-Kleidern hinter Glas und hätte sie gern einmal anprobiert. Die heiteren Lieder Abbas hatten ihr geholfen, die Katastrophe der Pubertät mit ihrer grotesken Übelkeit des maskulinen Körpers zu überleben. Die lieblichen Melodien waren danach erste Wegbegleiter auf ihrem Weg zur nachgeholten Frau, ihren Zauber hatten sie bis heute nicht verloren.

Immerhin konnte sie im weitgehend bargeldlosen Stockholm eine Euronote in eine Spendenvitrine beim Verlassen des Museums rutschen lassen. Sie schlenderte Richtung Restaurant und fühlte, dass sie sich lieber mit jemand anderem als mit Karsten treffen wollte. Nie waren sie zusammen im Museum gewesen, nicht einmal ins Kino hatten sie es im letzten halben Jahr geschafft, auch die Alster hatten sie nicht Hand in Hand umrundet. Sicher musste Karsten viel arbeiten, auch sie hatte reichlich im Büro zu tun. Aber es war sonnenklar, dass Karsten es darauf anlegte, mit ihr nicht in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. Was er eigentlich von ihr wollte, verstand sie nicht, das ganze Angeben der Männer mit ihren Frauen als Trophäen ging ihm ab. Sie hatte schon früh den Verdacht, dass er sie zwar als attraktiv, aber eben auch als defekt erlebte und jede Gelegenheit vereitelte, Aktivitäten mit anderen zu planen. Als wollte er sie bewusst unter Verschluss halten.

Karsten war bereits da, als sie das Lokal betrat, er winkte ihr lächelnd zu. Sie legte an der Garderobe ab und glitt auf den einfachen Holzstuhl, an den anderen Tischen lebhafte Gespräche, meist Geschäftsleute, kaum Touristen. Einige wandten anerkennend den Kopf um, als Sascha sich niederließ. Als wollte er nicht auffallen, senkte Karsten die Stimme, seine Blicke flackerten durch den Raum, als gelte es eine drohende Gefahr rechtzeitig zu erkennen. „Wie war Dein Vormittag?“, erkundigte sie sich artig. „Ja, es lief prima, der Kunde ist zufrieden, das Projekt ist abgeschlossen. Und Du, wie geht es Dir?“ Der Kellner kam diskret und nahm die Bestellungen auf. „Danke, ich habe etwas gearbeitet und war dann gerade im Abba-Museum. Schade, dass Du nicht mit dabei warst.“ Beim letzten Satz verschärfte sie den Ton, ohne dass sie es wollte. Karsten hatte es gar nicht mitbekommen, er war sichtlich hungrig und begann den gelieferten Salat zu essen.

Auch Sascha aß mit Genuss die frischen Gurken, Tomaten und Bohnen, dazu ein Glas Orangensaft in kleinen Schlucken trinkend. Schließlich sagte sie: „Karsten, ich möchte Dich etwas fragen.“ Karsten hielt inne mit dem Essen und meinte: „Was ist denn?“ – „Warum versteckst Du mich vor Deinen Kollegen, Deiner Familie, Deinen Freunden?“ Sascha war überrascht über den kalten Klang des Verhörs, der in der Frage lag. Karsten drehte rasch den Kopf, schien zu überlegen, wer hier wohl Deutsch verstand und tat ratlos: „Was meinst Du, wir sind hier doch für alle sichtbar zusammen?“ – „Ja, in einer fremden Stadt, wo niemand Dich kennt. Und wo Du es hinnimmst, wenn mich jemand an Deiner Seite als Transfrau sieht. Zuhause hast Du eine Vermeidungsstrategie entwickelt, die mich immer im Schatten lässt. Ich will das Spiel nicht mehr mitmachen.“ Karsten schwieg betreten, blickte nach unten, griff seine Finger, strich über seine Krawatte. Er räusperte sich, öffnete den Mund, wirkte ertappt und stotterte: „Das, das, das bildest Du Dir ein.“

„Sag doch einfach, wie es ist: Du bist scharf darauf, mit mir zu schlafen, gleichzeitig ist es Dir peinlich, auf eine Transe zu stehen, auch wenn sie noch so schön und reizend und feminin und operiert ist. Ich bin für Dich keine richtige Frau, sondern ein Fetisch. Und als solchen musst Du mich vor den Augen Deiner Welt verbergen.“ – „Aber Sascha, das stimmt nicht, das siehst Du falsch.“ – „Ach ja? Warum war ich noch nie in Deiner Wohnung? Warum kann ich Dich nie nach Feierabend im Büro abholen? Warum gehen wir nie zusammen in die Oper, sondern treffen uns nur in Hotels und Restaurants, wenn Du wie jetzt auf Dienstreise in Stockholm bist?“ – „Bitte, Sascha, gib mir noch ein wenig Zeit, es ist nicht so leicht für mich …“ – „Mit einer Transfrau zusammen zu sein? Ich soll Verständnis haben dafür, dass Du Dich meiner schämst? Hast Du Dich jemals so verächtlich zu einer Deiner früheren Freundinnen verhalten?“

Karsten hatte Messer und Gabel beiseite gelegt und fingerte am Stiel seines Weinglases herum, Saschas ruhigem Blick aus sorgfältig geschminkten Augen konnte er nicht standhalten. An den Nebentischen ging das Gesummse und Gelächter der anderen Gäste unvermindert weiter, die livrierten Kellner hatten alles aufmerksam im Blick, ohne aufdringlich zu wirken. Sascha hob ihr Glas und trank einen Schluck Wasser, einen Abdruck ihres kirschroten Lippenstiftes auf dem Rand hinterlassend. „Wir kennen uns seit sechs Monaten, Karsten. Du hintertreibst es aktiv, mich Deiner Schwester, Deinen Eltern, Deinen Freunden vorzustellen. Auch meine Leute willst Du nicht kennenlernen, als hättest Du Angst, Dich zu infizieren mit einem Virus des Abartigen. Vielleicht bist Du verheiratet und gar Vater, was weiß ich. Du protestierst ja sogar, wenn ich ein Foto von uns beiden machen will, wahrscheinlich, weil Du es ums Verrecken nicht willst, dass ich es auf Instagram hochlade, wo man Dich mit mir zusammen finden könnte.“

Karsten schwieg nur noch, stocherte in seinem Salat, ohne einen Bissen zu nehmen. Der freundliche Kellner trat an den Tisch und fragte, ob alles in Ordnung sei. Karsten wollte fahrig zu einer Antwort ansetzen, doch Sascha kam ihm zuvor: „Well Sir, please bring us the bill, all together in one.“ Der Kellner hob eine Augenbraue, drehte sich langsam auf den Absätzen um und ging Richtung Tresen. „Was ist denn?“, stammelte Karsten. „Ganz einfach, es ist vorbei, beziehungsweise es hat nie angefangen. Ich habe keine Lust, weiter im Abseits gehalten zu werden, als Frau ohne Leib und Gesicht. Ich bin nicht einmal eine Affaire, die immerhin ein wenig Verwegenheit von Dir erforderte, ich bin ein Nichts, ich bin bloß Deine Lüge. Und damit ist jetzt Schluss.“ Als der Kellner mit der Rechnung kam, reichte Sascha ihm ihre Karte und sagte freundlich lächelnd: „Would you please call me a taxi to Arlanda, Sir.“ – „Of course, Madam, the cab will be here in a few minutes.“

Sascha faltete die Serviette zusammen, stand federnd auf und ging zur Toilette. Sie wusch sich die Hände, zupfte ihre Haare zurecht und zog sich die Lippen nach. Sie atmete tief durch und kam sich befreit und erleichtert vor. Zurück im Gastraum, nahm sie ihren Frühjahrsmantel vom Bügel, ihren Rollkoffer schob sie vor sich her. Am Tresen fragte sie, ob sie eine einzelne Zigarette bekommen könnte. Die Bardame lächelte und sagte: „Sure, but you have to smoke it outside on the pavement.“ – „Thank you, that was just my intention.“ Sascha legte eine Krone auf den Tresen und nahm die Zigarette zwischen die Finger, die erste nach über fünfundzwanzig Jahren. Auf dem Bürgersteig bat sie einen rauchenden jungen Mann um Feuer. Sie musste husten und es wurde ihr schwindlig, doch bereits der zweite Zug schmeckte ihr. „Everything’s okay, Lady?“ fragte der Mann lächelnd. „Thank you, I never felt better.“ erwiderte Sascha. Das Nikotin war das perfekte Gegengift für das unwürdige Getue Karstens, ein klarer Schlussstrich. Als das Taxi um die Ecke bog, stopfte sie die Kippe in den Aschenbecher am Laternenpfahl. Ohne sich noch einmal umzudrehen, lud sie ihren Trolley in den Kofferraum und öffnete den Fond des Wagens.

Grachten

  Stehen Männer an den Grachten – Detlev Meyer

Amsterdam hat seit geraumer Zeit ein Problem mit Touristen. Im Zentrum mit seinen Hostels, Bars, Geschäften und Bordellen hängen überall Piktogramme, die auf Niederländisch und auf Englisch darauf hinweisen, dass das Pinkeln in der Öffentlichkeit verboten ist und mit 140,- Euro Bußgeld belegt wird. Außerdem hat die Stadtverwaltung unter dem Titel „Stay away!“ eine Kampagne aufgesetzt, die Sauftouristen auf Junggesellenabschieden von der Reise an die Amstel abhalten soll. Genützt hat das bisher nichts, die Stadt ist rund ums Jahr voller Gäste, die es den Bewohnern vergällen, dort zu leben. Der Attraktivität der Stadt können die zahllosen Besucher aus aller Welt jedoch nichts anhaben. Im Herzen des dichten Geflechts der Grachten hat sich Amsterdam den Charme eines Hippiedorfes bewahrt, wo entspannte Leute in Partylaune auf Geschäftsmänner, Studenten und junge Mütter auf Lastenrädern treffen.

Kerstin und Henk saßen in einem kleinen Coffee Shop nahe der Prinsengracht, vor sich jeweils eine Tasse heißer Schokolade und einen kleinen Keks mit mildem THC-Gehalt. Sie waren mit einem befreundeten Paar verabredet und wollten später zusammen Essen gehen. Die typisch süßlichen Schwaden exzellenter marokkanischer Ware durchzogen das Lokal, ein Geruch, der Kerstin seit ihrer Jugend vertraut war. Seit sie nach Jahrzehnten der Abwesenheit wieder im Westen des Münsterlandes lebte, war sie regelmäßig in den nahen Niederlanden zu Besuch; seitdem sie mit Henk zusammen war, noch öfter. Mal kam er für ein Wochenende nach Coesfeld, wo sie in den sanften Hügeln der Baumberge Fahrradtouren unternahmen, gemeinsam kochten und Schach spielten; dann fuhr sie nach Utrecht, wo Henk an der dortigen Universität Stadtplanung lehrte. Sie steuerten verschiedene Ziele in der Randstad an, gingen ins Mauritshuis, schlenderten über den Käsemarkt, saßen im Concertgebouw.

Kerstin hatte nicht mehr damit gerechnet, einen Mann zu treffen, den sie lieben und der sie lieben konnte. Mit Ende 50 hatte sie sich darauf eingestellt, die verbleibenden Lebensjahre allein zu verbringen. Umso heftiger traf sie die Begegnung mit Henk, den sie anlässlich eines Weihnachtsaufenthaltes im Kloster Gerleve kennenlernte. Der große schlanke Mann mit den weißen Stoppelhaaren war ihr gleich am ersten Abend aufgefallen, sein freundliches Lächeln unter offenen blauen Augen hatte sie mehr verschüchtert als eingeladen. Ihre Scheu vor, bei gleichzeitiger Sehnsucht nach, Männern war aufgrund ihrer Transidentität stark ausgeprägt, was sich im Falle Henks als unbegründet erweisen sollte. Er sah sie als das, was sie für alle Welt war, als anziehende Frau mit Transitionshintergrund. Dir ist Deine Weiblichkeit gar nicht richtig bewusst, sagte er ihr während eines Spaziergangs über die Felder um die Abtei.

Henk war zwei Jahre älter als sie, verwitwet und Vater zweier erwachsener Töchter. Er zeigte sich behutsam und zugleich neugierig, als sie sich ihm öffnete und sie ihre Körper erkundeten. Als er zum ersten Mal in sie eindrang, ermöglicht durch die Verwendung von Gleitgel, drohte sie vor Freude und Lust zu platzen. Ihre Furcht, sie würde ihm als Frau nicht genügen, entbehrte jeder Grundlage. Kerstin fühlte sich beschenkt wie ein kleines Kind, das noch an den Weihnachtsmann glaubt und dessen Wünsche über Gebühr erfüllt werden. Für beide war es im Alter eine besondere Entdeckung, Kerstin hatte den Platz für einen Mann in ihrem Schoß und in ihrem Leben, Henks Töchter freuten sich für ihren Vater, erneut eine Frau getroffen zu haben, vor allem eine, sie auf die Pflege ihrer erworbenen Weiblichkeit bedacht war. In den liberalen Niederlanden konnten Transfrauen deutlich freier und unbehelligter leben als in Deutschland, wie Kerstin erfreut feststellte.

Kerstin stand auf und ging in Richtung Toilette. Ihr Gang war wiegend in den Hüften, unterstützt durch die Pumps mit leichtem Absatz. Der Saum ihres Rocks schwang um ihre Knie, sie spürte die Blicke der anwesenden Männer, auch der jüngeren auf ihrem wohlgerundeten Hintern. Als sie sich vor dem Spiegel die Lippen nachzog, merkte sie, wie das THC des Kekses mit Bittermandelgeschmack zu wirken begann. Ein wohliger Schwindel erfasste sie, ihre Sinne wurden geschärft, ihre Bewegungen verlangsamt, ihre Gedanken machten sich selbständig, setzten teilweise aus und fanden an anderer Stelle wieder zusammen. Das Gesicht im Spiegel gefiel ihr, der neue kinnlange Bob stand ihr ausgezeichnet, die grauen Strähnen im Dunkelblond des dichten Schopfes gaben ihr eine weise indianische Note. Sie summte zur Musik, die gedämpft aus dem Inneren zu vernehmen war, wusch sich die Hände und trat wieder heraus.

Als sie zurück zu ihrem Tisch ging, drehte sich ein Mann mit schütterem Haar gerade vom Tresen um, wo er eine Prise Cannabis gekauft hatte, ihre Blicke trafen sich unvermittelt. In Kerstin stieg eine Ahnung hoch, den Mann im grauen Anzug über einem Kugelbauch zu kennen, auch seine Augen verrieten das Kramen im Gedächtnis der Jahrzehnte. Kerstin hielt inne, ging auf den Mann zu und begrüßte ihn fragend: Tobias? Der so Angesprochene setzte ein Lächeln auf, nickte geschmeichelt wie fragend und entgegnete: Ja, und Du? Da dämmerte es beiden. Als sie vor 35 Jahren ihr Coming-out hatte, reagierte ihr alter Schulfreund Tobias wegwerfend und erklärte kategorisch, er werde niemals eine schöne Frau werden. Als solche stand sie nun vor ihm und nannte lässig ihren Namen. Tobias‘ Mund blieb offen, als ihm klar wurde, dass er in ihr seinen alten Schulfreund nicht mehr ausmachen konnte.

Und, was treibst Du hier in Amsterdam?, fragte Kerstin. Tobias, sichtlich um Fassung ringend, erwiderte, er sei beruflich hier und gönne sich zum Wochenende einen Besuch der Grachten und eines Coffee Shops. Und Du, wie geht es Dir?, erkundigte er sich höflich. Kerstin sagte, es gehe ihr gut, sie sei öfter in der Stadt, seitdem sie nach langen Jahren in Hamburg wieder im Münsterland wohne. Henk blickte fragend zu den beiden, Kerstin winkte ihm zu. Tobias fragte, Ihr kennt Euch? Ja, das ist mein Freund, antwortete Kerstin in stillem Triumph. Da war nichts mehr, was sie mit Tobias verband; die zufällige Begegnung mit ihm zeigte ihr nicht nur, wie viel Zeit mittlerweile vergangen war, sondern auch, wie kolossal sich ihre einst parallelen Wege auf unterschiedliche Ziele hin entwickelt hatten. Es war schön, Dich getroffen zu haben, sagte sie zum Abschied, habe noch einen schönen Abend und grüße Deine Familie.

Kerstin setzte sich, strich ihren Rock glatt und nahm einen Schluck ihrer Schokolade. Wer war der Mann?, fragte Henk. Ach, ein alter Bekannter aus der Schulzeit, meinte Kerstin. Ich habe ihn Ewigkeiten nicht gesehen und keine Sekunde vermisst. Henk lächelte versonnen und griff nach ihrer Hand, die sie ihm gerne überließ. Diese alltägliche wie intime Geste vor aller Augen zeigte ihr, dass sie auf der richtigen Seite angekommen war, lange schon, gegen etliche Widerstände. Sie tranken ihre Tassen aus und machten sich auf den Weg. Vor der Tür des Coffee Shops wurden sie vom Strom der Touristen in aufkommender Freitagabendstimmung erfasst. Sie ließen sich treiben Richtung Rijksmuseum, in dessen Nähe das koreanische Restaurant lag, wo sie mit Jan und Bigge verabredet waren. Das sich entfaltende THC ließ Kerstin wie auf Wolken gehen, sie war froh, dass Henk sich im Gewirr der Gassen und Grachten auskannte. An seiner Seite konnte sie die anerkennend begehrlichen Blicke der Männer auf den Straßen genießen. Als sie aus einem der Kanäle die Leiche eines Fahrrads ragen sah, musste sie lachen. Das war sicher auch ein Vergehen wie das wilde Pinkeln.

Mittsommer

  Wir fangen noch einmal an. Wir geben nicht auf. – Lars Gustafsson, Der Tod eines Bienenzüchters

Lasse nahm die letzte Kurve zum abgelegenen Ufergrundstück besonders langsam, als wollte er die Ankunft feierlich herauszögern. Der geliehene Volvo kam schließlich mit knirschenden Reifen zum Stehen, der Motor erstarb. Lasse und Grit lösten die Sicherheitsgurte, öffneten die Schläge und standen vor ihrem erdroten Sommerhaus, umflossen von hohem gesundem Rasen. Das weitläufige Grundstück in der Nähe von Gävle gab es damals günstig, wenn Schweden etwas im Überfluss hat, dann ist es Platz. Das Haus hatte Grit selbst entworfen, die Planungsarbeiten erledigte sie an den Wochenenden, die Erschließung und die Bauleitung im Urlaub. 25 Jahre nach Fertigstellung war es weiterhin ihrer beider Sehnsuchtsort, die Luft voller Kiefernduft, Harz, Moos und leichtem Salz vom nahen Meer, manchmal im Herbst kamen Elche vorbei. Der beste Ort, um Mittsommer zu feiern. Sie würden Edvard Griegs Hochzeitstag auf Troldhaugen auf dem Klavier spielen, zu Abbas Arrival tanzen und alle zusammen Auld lang syne singen.

Die Kinder würden erst morgen kommen, so hatten Lasse und Grit den Abend für sich. Sie luden die Einkäufe in die Küche, öffneten die Fenster, drehten den Hauptwasserhahn wieder auf und gossen die Pflanzen im großen Wohnzimmer mit seiner Glasfront zum Wasser hin. Es war nach 18:00 Uhr, es würde noch über Stunden hell sein, bevor der Himmel sich kurz grauweißblaufahl eintrüben würde, um frühmorgens die Sonne wieder zu begrüßen. Grit sortierte die mitgebrachten Konserven, Mehl-, Butter- und Reispackungen, Marmeladengläser und Gewürze sowie die Luftballons, Blumenbänder, Girlanden, Servietten und Wimpel zur Dekoration; frischen Fisch, Brot, Eier, Obst und Gemüse würde sie morgen im Ort kaufen. Dieser Mittsommer sollte für sie ein ganz besonderer werden, hatte sie doch Anfang der Woche ihren schwedischen Pass bekommen. Sie war nicht mehr nur mit einem Schweden verheiratet, sie war nun offiziell Bürgerin des Landes, in dem sie seit 30 Jahren lebte. Ihr deutscher Pass war noch einige Jahre gültig, sie würde sich kurz vor dem Erreichen des Ablaufdatums entscheiden, ob sie ihn verlängern wollte. Sie tippte in die Telegram-Familiengruppe: Pappa och jag är redan vid vattnet, vi ser fram emot att se dig, puss mamma.

Grit ging ins Bad, pinkelte ausgiebig und wusch sich die Hände mit ihrer geliebten Seife aus Olivenöl, die sie von ihren Besuchen in Deutschland in größeren Mengen mitbrachte. Sie musterte sich wohlwollend im Licht der matten Lampe: Die dichten dunkelblonden Haare frisch geschnitten und gewaschen, die Lippen noch immer voll, die Brauen im Bogen gezupft, die Augen umkränzt von Fältchen, die Lider leicht abgesenkt, die Grübchen in den Wangen noch neckisch wie ehedem. Die rotgoldenen Ringe in den Ohrläppchen standen ihrem Frischluftteint hervorragend, Lasse hatte sie ihr zum Erhalt des Einbürgerungsdokuments geschenkt. Haut und Bindegewebe unterhalb des Halses waren noch straff und zart, als Folge guter Gene, vegetarischer Kost und täglichem Yoga. Im Frühjahr nächsten Jahres würde sie 60 werden, vielleicht ein guter Zeitpunkt, sich die Haare kurzschneiden zu lassen und das Tönen aufzugeben. Für das Schwimmen und die Sauna wäre es allemal praktischer.

Sie hatte in Hamburg Architektur studiert und dann im Jahr des Mauerfalls in einem großen Büro an der Elbe ihre erste Stelle angetreten. Sie war reichlich desillusioniert von den begrenzten Möglichkeiten, die Architekten und Stadtplaner im Geflecht der Entscheidungsträger in Deutschland hatten. Die Projektentwickler gaben die Zahl der Wohnungen und ihre Grundrisse vor, die Bauordnungen regelten die Balkongröße, die Fassadenbeschaffenheit und die Zahl der PKW-Stellplätze vor und unter dem Haus, die föderalen Fesseln trieben noch jedem neuen Bau seinen denkbaren Glanz und seine innige Schönheit aus. Nach zwei Jahren reichte es Grit, sie bewarb sich erfolgreich nach Helsinki, wo sie nicht nur mit Stahl, Glas und Beton, sondern auch mit Licht, Luft, Stein und Holz bauen wollte. Sie studierte das organische Werk Alvar Aaltos, seine Häuser für private Auftraggeber, seine Verwaltungsgebäude, Schulen, Sportstätten, Bibliotheken und Konzerthallen, die ihr wie Elemente der sie umgebenden und aufnehmenden Natur vorkamen. In Deutschland schloss sie Baulücken, in Finnland variierte sie Formen, Wind und Farben auf freiem Feld.

Ein neuer Auftrag führte sie auf die andere Seite der Baltischen See nach Stockholm zu Lunding Större Leistikov, einem der renommiertesten Architekturbüros in Skandinavien. Sie verstand sich auf Anhieb mit den Gründern, die sie ihrerseits ob ihrer Energie, ihrer Ideen und Arbeitsdisziplin in Schweden halten wollten. Als sie für das Büro die Umsetzung des Erweiterungsbaus eines Krankenhauses in Skärholmen betreute, lernte sie Lasse kennen, ein Jahr jünger, Assistenzarzt der dortigen Abteilung für Innere Medizin. Er hatte während des Studiums im Jahr der Wende und der Vereinigung zwei Semester in Rostock verbracht und beeindrucke Grit mit Grundkenntnissen der deutschen Sprache. Schwedisch zu lernen fiel ihr leicht, auch wenn sie sich bis heute den deutschen Akzent erhalten hatte. In Schweden war sie tysken, in Deutschland nannte man sie unsere Schwedin. Ihr Zugang zur Welt geschah primär über das Zeichnen, eine universell verständliche Sprache.

Lasse und Grit wurden ein Paar. Grit hatte sich neugierig auf den großen schweigsamen Lasse mit den eisblauen Augen eines Huskys, die immer leicht verweint wirkten, eingelassen, aus dem anfänglichen Verliebtsein wurde endlich Liebe. Grit stellte sich und ihrem Gefährten die Frage, ob sie dauerhaft in Schweden würde bleiben wollen. Sie reiste mehrfach im Jahr nach Deutschland, um ihre Eltern bei Bremen zu besuchen, auch ihren älteren Bruder und dessen Partner sah sie bei der Gelegenheit. Sie stellte schließlich fest, dass sie sich eine Rückkehr in die deutsche Enge nicht länger vorstellen konnte; durch Helsinki und Stockholm, gänzlich vom Krieg und seinen Verwüstungen verschont, war sie für ein Leben in Deutschland verdorben. Auch war ihre Arbeit als Architektin im Norden von größerer Freiheit und Anerkennung gekennzeichnet; sie konnte viel mit Holz bauen, das nordische Licht als Gestaltungsfaktor einsetzen und die endlosen Wälder und das Wasser des städtischen Archipels als Referenz benutzen. Ein halbes Jahr nach der Heirat mit Lasse war sie mit Anders schwanger.

Sie bezogen eine familiengeeignete Wohnung in Östermalm, die Grit mit ihren hohen Decken, den großen Zimmern, den Flügeltüren und den Dielenböden an die gespenstischen Gemälde Vilhelm Hammershøis aus der Strandgade in Kopenhagen erinnerte. Während in Deutschland die automobile Gewalt in den Städten sie vom Fahrradfahren abhielt, trat sie in Stockholm täglich in die Pedale, um ins Büro zu fahren und um Anders, später auch Anda und Svea von der Kita abzuholen. Das Gebäude war zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut worden, immer wieder in den folgenden Jahrzehnten auf den jeweiligen Stand der Technik gebracht worden. Als sich ihnen die Gelegenheit bot, die Wohnung zu kaufen, mussten Lasse und Grit nicht lange überlegen, die Gespräche mit der Bank über einen Kredit verliefen positiv. Als ihre Eltern sie einmal über die Weihnachtstage in Stockholm besuchten, waren sie ob der Großzügigkeit der Saalflucht entzückt; ihr Bruder war einmal zu Pfingsten zu Gast im Sommerhaus in Gävle gewesen. Grits Mutter freute sich innig für ihre Tochter, dass sie neben dem fordernden Beruf auch eine Familie hatte. Grits Vater und Lasse schienen sich ohne Worte zu verstehen und zu akzeptieren, sie gingen sogar zusammen in den Schären Angeln.

Grit erwachte aus ihren Gedanken und ging aus dem Bad in die Küche, die sich zum Wohnzimmer hin öffnete. Lasse stand auf der Terrasse und arrangierte Tisch und Stühle für die Ankunft der Kinder. Anders wollte allein kommen, Anda mit ihrem Mann Stellan und der zehn Monate alten Gunina, Svea hatte sich mit ihrer neuen Freundin Nika angekündigt. Mittsommer war eine gute Gelegenheit, alle zusammen zu sehen und miteinander zu feiern. Grit war erstaunt, wie schnell die Kinder groß geworden waren. Sie lernten das Schwimmen im offenen Meer, brauchten keine Stützräder fürs Fahrrad, streiften wochenlang durch die Wälder in der Mückenhitze des August, konnten schmackhafte von giftigen Pilzen unterscheiden. Hatte sie ihnen nicht die ersten Worte auf Deutsch und auf Schwedisch beigebracht, blutende Knie verpflastert, verlorene Teddys wiedergefunden, Mumins gemalt, Plätzchen im Advent gebacken, gemeinsam beim Krippenspiel gesungen, ihnen erst kürzlich bei den Hausaufgaben für Mathematik geholfen und sie ermahnt, besser nicht zu früh mit dem Kiffen anzufangen? Nun waren sie schon Jahre aus dem Haus, gingen ihrer Wege und ließen ihre Eltern zurück. Anders eher verschlossen und vergeistigt, Anda ständig am Planen, Organisieren und Zusammenführen, Svea rebellisch, anarchisch und dann wieder versöhnlich. Ihr Sohn und ihre Töchter waren das Wichtigste, was sie im Leben hatte.

Sie trat durch die offene Tür ins Freie und schmiegte sich an den Vater ihrer Kinder. Lasse, attraktiv wie er war, hatte sie in den drei Jahrzehnten ihrer Beziehung kein einziges Mal betrogen, sie hingegen konnte einmal während eines Auftrags in Helsinki den Avancen eines jüngeren Kollegen nicht widerstehen. In ihrem Freundes- und Bekanntenkreis gab es erste Todesfälle, Halbwüchsige wurden zu Halbwaisen, Ehen wurden geschieden, Menschen wurden krank und blieben allein. Lasses Schwester hatte sie einmal gefragt, ob es ein Geheimnis ihrer Ehe gebe; sie wirkten so glücklich und harmonisch miteinander wie am Tag ihrer Begegnung. Grit konnte die Frage nicht beantworten. Sie wusste nur, dass sie Lasse so wollte, wie er war und wie er sich mit der Zeit entwickelte. Er hatte seinen Beruf, der ihn so ausfüllte wie sie der ihre, beide waren noch leidlich gesund. Sie profitierte von der Gleichstellung der Geschlechter in Schweden, die der in Deutschland deutlich voraus war. Dazu gehörte auch eine Infrastruktur zur Betreuung der Kinder, die es den Frauen nicht nur erlaubte, in Vollzeit zu arbeiten, sondern sie ohne schlechtes Gewissen dazu ermunterte. Vor einigen Jahren ging sie das erste Mal zur Pride Parade in Stockholm, der dramatisch geschminkten Svea war es ausdrücklich nicht peinlich.

Sie streichelte Lasse über den muskulösen Rücken. Sie blickte gern zu ihm auf, in sein offenes Gesicht, über dem das Haar in grauweißen Stoppeln abstand. Sie bekam Lust auf ihn, auf seinen weiterhin sehnigen Körper. Låt oss använda tiden ikväll, lächelte sie ihn an. Er verstand genau, was sie meinte und was sie wollte. Sich befingernd wie Pubertierende, fanden sie den Weg ins Schlafzimmer, wo das Bett noch nicht bezogen war. Sie kleideten einander aus und sanken auf die große feste Matratze, der hölzerne Rahmen knarrte leicht unter ihrem Gewicht in Bewegung. Ihre Leiber kannten einander und wussten, was und wie es der jeweils andere wollte. Das Alter gab ihnen zudem die Möglichkeit, einander wieder neu zu entdecken. Es ging nicht um eine erotische Leistung, sie fanden alle Zeit, die sie brauchten. Mit einem Klecks Gleitgel konnte sie sein Eindringen diskret erleichtern. Sein Atem ging schneller, er fand seinen Rhythmus, der sie zum Keuchen brachte, beider Schweiß vermischte sich. Sie legte ihn sich schließlich auf den Rücken, ihn fest umspannend und rittlings sich an ihm reibend; mit einem lauten Schrei kam sie sodann an ihr Ziel, klebrig im Schoß. Hier in der Waldeinsamkeit vor Gävle musste sie nicht an sich halten, morgen zur Feier des Mittsommer würde sie eine gelöste Madonna im Kreise ihrer Lieben sein. Zerbrechliches Glück.

Ring

  Was, bitte, suchen Erlöste in einer Oper? – Martin Walser, Brandung

„Der Ring des Nibelungen“ Richard Wagners ist neben den Tragödien William Shakespeares das wohl am häufigsten inszenierte und am intensivsten kommentierte Werk der Theatergeschichte. An diesem sogenannten Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend arbeitete Wagner mit Unterbrechungen über 25 Jahre lang, die Uraufführung erfolgte 1876 im eigens dafür errichteten Festspielhaus in Bayreuth. Als der „Ring“ an Saschas Lieblingstheater wieder angekündigt wird, lässt sie sich eine Woche Zeit, bevor sie sich zum Kartenkauf der Premiumklasse entschließt. Sie wird bei allen vier Opern auf dem selben Platz sitzen, ganz vorne im Parkett, mit unverstelltem Blick auf die Scheitel der Musiker im Orchestergraben.

Sascha kann zu Fuß von ihrer Wohnung zur Deutschen Oper gehen, sich gleichsam Schritt für Schritt auf ruhigen Seitenstraßen auf die Vorstellung einstimmend. Sie erreicht das Haus von hinten, dabei passenderweise durch die Richard-Wagner-Straße kommend. Als sie vor dem Eingang steht, kommt ihr die Bemerkung eines Freundes in den Sinn, die Deutsche Oper sehe aus wie ihr eigenes Parkhaus. In der Tat kommt die kantige Fassade mit ihren Kieselsteinen auf Waschbeton trutzig, fast abweisend daher, wie so viele Zweck- und Nutzbauten ihrer Generation. 1912 im seinerzeit noch selbstständigen Charlottenburg im neoklassizistischen Stil mit dachhohen Ziersäulen eröffnet, wurde das Musiktheater im II. Weltkrieg schwer beschädigt; nur wenige Wochen nach dem Mauerbau 1961 erfolgte die glanzvolle Eröffnung des Neubaus. Durchschreitet man die geduckte Kassenhalle, findet man sich nach der Schleuse der Kartenkontrolle in der weitläufigen Garderobe wieder, wo es auch eine Annahmestelle speziell für Pelze gibt. Das Haus bietet knapp 1.900 bequeme Plätze und eine exzellente Akustik, die im Untergrund rumpelnde U-Bahn ist im Inneren nicht zu vernehmen. Im lichten Foyer, das sich über zwei Stockwerke über die ganze Breite des Hauses erstreckt, kommt Sascha sich vor wie in einem noblen Club.

Die Gäste schlendern allein, paarweise oder in Grüppchen durch die Wandelhalle, die von beiden Seiten von Treppenhäusern mit Glaswand zur Straßenseite hin eingenommen wird; auf halber Höhe bietet eine Galerie Platz zum geschützten Beobachten des Treibens. Das Publikum darf als operntypisch bezeichnet werden, der Altersdurchschnitt liegt bei Mitte 50, Männer und Frauen sind in annähernd gleicher Zahl vertreten. Einige Herren treten in Sakko, Krawatte und Lederschuhen auf, einige Damen führen opulente Roben aus, die meisten Gäste sind eher sachlich praktisch angekleidet ob der zu erwartenden Dauer der Darbietung. Allerdings fehlen die aufgeregten Kinder an der Hand ihrer Großmütter, ihnen sind die überlangen Opern Wagners kaum zuzumuten. Begnügt sich das „Rheingold“ noch mit schlanken zweieinhalb Stunden netto, kommen „Die Walküre“, „Siegfried“ und die finale „Götterdämmerung“ auf mindestens viereinhalb Stunden reine Spielzeit, je nach Tempo des Dirigats – mit Pausen gehen jeweils gut sechs Stunden ins Land, ein voller Arbeitstag der Kunst.

Der Versuch, die Handlung der Tetralogie zusammenzufassen, ist schon so manchem Pädagogen und Exegeten misslungen. Die erste Szene des hinführenden „Rheingolds“ kann hingegen nicht missverstanden werden. Alberich, ein entstellter buckliger Zwerg aus dem Geschlecht der Nibelungen, kommt ans Ufer des Rheins, wo er drei mädchenhafte Wesen planschen und schwimmen sieht. Er erliegt ihren Reizen und möchte mit ihnen flirten, gar eine von ihnen freien. Die drei Rheintöchter aber, zu deren Aufgaben es gehört, das Gold auf dem Grund des Flusses zu bewachen, machen sich über den ungeschlachten Gnom lustig, verspotten ihn und weisen ihn zurück. Der verletzte Alberich entsagt daraufhin der Liebe und dem damit verbundenen Leiden und will stattdessen das Gold des Wassers an sich bringen, um daraus einen Ring zu schmieden, der seinen Träger unbezwingbar macht. Er tauscht in seiner Gekränktheit die Verheißung der Liebe gegen das Versprechen der Macht.

Alberich bemächtigt sich des Rheingoldes und zwingt seinen Bruder Mime, ihm daraus den bereits erwähnten Ring und einen Tarnhelm zu formen, der seinen Träger unsichtbar macht. Vom Raub des edlen Metalls und seiner Verarbeitung bekommen auch die Götter unter Wotan Wind. Sie haben sich von den beiden Riesen Fasolt und Fafner eine neue Burg Walhall bauen lassen und müssen diese nun nach ihrer Fertigstellung bezahlen. Anfangs dachten die Götter, sie könnten den beiden Riesen die Göttin Freia als Lohn überlassen; mittlerweile wollen sie Freia jedoch bei sich behalten und überlegen, den Arbeitern den Ring als Bezahlung anzubieten – ohne allerdings schon über ihn zu verfügen. Dieses Geschacher mit den bauenden Dienstleistern ist eines Göttergeschlechts im Grunde unwürdig, die Frage nach dem Quell und der Legitimation ihrer Herrschaft bleibt über die vier Stücke unbeantwortet, ja, sie wird nicht einmal gestellt. Mit einer List nehmen sie Alberich den Ring wieder ab, kaum dass dieser sich seiner erfreute; der erneut düpierte Zwerg verflucht darauf den Ring, möge er jedem Träger Unglück bringen.

Überhaupt sind die Götter Wagners mit einer seltsamen Präpotenz geschlagen. Vom grausamen, rachsüchtigen bis sadistischen Gott Jahwe des Alten Testaments, der aus einer Laune heraus die Städte Sodom und Gomorrha samt ihrer Bewohner mit Feuer vom Himmel verbrennt (Gen 19,23-29), der alles menschliche und tierische Leben auf der Erde in einer gewaltigen Flut ertränkt (Gen 7,17-24) und der den treuen Ijob einer qualvollen Prüfung seines Glaubens unterzieht (Ijob 1,12-22), sind Wotan und seine Entourage weit entfernt. Auch geht ihnen die bizarre wie verspielte Erfindungslust der antiken Götter des Olymp ab, mit der diese einzelne Gefallene bestrafen (Tantalos, Sisyphos) oder zu Zwitterwesen verschmelzen (Salmakis, Hermaphroditos). Im ganzen „Ring“ bleibt die Frage offen, woher ausgerechnet ein Schwarzalb Wissen und Macht nimmt, aus einem Klumpen geraubten Goldes einen Ring zu schmieden, der seinem Träger übermenschliche Kräfte verleiht. Warum müssen die Götter, die per definitionem ungleich mächtiger sind als Menschen und Mischwesen, vor der Kraft des Ringes dermaßen zittern, dass sie ihn in ihren Besitz zu bringen versuchen? Warum schmieden sie aus dem Gold, das ihnen ja seit ehedem zu eigen ist, nicht selbst das unwiderstehliche Accessoire?

Sei’s drum, der Mythos des „Rings“ liegt im Dunkeln und bezieht wohl deshalb seine Wirkung auf Wälsungen, Nibelungen, Gibichungen, Halbgötter und Menschen in ihrem Schwanken zwischen Liebe und Macht. Die aktuelle Inszenierung des Norwegers Stefan Herheim findet eine bestechend klare Formensprache, die (verworrene wie absurde) Handlung von Szene zu Szene und von Aufzug zu Aufzug zu treiben. Steter Begleiter ist ein Konzertflügel als zentrale Requisite auf der Mitte der Bühne. Das Instrument funktioniert als Einlass in die Unterwelt, es gibt Personen und Dinge frei, ist Behälter und Weg in einem. Großartig der Einfall, regelmäßig ein helles Seidentuch über die Breite wie Höhe der Bühne zu spannen, die dadurch die Ahnung eines geschlossenen Raumes erhält. Das Textil wird in abwechselnden Farben angestrahlt; mal züngeln gelb-rote Flammen, mal winden sich volle Baumkronen, dann grüßen schneebedeckte Berggipfel, schließlich wogen dunkle Wellen.

Das „Rheingold“ erzählt, wie das Böse in die geregelte Welt der Götter kam, wie Neid und Zwietracht um sich griffen. Die „Walküre“ fächert die Dynastie Wotans ein wenig auf. Seine Kinder Sieglinde und Siegmund sind füreinander mehr als Schwester und Bruder, sie werden vielmehr zu Liebenden. Als Wotan von ihrem Inzest erfährt – vorausschauend ist er nicht, dieser Prothesengott – zürnt er bitter und lässt seine Kinder kaltblütig ums Leben kommen, allerdings gebiert Sieglinde sterbend noch einen Knaben, Siegfried. Brünnhilde, Stiefschwester Siegmunds und Sieglindes, wird zur Strafe für das Gutheißen der Geschwister Rebellion in einen tiefen traumlosen Schlaf versetzt, den nur ein Held zu wecken weiß, der ohne Furcht ist, wie es im Text heißt. Das Orchester unter dem australischen Dirigenten Nicholas Carter intoniert die sehr variable Musik Wagners ohne Fehl und Tadel. Der schmissige Walkürenritt gelingt ebenso wie die lyrischen, ja zärtlichen Passagen. Der Orchestergraben ist groß genug, um sechs (!) Harfen aufzunehmen.

Sascha ist dankbar für die beiden langen Pausen, die Musik ist so intensiv, dass nicht nur Sänger und Musiker Erholung brauchen, sondern auch das Publikum. Sascha steht auf und schlenkert die steifen Knie, dann schieben sich die Gäste nach und nach nickend durch die Stuhlreihen ins Foyer. Hier nun beginnt ein Spiel im Spiel mit neuer Besetzung; mit einem Glas Sekt in der einen und einem Kanapee in der anderen Hand geht Sascha gemessenen Schrittes über den beigen Teppich, nimmt tänzelnd die Treppenstufen und tritt ins Freie. Unmittelbar am Ausgang der U-Bahn-Station steht das Gedenkrelief Alfred Hrdlickas, das an die Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 erinnert. Beim Besuch des persischen Schahs kam es in der Stadt zu mehreren Demonstrationen; als der Schah am Abend eine Vorstellung der „Zauberflöte“ besuchte, wurde Benno Ohnesorg in unmittelbarer Nähe der Deutschen Oper vom Polizeibeamten Karl-Heinz Kurras aus kurzer Distanz durch eine Kugel in den Hinterkopf erschossen. Der Polizist, der Jahrzehnte später als Informant der DDR-Staatssicherheit enttarnt wurde, wurde in zwei Prozessen freigesprochen, seine Pension bezog er bis zum Lebensende.

Die Operngäste stehen allein oder zu mehreren auf dem Vorplatz, viele kippen bei gebeugtem Nacken mit Nase und Zähnen auf das Glas ihres Telefons, einige rauchen Zigaretten, auch das gegenwärtig legale Cannabis wird hier und da konsumiert. Sascha kommt sich vor wie beim Ausgehen, sie war vor einigen Tagen beim Friseur, das frisch geschnittene, colorierte und gewaschene Haar fällt ihr weich auf die Schultern, die Lippen in Mauve geschminkt. Ihre roten Schuhe sind ein eindeutiges Ausrufezeichen in Kombination mit körpernaher dunkler Hose, niedlichem Ringelleibchen und sandfarbenem Blazer. Als sie eine andere Frau beim Flanieren passiert, erschnuppert sie deren Parfum „Allure“; etwas zu stark aufgetragen, wie sie findet. Sie selbst hat ihr „Heliotrope“ genau dosiert, lockend, aber nicht den Atem nehmend. Nach einer Umrundung des Blockes, der vollständig vom Opernhaus, dem Verwaltungsgebäude, Probenräumen, einem Restaurant, der Tischlerei und tatsächlich einem Parkhaus eingenommen wird, tritt Sascha wieder in das Reich der Illusionen. Sie sieht Pärchen, die wie Täubchen miteinander turteln, andere gehen gesenkten Hauptes allein ihrer Wege. Auf den Gesichtern versucht Sascha Spuren des Glücks oder des Leids abzulesen, eine Übung, an der sie jedes Mal scheitert.

Auch „Siegfried“, derweil zum Jüngling herangewachsen und ohne Kenntnis über seine Eltern, hat mittlerweile vom Ring und seiner sagenhaften Kraft erfahren – schließlich ist Mime sein Adoptivvater. Siegmund, sein Vater, hat ihm die Bruchstücke Nothungs, eines Schwertes, hinterlassen, das zu flicken Mimes Fertigkeiten nicht reichen. Also macht sich Siegfried kurzerhand selbst ans Werk am Amboss. So bewaffnet, zieht er los zur Neidhöhle, wo der Riese Fafner, zwischenzeitlich in einen Drachen verwandelt, den Ring bewacht. Neben dieser märchenhaft komischen Idee stehen die dunklen Pläne Mimes und Alberichs, Siegfried den Ring erbeuten zu lassen, um diesen dann zu betäuben und ihm die Habe gleich wieder abzunehmen. Doch Siegfried, von kindlichem Gemüt, lässt sich nicht überrumpeln und nimmt Ring und Helm an sich – er wird nicht der letzte sein, der den heiß begehrten Artefakt bei sich führt. Krönung des zweiten Tages ist die Erweckung Brünnhildes durch Siegfried – dieser ahnt nicht, dass diese erste Frau, der er in seinem Leben ansichtig wird, seine Stieftante ist. Die beiden kommen zusammen, musikalisch begleitet von der Friedens-Melodie, einem der schönsten Themen des ganzen „Rings“.

Richard Wagner hat nicht nur die Musik des Zyklus komponiert, er hat auch die Libretti aller vier Opern geschrieben, er hat zudem detaillierte Anweisungen für die Regie gegeben und sich pingelig ausgelassen zu Kostümen und Kulissen. Den mythischen Stoff hat er sich angeeignet durch die Lektüre des Nibelungenliedes, ergänzt um nordische Sagen wie die Edda. Dabei ist Wagner als Autor nicht immer quellentreu, manches lässt er weg, anderes verfremdet er, weiteres erfindet er. Ziel dieses opus magnum ist es, die klassische griechische Tragödie in ihrer Wucht wiederzubeleben für seine Gegenwart, dabei sich nicht in lieblichen Arien nach Art des Belcanto verlierend, sondern seine Figuren ernste Geschichten zur Belehrung und Erbauung erzählen lassend – daher der für Wagner so typische Sprechgesang. In der Mitte des 19. Jahrhunderts, als der „Ring“ Gestalt annahm, war den Menschen die germanische Sagenwelt vertrauter, als sie es den heutigen ist. Warum gehen die Menschen am Beginn des 21. Jahrhunderts weiter ins Theater, warum genießen sie mit der Oper die wohl alltagsfernste Kunstform, die nur denkbar ist? Vermutlich, weil sie sich intuitiv rückbinden lassen wollen an verschüttete Traditionen, jenseits der unerbittlichen Vernunft. Wenn Siegfried die Stimmen der Vögel verstehen kann, wenn die Walküren gefallene Krieger zum ewigen Gelage nach Walhall geleiten, wenn aus zahllosen Koffern auf der Bühne die Gesichter der Riesen Fasolt und Fafner geschichtet werden, ähnlich wie auf einem Gemälde Guiseppe Arcimboldos, dann wird die Entzauberung der Welt (Max Weber) für einen Abend lang aufgehoben – alles ist möglich, nichts ist vorherbestimmt.

Den viel zu langen Abschluss des Reigens bildet die „Götterdämmerung“, noch so ein Widerspruch. Wie kann ein Göttergeschlecht, das ohne Anfang und Werden aus sich heraus besteht, an den Händeln der Menschen und ihren miesen Instinkten zugrunde gehen? Wieso nehmen die Götter die ehrgeizigen Menschen überhaupt als Konkurrenten ernst, warum weisen sie ihnen nicht lässig den ihnen zustehenden Platz im Weltengefüge zu? Bei der Konstruktion des endlosen Finales offenbart der Dramaturg Wagner deutliche Schwächen: Hagen, der Sohn Alberichs (und welcher Mutter?) tötet Siegfried, um an Ring und Helm zu gelangen, doch auch er kann sich nicht lange sonnen in der damit verbundenen Macht. Um das Ganze der Welt zu retten, muss das verfluchte Gold dem Rhein zurückgegeben werden, muss die mit ihm bezahlte Burg Walhall in Flammen aufgehen, müssen die Götter sterben. Mit großem Knall fährt die bekannte Welt in den Orkus, die Fluten des Stromes löschen die Flammen und verwischen alle Spuren. Nach den letzten Takten hält es das Publikum nicht länger auf den Sitzen, Erleichterung, Erschöpfung und Läuterung greifen um sich. Die Hände tun schließlich weh vom Klatschen, Bravorufe gellen wie bei einer Geburt. Das Licht geht an, der Vorhang fällt, Finis.

Durchgeschüttelt tritt Sascha aus der Oper in die Milde des Abends des Pfingstmontags, wo die Sprache der Musik allenthalben verstanden wird. Es ist nach 22:30 Uhr, Straßen und Trottoirs sind weitgehend leer. Mit dem Schirm, den sie für ein etwaiges Gewitter mitgenommen hatte, schlägt sie im Gehen imaginäre Takte, ihr Mund summt einzelne Melodien der vergangenen vier Abende. Die temporäre Gemeinschaft der Weihegäste löst sich auf, die Menschen, mit denen Sascha Sitz an Sitz tiefe Empfindungen geteilt hat, gehen ihrer Wege, ohne sich weiter zu kennen. Saschas heimliche Hoffnung hat sich nicht erfüllt: Ihr ist beim Cruisen im ausgedehnten Foyer der Deutschen Oper niemand begegnet, ihre Augen haben sich nicht in den Augen eines fremden Mannes festgesaugt. Ihren Sekt musste sie allein trinken. Ihre Eindrücke auf dem Heimweg kann sie mit niemandem besprechen, ihr Sehnen nach Nähe bleibt ohne Befriedigung, ihre Hand bleibt leer. Warum gehen Menschen in die Oper, warum lesen sie Romane, warum betrachten sie Gemälde? Weil sie in der Kunst die Lösungen finden, die das Leben ihnen vorenthält.

Polizei

Kerstin lag entspannt auf dem Rücken, alle viere von sich gestreckt wie ein Seestern, die Augen halb geschlossen. Ihr Brustkorb hob und senkte sich im Rhythmus tiefer Atemzüge, die sich stetig beschleunigten. Bettina kniete zwischen ihren Schenkeln, mit der linken Hand ihre Perle massierend, mit der rechten Hand ihre Flanke streichelnd. Sie kannte den Körper ihrer Gefährtin, um zu wissen, wo und wie sie es gern hatte. Sie beugte sich nach vorn und stupste mit ihrer Zunge Kerstins Brustwarze, die schlagartig fest wurde und sich aufzurichten begann. Aus Kerstins Mund entwich ein wohliges Stöhnen, für Bettina die Gewissheit, dass sie daran Gefallen fand.

Ein Kribbeln überzog Kerstins ganzen Körper, sich wellenförmig von ihren Brüsten ausbreitend. Sie wand ihren Oberkörper und warf ihren Kopf ruckartig wie ein Spatz hin und her, ihre rechte Hand tastete nach Bettinas linker. Beide trafen sich und formierten mit den geschlossenen Fingern eine doppelte Faust; Kerstins Druck war das Signal an ihre Geliebte, nicht nachzulassen mit ihren Liebkosungen. Bettina zog ihre Brüste über Kerstins Bauch und ihre nasse Scham, ihre Zungenspitze tippte kurz in den Bauchnabel, bevor sie sich wieder den kleinen Wilden zuwandte, so beider Kosename für Kerstins Tittchen. Deren tiefes Atmen ging in ein Keuchen über, das von zunächst leisen, sodann lauten Schreien abgelöst wurde. Als sie schließlich bebend kam, hallte ein mehrfaches, langgezogenes „Nein!“ durch die ganze Wohnung. Ihre erhitzten schweißverklebten Leiber blieben ineinander verschlungen, als schlüge ein Herz für sie beide.

Im Dämmer der Endorphine lagen sie gekuschelt aneinander, im Dunkel des Schlafzimmers war das Gesicht der Anderen nur in Schemen und Schatten zu erkennen, im angrenzenden Flur flackerte das Licht einer Bienenwachskerze neben einem glimmenden Räucherstäbchen. Ihre Atemzüge gingen gleichmäßig, Kerstin sog mit ihren Nüstern den betörenden Geruch aus Bettinas glatter Achsel auf. Sie bedeckten ihre glänzenden Leiber mit einer leichten Decke, die der lauen Sommernacht angemessen war. Gemeinsam schwebten sie auf der Grenze zwischen Schwindel und Wachsein, wo das Empfinden für das Vergehen der Zeit verblasst. Wie so oft in einer Situation wie dieser verspürte Kerstin das Bedürfnis nach einem Schluck frischen Orangensaftes, dem sie gleichzeitig nicht nachgeben wollte, weil das bedeutet hätte, sich aus Bettinas Armen zu winden und in die Küche zu gehen.

Träumte sie oder jaulte auf der Straße eine Sirene? Durch ihre nachlassende Betäubung hindurch vernahm sie das Schlagen der hölzernen Tür, die in den Hinterhof ihres Hauses führte, erregte Männerstimmen mischten sich darunter. Dann hieben schwere Tritte auf die Stufen des Treppenhauses, immer näher an ihre Wohnungstür kommend. Beide spitzten sie die Ohren, inmitten der abflauenden Trägheit begannen ihre Sinne sich wiederaufzurichten. Hier im Seitenflügel wohnten keine jungen Leute, die des Nachts lärmend aus der Kneipe nach Hause kamen. Dann schrillte die Klingel an ihrer Wohnungstür, die drohenden Worte „Aufmachen! Polizei!“ drängten in den Raum. Kerstin und Bettina sahen sich ungläubig an, da donnerte eine Faust an das Türblatt und der Befehl zum Aufmachen der Tür dröhnte erneut durch das ganze Haus.

Kerstin glitt aus dem breiten Bett, knotete im Badezimmer ihren Bademantel zu und ging ungläubig durch den Flur zur Tür, durch deren Glasfenster hohe Schatten auf dem Treppenabsatz sich abzeichneten. Kerstin öffnete zögerlich die Wohnungstür, und unweigerlich hielt sie die Luft an. Vor ihr standen mehrere Polizisten in Helm und Kampfmontur, einer hielt ihr den Strahl seiner Stablampe direkt ins Gesicht, sodass sie instinktiv ihre Augen mit den Fingern abschirmte, in der behandschuhten Hand eines weiteren konnte sie noch einen kolbenförmigen Rammbock erkennen. Ohne weiter zu fragen, trat der Wortführer über die Schwelle in den Flur, Kerstin dabei gegen die Garderobe schiebend. Auf ihre gestammelte Frage, was das solle, entgegnete er beißend, die Nachbarn hätten die Polizei alarmiert, hier habe eine Frau um Hilfe geschrien und werde wohl geschlagen.

Die Beamten polterten mit ihren festen Stiefeln durch die Wohnung, leuchteten in die Küche, ins Bad und ins Arbeitszimmer, dabei mit ihren raumgreifenden Bewegungen im Flur eine Blumenvase von einem hohen Tischchen werfend, kommentarlos. Die Dielenbretter im Wohnzimmer bebten von den lauten Schritten, sodass ein Porzellanservice in einer gläsernen Vitrine vibrierte. Ein Polizist tastete den Lichtschalter im Schlafzimmer, Bettina kauerte mit angezogenen Knien im Bett, die Decke über die schmalen Schultern gezogen. Unter den Polizisten war auch eine Frau, deren angerundeter Körper durch die brachiale Uniform nivelliert wurde. Sie schob das Visier ihres Helmes nach oben, blickte von Kerstin zu Bettina und wieder zurück, lächelte leicht und sagte: „Kollegen, hier scheint nichts weiter passiert zu sein, was uns etwas anginge.“ Sie schien den Östrogengeruch im Schlafzimmer richtig zu deuten.

Der Wortführer, ein den Bewegungen nach junger Mann, herrschte Bettina an: „Alles in Ordnung?“ Kerstin konnte ihre weit aufgerissenen Augen sehen, als sie gehorchte: „Ja, was soll denn sein?“ Der Wortführer ging nicht darauf ein und schwenkte seinen massigen Torso Kerstin zu, die ihre Arme um ihren zitternden Leib legte. Die Kollegen in ihren derben dunkelblauen Uniformen mit ihren Polstern an den Ellenbogen und Knien sowie den Handschellen am Gürtel und den Pistolen an den Hüften standen im Halbkreis um Kerstin herum, die sich barfuß in ihrem hautfarbenen Frotteestoff wehrlos fühlte. Was, wenn sich jetzt ein Schuss aus einer entsicherten Waffe löste? Sie strich sich eine Strähne ihres schulterlangen Haares aus der Stirn und schaffte es mit brechender Stimme zu sagen: „Hier wurde niemand geschlagen, im Gegenteil.“ Der Wortführer schien mit mahlendem Kiefer darüber nachzudenken, schwieg einige Sekunden und bellte dann: „Abmarsch!“ Beim Durchmessen des Flurs trat er auf eine Scherbe der zersprungenen Vase, die Stimmstöße seiner Kollegen hallten abebbend im Treppenhaus nach.

Kerstin erwachte aus ihrer Starre und schloss die Wohnungstür, das Licht im Treppenhaus war derweil erloschen. Als sie ihren Bademantel zurück auf den Haken hängte, bemerkte sie einen Fleck frischen Urins auf dem Stoff. Sie tappte zurück ins Schlafzimmer, löschte die Deckenlampe, knipste die Nachttischleuchte an und rollte sich wortlos an Bettina. „Was war das denn?“, fragte sie schließlich ihre Freundin, als der Schauer abgeklungen war. „Die waren drauf und dran, die Tür einzutreten. Bei unterstellter Gefahr im Verzug fragen sie nicht erst höflich, ob sie reinkommen dürfen.“ – „Immerhin hast Du aufmerksame Nachbarn. Im Falle echter häuslicher Gewalt wäre die Polizei willkommen. Du warst aber auch wirklich laut.“ Bettina grinste Kerstin an und ergänzte schelmisch: „Vielleicht gehen wir das nächste Mal besser zu mir, da müssen wir nicht so aufpassen.“ Sie schmiegten sich in der Löffelchenstellung aneinander, rieben sich genüsslich Haut an Haut und atmeten im Gleichklang. Das Gefühl der Beschädigung ihrer Privatsphäre war auch beim Erwachen am nächsten Morgen nicht verschwunden.

Indien

Indien wird gern als die größte Demokratie der Welt bezeichnet. Die frühere britische Kronkolonie, 1947 in die Unabhängigkeit entlassen, zählt derzeit 1,4 Milliarden Einwohner und ist damit vor China das bevölkerungsreichste Land der Welt. 968 Millionen Menschen sind derzeit aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen; die Wahl zieht sich wegen der großen Dimensionen des Subkontinents, des zum Teil unwegsamen Geländes und der nicht überall tauglichen Infrastruktur über sechs Wochen hin. Das aufstrebende Land mit seinen vielen verschiedenen Sprachen macht auch im Schach Furore, mit drei Männern und zwei Frauen ist es beim laufenden Kandidatenturnier in Toronto vertreten.

Der derzeitige indische Schachboom geht zurück auf den 1969 geborenen Viswanathan Anand. Der erste Schachgroßmeister Asiens betrat Ende der 1980er Jahre die Turniersäle der Welt und beeindruckte sofort mit seiner seltenen Begabung, seiner enormen Rechenfähigkeit und seinem so schnellen wie fehlerfreien Spiel. 1995 spielte er sein erstes Match um die Schach-WM gegen Garri Kasparow, den Titel holte er dann 2007 und behielt ihn bis zur Niederlage gegen Magnus Carlsen 2013. Derzeit ist der stets höflich und kultiviert auftretende Anand Vizepräsident des Weltschachverbands FIDE und zugleich eine populäre Identifikationsfigur in seinem Heimatland, vielen Kindern und Jugendlichen ist er erklärtes Vorbild. Nur das auf die Briten zurückgehende Cricket hat in Indien noch mehr Fans im Sport als das Spiel der Könige.

Mit tatkräftiger Förderung des Zentralstaates und seiner zahllosen Regionen hat sich ein Netz aus Schulen und Talentschmieden über das ganze Land ausgebreitet, wo bereits Fünfjährige die Regeln des Spieles erlernen und peu à peu in seine Feinheiten eingeführt werden. Im über weite Strecken nach wie vor armen Indien ist Schach ein niedrigschwellig zugängliches Spiel, zu Beginn braucht es lediglich einen Tisch, zwei Stühle, ein Brett aus Plastik und Figuren aus Kunststoff. Das Internet macht zudem Periodika, Datenbanken, Trainingsvideos und Kursmaterial praktisch überall verfügbar. Seit Beginn der 2000er Jahre gibt es im Land regelmäßige Wettbewerbe für Kinder und Jugendliche in verschiedenen Altersklassen. Zeigen diese dann ein besonderes Gefühl für das Spiel, die Bereitschaft zum Lernen und vor allem Freude daran, stehen ihnen renommierte Schulen landesweit anerkannter Trainer offen, wo sie nach dem regulären Unterricht im Schach betreut werden; so manche Eltern opfern dann ihre materielle Habe, um den Kindern und Jugendlichen die Teilnahme an Turnieren auch in entfernten Landesteilen zu ermöglichen.

Diese systematische Frühförderung des Schachs, die durchaus an jene der Sowjetunion während des Kalten Krieges erinnert, trägt nun Früchte. Indien hat derzeit 84 Großmeister und 23 Großmeisterinnen, in der Weltrangliste rangieren vier Männer und zwei Frauen unter den ersten 20 Plätzen. Und auch bei der alle zwei Jahre ausgetragenen Schacholympiade stellen sich die Erfolge der harten Arbeit ein: 2014 holte das indische Männerteam im norwegischen Tromso erstmals Bronze, bei der Schacholympiade im südindischen Chennai 2022 ging Bronze dann sowohl an die Männer als auch an die Frauen. Sagenhaft hier das Auftreten des indischen B-Teams, an dessen Spitzenbrett der erst 16 Jahre alte Dommaraju Gukesh acht Spiele in Folge für sich entscheiden konnte und in einer herzzerreißenden Partie gegen Usbekistan in ausgeglichener Stellung bei knapper Zeit durch einen Patzer verlor.

Dieser kurzerhand Gukesh genannte Spieler liegt nun in Toronto beim Kandidatenturnier zwei Runden vor Schluss in aussichtsreicher Position auf dem geteilten ersten Rang. Sollte er diese Auseinandersetzung um das Recht, den amtierenden Weltmeister Ding Liren aus China zu stellen, gewinnen, wäre er der jüngste Herausforderer in der Schachgeschichte – Garri Kasparow zählte bei seinem ersten Versuch, die Krone zu erobern, 21 Jahre. Dabei wirkt Gukesh mit seinem dichten Schopf, seinem Bart, den warmen braunen Augen, den geschmeidigen Bewegungen, dem kontrollierten Habitus und den schmal geschnitten Anzügen im Gespräch nicht wie ein Teenager, eher wie ein romantischer Held aus einem Bollywood-Film. Seine Eltern sind beide Mediziner, sie haben seine Karriere früh gefördert. Ebenso wie der gleichfalls in Toronto spielende Praggnanandhaa Rameshbabu und dessen Schwester Vaishali Rameshbabu war auch Gukesh bereits als Kind vielversprechend und bekam mit gerade 12 Jahren den Großmeister-Titel verliehen, bevor er die Schule verließ und sich vollends dem Schach verschrieb.

Lange Zeit hat er sich weitgehend ohne Computer an die Analyse und die Vorbereitung einer Partie begeben, was einen positionell klassischen Stil zum Ergebnis hatte. Es war Viswanathan Anand vorbehalten, ihn zu einem professionellen Eröffnungstraining anzuhalten, das ohne einen Computer heute nicht mehr zu bewältigen ist. Nun tritt Gukesh ausgezeichnet vorbereitet an und findet in den Haupt- und Nebenvarianten der traditionellen Eröffnungen wie dem Damengambit, der Spanischen Partie, dem Grünfeld-Inder oder der Sizilianischen Verteidigung überraschende Wendungen, die den Gegner am Brett in Bedrängnis bringen können – eine Sisyphusarbeit, ist eine Neuerung doch bereits im Moment ihrer Präsentation in einer Partie allseits bekannt und erheischt damit die permanente Suche nach weiteren. Gukesh ist ein glänzender Taktiker geworden, der mit beiden Farben auf Sieg spielen kann; lediglich im Schnellschach und in Zeitnot wirkt er noch nicht souverän.

Im Jahr 2020 gründete Viswanathan Anand gemeinsam mit einem Finanzinvestor in Chennai eine Schachakademie, mit dem Ziel, aus bereits sehr guten Jugendlichen potentielle Weltklassespieler zu formen. Erfahrene Großmeister lehren ihre Schüler die Finessen der Eröffnung, trainieren forcierte Varianten im Mittelspiel und üben die Prinzipien und Muster des Endspiels. Hier erhielten auch Gukesh und Praggnanandhaa ihren letzten Schliff auf dem Weg zum Topniveau. Weiter wäre Ramachandran Ramesh zu nennen. Der ehemalige britische und Commonwealth-Meister, der als Indiens Spitzenschachcoach gilt, etablierte bereits 2008 sein Trainingsinstitut und gibt auch private Lektionen, online wie am Brett. Sein Lehrbuch zum Training des konzentrierten Rechnens ist auf dem besten Wege, zu einem Standardwerk zu werden. Die Schulen Anands und Rameshs erinnern nicht von ungefähr an die legendäre Schachschule des ehemaligen sowjetischen Weltmeisters Mikhail Botwinnik, aus der die späteren Champions Anatoli Karpow, Garri Kasparow und Wladimir Kramnik hervorgingen. Die Eleven ihrer Institute wirken ausgelassen und ernsthaft zugleich, in ihren uniformen Jacketts in gedeckten Farben kommen sie wie Zöglinge eines britischen Elite-Internats daher.

Indien ist derzeit hinter den USA, China und Deutschland die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt. Das Land verfügt über Atomwaffen und hat darüber hinaus ehrgeizige Ziele in der Raumfahrt. Seine Softwareingenieure sind weltweit anerkannt, derzeit werden die US-Konzerne Alphabet und Microsoft von indischstämmigen Managern geleitet. Das Auftreten des Landes im Schach, das ja in seiner Frühform aus dem Indien des 5. Jahrhunderts stammt, steht für den selbstbewussten Repräsentationsanspruch einer globalen Führungsmacht. Sollte sich Gukesh tatsächlich für den nächsten WM-Kampf qualifizieren können, stünden die Chancen gut, dass nach Chennai 2013 zum zweiten Mal eine indische Metropole das Match organisiert. Die Hegemonie Russlands auf den 64 Feldern ist gebrochen, die neuen dominanten Mächte im 21. Jahrhundert sind China und Indien.

Opfer

Das „Opfer“ hat mehrere Bedeutungen, die im Deutschen, anders als im Englischen oder Französischen, begrifflich nicht unterschieden werden. Das Sacrifice wird verstanden als Hingabe im religiösen Sinne; der Mensch opfert etwas ihm Wesentliches und Wichtiges, um Gott zu loben oder zu danken, um Schonung zu erbitten oder um ein Unrecht zu sühnen. Das Victim hingegen ist das passive Erleiden einer Erkrankung oder eines Unfalls, vor allem aber eines Verbrechens, des Diebstahls, der Körperverletzung oder des Mordes. Im ersten Fall kommuniziert der Mensch mit Gott mit dem Ziel des Gelingens eines Vorhabens, im zweiten mit einem anderen Menschen zur Missachtung der sozialen Ordnung. Der erste Fall ist der Versuch der Beeinflussung der Zukunft, der zweite zieht eine Wiedergutmachung und gegebenenfalls eine Strafe nach sich.

Kerstin sitzt weit vorn im Parkett des Theaters, für das sie bereits zu Gymnasialzeiten ein Abonnement im Theaterjugendring hatte. Sie spielte in der Theater-AG ihrer Schule mit und besuchte das Große Haus, um Stücke von Bertolt Brecht und Max Frisch sowie Darbietungen der städtischen Ballettcompagnie zu sehen. Das Theater war nach den Verheerungen des II. Weltkrieges im Jahr 1956 als erstes in Westdeutschland wiedereröffnet worden, die Architektur des jungen Harald Deilmann und seiner Kollegen wurde seinerzeit als Befreiungsschlag der Nachkriegsmoderne gefeiert. Das Treppenhaus, das sich halbkreisförmig um den Innenraum zieht und sich mit einer Glasfront zur Straße hin öffnet, wirkt anmutig und luftig. Die Balustraden der oberen Ränge sind mit beigem Flechtwerk verkleidet, an der hohen Decke hängen zahllose kleine Lampen für gleichmäßige Helligkeit und Textilsegel zur Optimierung der Akustik. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude gemahnt an eine begehbare Skulptur, die fast 70 Jahre nach ihrer Aufstellung nichts von ihrer stillen Kraft eingebüßt hat. Nur eine Garderobe fehlt im dunklen Foyer, die dort platzieren Schränke zur Selbstbedienung kommen arg profan daher.

Der erste Teil des Tanzabends widmet sich zu den Klängen der 3. Sinfonie Ludwig van Beethovens dem Heldenmythos beziehungsweise seiner Dekonstruktion. Beethoven hatte seine 1803 fertiggestellte Sinfonie zu Ehren Napoleons die „Eroica“ genannt, nur um rasch sehen zu müssen, dass Bonaparte nicht der anfängliche Freiheitskämpfer blieb, sondern zum Diktator mutierte. Die Männer und Frauen tanzen barfuß, anfangs lieblich, verspielt und zugewandt, im Verlauf des Stücks nach Geschlechtern getrennt. Die Männer imitieren den Gleichschritt des Marschierens, der zum Ausradieren der Individualität führen soll, die Frauen schauen ungläubig zu und müssen dabei lächeln. Das maskulin Heroische wird tänzerisch aufgehoben, etwa dadurch, dass auch eine Tänzerin einen Militärrock trägt oder dass sie, entgegen der Konvention, einen Tänzer hebt und ihn über die Schulter kreisen lässt. Die Lichtregie verzichtet darauf, einen Helden à la Achill optisch hervorzuheben; ohne diese segnende Praxis bleiben die Soldaten einfach Handwerker des Todes.

Der zweite, weitaus kürzere wie intensivere Teil des Abends bringt das berühmte Ballett „Le Sacre du Printemps“ von Igor Strawinsky auf die Bühne. Die Musik aus dem Jahr 1913 ist grell, dissonant und tut beinahe körperlich weh; sie passt aber gut zum schaurigen Inhalt der Choreographie, bei der sich eine junge Frau im Rahmen eines Frühlingsopfers im heidnischen Russland zu Tode tanzt. Anfangs tollt eine Gruppe junger Menschen übermütig um einander herum; erst als die junge Frau als Opfer ausgewählt ist, beginnen sich die anderen Tänzerinnen und Tänzer zu einer menschlichen Mauer zu formieren, die in Opposition zur vereinzelten Todgeweihten steht. In diesem Moment ist die Ballerina als Schauspielerin gefragt, die mit verkrampften Muskeln und verzerrter Mimik ihre Angst angesichts ihres Schicksals verkörpert.

Eine großartige Idee von Dramaturgie und Regie ist der gezielte Einsatz von Wasser auf der Bühne. Dieses regnet als Zeichen der Fruchtbarkeit und der Reinigung auf die Tanzenden hinab, die sich zunächst mit dem nassen Boden und der damit einhergehenden Rutsch- und Sturzgefahr arrangieren müssen. Nach der gelungenen Akklimatisation an die neuen Bühnenumstände setzt die Ensemble das Wasser grandios als Gestaltungselement ein: So werden Tänzerinnen von ihren sich um die eigene Achse drehenden Partnern mit dem Rücken über den nassen Boden geschleift, der Effekt des Aqua Planing macht es möglich. Zur Steigerung werden die Frauen dann regelrecht mit Anlauf über den Boden geschoben, meterweit und spritzend.

Die als Frühlingsopfers auserkorene junge Frau entzieht sich ihrer Bestimmung nicht, sie akzeptiert sich als Opfer der Gemeinschaft, das diese mit einer kommenden Ernte segnen und und so ihren Fortbestand garantieren soll. Das Menschenopfer ist auch im Alten Testament bekannt, in der Genesis stellt Gott Abraham sadistisch auf die Probe. Er verlangt von diesem, ihm seinen einzigen Sohn Isaak als Brandopfer zu bringen. Als Gott jedoch erkennt, dass Abraham bereit ist, sein Liebstes Gott zu Ehren zu schlachten, ist er von seinem Glauben und seinem Gehorsam überzeugt und reduziert seinen Opferbefehl auf das traditionelle Darbringen eines Widders. Dieses Entkommen ist der jungen Frau im „Sacre du printemps“ nicht beschieden, am Ende des Tanzes sinkt sie verdreckt und erschöpft zu Boden und verstirbt. Das Publikum hält es nicht länger auf den Sitzen, stehend applaudiert es der sagenhaften Darstellung und findet im Klatschen eine Erleichterung.

Das Frühlingsopfer in einer heidnischen Gesellschaft geht eng einher mit dem archaischen Kult um Dionysos, den Gott der Fruchtbarkeit und des Weines. Auch im Christentum ist dieser Bezug noch lebendig; in jeder katholischen Messe werden die Gaben am Altar geheiligt, der symbolisch angebotene Sohn Gottes in den beiden Gestalten des Brotes und des Weines wird dabei ausdrücklich als Opfer bezeichnet. Doch auch aus der entzauberten Welt der Technik und der naturwissenschaftlichen Analyse ist das Opfer nicht verschwunden, durchfährt es Kerstin bei der Heimfahrt durch die ruhige Stadt. In der Ukraine werden sei zwei Jahren zehntausende Rekruten den imperialen Herrschaftsansprüchen des russischen Regimes übermacht – auf dem Schlachtfest fallen die sakrale und die kriminelle Dimension des Opfers in eins. Hier ist es nicht Ausdruck der Interaktion, sondern der Zerstörung.

Fachkräftemangel

Zu den bevorzugten Schlagwörtern im sozialpolitischen Diskurs der Gegenwart zählt der „Fachkräftemangel“, ad nauseam wiederholt. Keine Woche vergeht, ohne dass ihn ein Politiker, ein Ökonom, ein Journalist oder ein Verbandsfunktionär mahnend im Munde führt. Der so beschriebene Sachverhalt bedrohe das Rentenniveau, das Wirtschaftswachstum, die Steuereinnahmen, den Wohlstand, kurz, den Frieden und gar die Existenz der Republik. Die geburtenstarken Jahrgänge der späten 1950er und 1960er Jahre gingen sukzessive in den Ruhestand, ohne dass ausreichend viele Berufsanfänger ihnen nachfolgend in den Arbeitsmarkt einträten – der Fachkräftemangel als Schicksal des demographischen Wandels, voilà.

Diese Arbeiterlosigkeit führe dazu, dass sich gut qualifizierte Berufstätige ihre Arbeitgeber aussuchen könnten, so die nächste Strophe des Klageliedes. Um die offen bleibenden Stellen überhaupt besetzen zu können, sei eine Nettomigration von mindestens 500.000 Menschen pro Jahr erforderlich, andernfalls drohe ein dramatisches Absinken der Produktivität, lautet die Schlussfolgerung. Eigentlich rosige Bedingungen für die Jobsuche, denkt sich auch Sascha. Sie gehört rechnerisch zur sogenannten Boomer-Generation, hat aber bis zur Rente noch knapp zehn Jahre vor sich. Angesichts ihrer durch Brüche, Wechsel und Latenzen geprägten Berufslaufbahn stellt sie sich darauf ein, im Ruhestand noch nebenerwerbstätig zu sein. Nun plant sie aus familiären Gründen den Umzug aus der Metropole zurück in ihre alte Heimat.

Frohen Mutes geht sie an die Bewerbungen. Sie weiß, was sie will, sie weiß, was sie kann, und sie fühlt sich bereit für eine erneute Veränderung. Sie verfügt über einen Universitätsabschluss und hat die letzten zehn Jahre durchgehend auf ihrem Qualifikationsniveau gearbeitet. Sie bringt Expertise aus der Politik, der Verwaltung, dem Handel, dem öffentlichen Dienst und der Freiberuflichkeit mit, hat Auslandsaufenthalte im Gepäck, spricht passabel Englisch und Französisch und verfügt über Grundkenntnisse in Italienisch und Russisch. Sie hat sich regelmäßig weitergebildet, kann sich rasch in neue Zusammenhänge einarbeiten und ihr Wissen und Können auf bislang unvertraute Felder transponieren. Sie geht routiniert mit dem Office-Paket um, versteht HTML und Python, kennt die Stärken der verschiedenen sozialen Netzwerke und weiß um die Chancen und Grenzen generativer KI wie ChatGPT und Stable Diffusion. Der rote Faden ihrer Vita ist die Kommunikation, analog wie digital, schriftlich wie mündlich, werblich wie literarisch, konzeptionell wie operativ.

Mögliche Arbeitgeber sind mit diesem geisteswissenschaftlich grundierten Profil klar definiert: Agenturen, Kammern, Pressestellen, Lektorate, Verbände, Referate, Redaktionen, Stäbe. Diese findet sie auf einer einschlägigen Webseite, auf der sich potentielle Arbeitgeber auch regional eingrenzen lassen. Nach einer Aktualisierung ihres CV und ihrer Zeugnisse macht sie sich an die Recherche; dies geschieht stets am Wochenende, weil sie abends nach einem schlauchenden Tag im Büro zu fahrig ist, um noch stundenlang konzentriert in eigener Sache arbeiten zu können. Hat sie dann eine Stelle gefunden, deren Anforderungen sie nach eigener Einschätzung zu mindestens zwei Dritteln erfüllt, schreibt sie ein individualisiertes Anschreiben, freundlich, seriös, zuversichtlich und humorvoll, vergisst auch die Angaben zu Gehaltswunsch und frühestmöglichen Einstiegstermin nicht. Nach dreifachem Korrekturdurchlauf lädt sie Anschreiben und Anlagen inklusive eines ansprechenden Portraitfotos im Bewerberportal hoch oder versendet sie per Mail.

Und dann passiert, nach einer automatisierten Bestätigung des Eingangs der Bewerbung – nichts. Keine Post, keine Mail, kein Anruf. Keine Einladung zum Gespräch vor Ort, auch kein Vorabgespräch auf digitalem Wege, geschweige denn das Bekunden des Interesses einer Anstellung. Sascha ist darauf vorbereitet, dass sie länger nach einem attraktiven Arbeitgeber suchen muss, dass nicht der erste Schuss ein Volltreffer sein wird; dazu hat sie im Verlauf ihres Jahrzehnte währenden Berufslebens ernüchternde Routinen bei der Jobsuche entwickelt. Doch nun muss sie feststellen, dass die Unternehmen, die Stellen schaffen und ausschreiben, heute genauso unverschämt und unprofessionell agieren wie vor 30 Jahren: Sie antworten einfach nicht. Dieses Muster zeigt sich unvermeidlich, seit fast zehn Monaten sucht Sacha nun kontinuierlich nach einer neuen Beschäftigung, aus einer festen Position heraus, doch eine Reaktion seitens der Adressaten gibt es nicht. Sie hätte ihre Unterlagen auch gleich in den digitalen Papierkorb verschieben können.

Sie zieht für sich das Fazit, dass das allfällige Gerede vom Fachkräftemangel eben nur Getöse ist, bar jeder Substanz. Unternehmen nutzen es als willkommene Ausrede, um das eigene Geschäftsmodell in Zeiten von Digitalisierung und Automatisierung nicht anpassen zu müssen. Und sie kommt zum Schluss, dass sie nun mit Ende 50 für die angeschriebenen Firmen, Agenturen, Redaktionen und Betriebe viel zu alt ist. Diese wollen keine Erfahrung, sondern Formbarkeit ohne jeden Anspruch. Alte sind permanent krank, teuer und unflexibel, bestehen auf Urlaub und geregelter Wochenarbeitszeit, haben keine Ahnung vom Internet und gendern nicht, hören Wagner und erzählen vom Mauerfall – also sind sie untauglich für die Arbeit in bunten, dynamischen Teams. Eine weitere Lieblingserzählung heutiger Karriereberater ist die hohe Effektivität gemischter Belegschaften – für Alte, die den Jungen als Sparringpartner zur Seite stehen können, gilt dies ausdrücklich nicht.

Zum Refrain des Lamentos vom Fachkräftemangel gehört das Erschließen bislang ungenutzter Reserven. Die Kinderbetreuung soll verbessert werden, damit mehr Frauen aus der Teilzeit in die Vollzeit wechseln; Umschulungen und Weiterbildungen sollen erforderliche Qualifikationen nachholen; Zertifikate ausländischer Bewerber sollen schneller anerkannt werden; Alte sollen nicht wie bisher abschlagsfrei in Frührente gehen, sondern zum Weiterarbeiten animiert werden. Doch bei den jungen Personalern, die mittlerweile auch KI-Algorithmen zur Rekrutierung neuer Kräfte einsetzen, stößt Letzteres auf Ablehnung. Sie kalibrieren ihre Software dergestalt, dass sie alle Bewerber, die vor 1990 geboren wurden, nüchtern aussondert. Das werden sie natürlich niemals öffentlich zugeben, denn rechtlichen Schritten im Zuge eines Verstoßes gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) wollen sie sich nicht aussetzen.

Im März 2024 sind nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 2,76 Mio. Menschen in Deutschland arbeitslos gemeldet, 3,6 Mio. Menschen gelten als unterbeschäftigt, lediglich 707.000 offene Stellen sind bei der Agentur gelistet, aber 5,8 Mio. Arbeitssuchende samt Familien beziehen Leistungen nach der Grundsicherung. Diese Zahlen sind deutlich niedriger, als sie es Anfang des 21. Jahrhunderts waren, aber sie sind konstant hoch, vor allem sind sie eine Antithese zum allseits beschworenen Fachkräftemangel: Es gibt nicht genug Stellen, um alle, die arbeiten wollen, können und müssen, in Lohn und Brot zu bringen. Alte Menschen, so Saschas Erfahrung, sind dabei auf dem Arbeitsmarkt besonders wertlos; sie zu selektieren kann sich jedes Unternehmen folgenlos leisten. Sascha fehlen informelle Kontakte und Netzwerke, um auf dem verdeckten Arbeitsmarkt zu reüssieren. Zur professionellen Entwicklung bleibt ihr die Wiederaufnahme der Freiberuflichkeit. Daran feilt sie nun, sie wird sich selbst zur Marke machen und sich projektweise anbieten. So empört sie auch über das wegwerfende Verhalten der Unternehmen ist, ihr Selbstwertgefühl lässt sie sich nicht nehmen.

Toronto

In der Woche nach Ostern wird Toronto zum Mittelpunkt der Schachwelt. In der kanadischen Metropole am Lake Ontario findet das nächste Kandidatenturnier der FIDE zur Ermittlung des Herausforderers des Weltmeisters statt. Dabei handelt es sich um eine Premiere im Kosmos der 64 Felder: Im sogenannten Open streiten acht Kandidaten darum, den amtierenden Titelträger Ding Liren aus China in einem Match um die Krone herauszufordern. In der parallel abgehaltenen Women’s Section spielen acht Kandidatinnen um das Recht, die aktuelle Championesse Ju Wenjun, auch aus China, am Brett zu stellen, ebenfalls doppelrundig über 14 Partien.

Für das Open sind, in der Reihenfolge ihrer Elozahl vom März 2024, Fabiano Caruana (USA, 2804), Hikaru Nakamura (USA, 2789), Alireza Firouzja (Frankreich, 2760), Ian Nepomniachtchi (Russland, 2758), Dommaraju Gukesh (Indien, 2747), Rameshbabu Praggnanandhaa (Indien, 2747), Santosh Gujrathi Vidit (Indien, 2747) und Nijat Abasov (Aserbaidschan, 2632) qualifiziert. Dieses Feld ist so ausgeglichen besetzt, dass es schwerfällt, genau einen Favoriten auf den Sieg zu benennen. Fabiano Caruana und Ian Nepomniachtchi haben bereits ein Kandidatenturnier gewonnen und den darauf folgenden WM-Kampf verloren; sie verfügen über Routine, Können und Stabilität, um ein solch anstrengendes Turnier erneut zu gewinnen. Hikaru Nakamura ist zu sehr zum Schach-Entertainer auf YouTube und Twitch geworden, als dass er weiterhin ein seriöser Wettbewerber wäre. Bei Alireza Firouzja ist es ungewiss, wie entschlossen er noch am Brett agiert; sein zwischenzeitlich begonnenes Studium des Modedesigns in Paris legt es nahe, dass er noch andere berufliche Interessen verfolgt.

Dommaraju Gukesh und Rameshbabu Praggnanandhaa stehen im doppelten Sinne für die Zukunft. Zum einen sind die beiden Großmeister selbst für heutige Verhältnisse mit 17 und 18 Jahren sehr jung, wohl zu jung, um ein solch hartes Turnier wie das bevorstehende zu gewinnen; zum anderen stehen sie für den Vormarsch Indiens als Schachgroßmacht. Nachdem Visvanathan Anand an in den 1990er Jahren als erster Großmeister aus dem Geburtsland des Schachs die Weltspitze stürmte, setzte in Indien ein großer Schachboom mit zahlreichen Trainingsschulen schon für Kinder ein, deren Früchte nun geerntet werden. Santosh Gujrathi Vidit und Nijat Abasov dürften höchstwahrscheinlich nur als Mitspieler dieses Turniers in Erinnerung bleiben; letzterer ist ohnehin lediglich als Nachrücker dabei, nachdem der Sieger des World Cups des letzten Jahres, der Exweltmeister Magnus Carlsen erklärte, seinen Platz in Toronto nicht annehmen zu wollen.

Im Frauenturnier sind, ebenfalls in der Reihenfolge ihrer Wertung des laufenden Monats, Aleksandra Goryachkina (FIDE, 2553), Lei Tingjie (China, 2550), Humpy Koneru (Indien, 2546), Kateryna Lagno (Russland, 2542), Tan Zhongyi (China, 2521), Anna Muzychuk (Ukraine, 2520), Vaishali Rameshbabu (Indien, 2481) und Nurgyul Salimova (Bulgarien, 2426) dabei. Analog zu den Männern ist auch hier mit einem offenen und aufregenden Turnierverlauf zu rechnen, eine eindeutige Anwärterin auf den Gewinn drängt sich nicht zwingend auf. Aleksandra Goryachkina, Lei Tingjie und Tan Zhongyi haben jeweils bereits ein Match um die Weltmeisterschaft gespielt und weisen entsprechende Erfahrung, Klasse und Willensstärke auf. Aleksandra Goryachkina holte im letzten Herbst bei der russischen Meisterschaft der Männer 50 Prozent der möglichen Punkte, eine exzellente Ausbeute angesichts des hochkarätigen Teilnehmerfeldes. Sollte sie diese Form aktualisieren, könnte sie in Kanada am Ende ganz vorn landen.

Anna Muzychuk war bereits Weltmeisterin im Schnellschach und im Blitz, gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Mariya gehört sie seit über zehn Jahren zur Weltspitze. Gleiches gilt für Humpy Koneru, die nach einer Familienpause wieder nach oben gekommen ist. Auch Kateryna Lagno kann wiederholte Erfolgen bei internationalen Turnieren und Olympiaden vorweisen; die im ukrainischen Lwiw geborene naturalisierte Russin erreichte 2018 das Finale der WM, das sie knapp verlor. Schwerer einzuschätzen sind hingegen die Chancen von Vaishali Rameshbabu (die Schwester von Praggnanandhaa aus der Open Section) und Nurgyul Salimova; jung wie sie sind, können sie unbeschwert aufspielen, vielleicht gelingt ihnen eine Überraschung. Der Spielplan Jede gegen Jede bringt es unvermeidlich mit sich, dass die Ukrainerin Anna Muzychuk auf die Russin Kateryna Lagno trifft; vermutlich werden sich die beiden vornehmlich als Sportlerinnen begegnen und Politik und Krieg beiseite lassen.

Dass es in Toronto zu zwei parallelen Turnieren mit dem höchsten Einsatz der Qualifikation für das WM-Finale kommt, ist sicher als Aufwertung des Frauenschachs zu verstehen, die sich der Weltschachverband FIDE im einhundertsten Jahr seines Bestehens auf die Fahnen geschrieben hat. Männer und Frauen spielen zwar zur selben Zeit in der Großen Halle in Toronto, erfahren aber in wesentlichen Punkten eine unterschiedliche Behandlung. Von den insgesamt garantierten € 750.000,- Preisgeld gehen € 500.000,- an die Männer, den Frauen verbleiben noch € 250.000,-. Weiter auffällig sind die unterschiedlichen Zeitressourcen: Den Männern stehen für die ersten 40 Züge 120 Minuten zur Verfügung, die Frauen müssen für die gleiche Distanz mit 90 Minuten auskommen. Dabei spielen alle klassisches Schach, nach den gleichen Regeln, aus der Grundstellung mit 16 weißen und 16 schwarzen Steine heraus.

Wie bei den Männern zeigt auch die Besetzung des Frauenturniers, dass die Jahrzehnte währende Dominanz (Sowjet-)Russlands im Schach Geschichte ist; die bestimmenden Schachnationen sind hier wie da mittlerweile China und Indien. Und dass mit Toronto erstmals eine Stadt auf dem nordamerikanischen Kontinent Schauplatz gleich zweier Kandidat(inne)enturniere wird, verdankt sie dem Hauptsponsor Mark Scheinberg. Der israelisch-kanadische Unternehmer, der mit einer Plattform für Online-Poker zu großem Reichtum gekommen ist, hat ein Haus im Stadtteil Richmond Hill, er lebt wohl aus steuerlichen Gründen auf der Isle of Man, dem Austragungsort eines renommierten Turniers nach Schweizer System. Die FIDE hat mit der Familie Scheinberg einen Vertrag bis 2026 über die Ausrichtung und Finanzierung eines großen Schachturniers pro Jahr geschlossen.

Am 4. April beginnen die Turniere mit der ersten Partie; sollte es nach 14 Runden einen Gleichstand an der Spitze geben, wird es ein Stechen im Schnellschach um den alleinigen Triumph geben. Rundenbeginn ist jeweils 14:30 Uhr lokaler Zeit, das entspricht 00:00 Uhr in Mumbai, 04:30 Uhr in Schanghai und 19:30 Uhr in Hamburg. Die Partien werden auf den einschlägigen Schachseiten übertragen und von ausgewiesenen Großmeistern kommentiert, die Schachfans weltweit dürfen sich auf einen spannenden und unterhaltsamen April freuen. Diese Freude wird auch nicht getrübt durch den Umstand, dass die jeweilige Nummer Eins der Weltrangliste an der Weltmeisterschaft gar nicht mehr teilnimmt: Der Norweger Magnus Carlsen hat schlicht keine Lust mehr auf die kräftezehrende Vorbereitung auf ein Titelmatch, er hat seinen WM-Titels im Frühjahr 2023 nicht verteidigt und firmiert nun als Champion a. D., als der er weiter Turniere spielt und meist gewinnt. Die Chinesin Hou Yifan, die in ihrer aktiven Zeit vermehrt an Männerturnieren teilnahm, hat sich bereits vor Jahren vom professionellen Schach zurückgezogen und lehrt nun als Professorin am Institut für Sporterziehung an der Universität Shenzhen.

Untergrund

Die Bundesrepublik wurde vor einer Woche von ihrer Vergangenheit eingeholt, in Gestalt einer Untoten. Mit der Verhaftung Daniela Klettes Ende Februar in einer Wohnung in Berlin-Kreuzberg wurde der vergessene Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) auf Wiedervorlage gesetzt. Anfang der 1990er Jahre soll Klette in den Untergrund gegangen sein, der Polizei fehlte seitdem jede Spur zu ihrem Aufenthalt und ihrem Milieu. Dass die Gesuchte seit gut zwanzig Jahren in Kreuzberg ein unbehelligtes Leben zwischen Nachhilfe für Nachbarskinder, Fahrradtouren und Tanzstunden im Capoeira-Verein führte, sorgt allseits für Augenreiben und Unverständnis. Die jäh hergestellte Öffentlichkeit wird dazu führen, dass ihre beiden Komplizen, die ebenfalls in Berlin vermutet werden, bald gefasst werden dürften.

Daniela Klette wurde 1958 in Karlsruhe geboren. Die Ermittler gehen derzeit davon aus, dass sie sich 1989 der Roten Armee Fraktion (RAF) anschloss; sie wird gemeinhin zur dritten Generation der Terrorgruppe gerechnet. Klette wird beschuldigt, von den 1990er bis in die 2010er Jahre an mehreren Überfällen auf Banken, Geldtransporter und Supermärkte mitgewirkt zu haben. Vermutlich sollte das dabei erbeutete Geld nicht zur Vorbereitung und Durchführung weiterer Attentate verwendet werden, sondern zur Finanzierung des Lebens im Untergrund. Ob Klette an der Tötung des Sprechers des Vorstands der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, 1989 und des Vorsitzenden der Treuhand-Anstalt, Detlev Karsten Rohwedder, 1991 beteiligt war, ist bis heute offen. 1993 kam ein RAF-Kader bei einem SEK-Einsatz in Bad Kleinen ums Leben, eine andere Führungsfigur der Gruppe wurde dabei verhaftet. 1998 löste sich die RAF mit einem öffentlichen Schreiben auf, zu ihrem unrühmlichen Erbe zählen 35 zum Teil bis heute nicht aufgeklärte Morde, die Rasterfahndung und die linke „tageszeitung“.

Die RAF ging aus der studentisch bewegten großstädtischen Linken hervor, als ihre Geburtsstunde gilt die Befreiung des inhaftierten Kaufhausbrandstifters Andreas Baader 1970 während eines begleiteten Freigangs. Die Terrorgruppe, in Lagern der PLO in Jordanien an Schusswaffen ausgebildet, suchte die gewaltsame Konfrontation mit dem Staat, den sie als nationalistisch-kapitalistisch, gar faschistisch bezeichnete, mit dem Ziel seiner revolutionären Überwindung. Seinen Höhepunkt erreichte der Schrecken im Jahr 1977, als der Generalbundesanwalt, der Vorstandsvorsitzende der Dresdner Bank und der Chef der Vereinigung der Arbeitgeberverbände ermordet wurden. Im kolportierten Slogan dieses Jahres „Buback, Ponto, Schleyer – der Nächste ist ein Bayer“ mischten sich Bewunderung für die Täter und Freude über deren Morde. Eine Handvoll Terroristen, in dezentralen Kommandos operierend, forderte die Staatsmacht heraus, ohne jemals Wohlwollen für ihre Blutspur in der Bevölkerung über die genuin linksextreme Szene hinaus zu erreichen.

Gegenstand der Ermittlungen bleibt, ob Daniela Klette, die mit ihren zwei langjährigen Komplizen Ernst-Volker Staub und Burkhard Garweg über Fahndungsplakate des Bundeskriminalamtes (BKA) gesucht wurde, während ihrer Zeit im Untergrund aktive Unterstützung durch Sympathisanten erfahren hat. Dem Vernehmen nach hat sie einen gefälschten Pass mit einem italienischen Namen benutzt und in einer Wohnung gelebt, deren Hauptmieterin sie nicht war. Klette wählte im Untergrund offenbar demonstrative Sichtbarkeit als Tarnung. Sie erteilte Mathematik-Nachhilfe, führte ihren Hund spazieren und engagierte sich in einem Capoeira-Verein, mit dem sie auch am Karneval der Kulturen teilnahm. Dass sie dabei fotografiert wurde, schien sie nicht zu stören; offenbar glaubte sie an die Überzeugungskraft ihrer Legende. Diese hinderte sie aber nicht daran, in ihrer Wohnung Waffen und Munition aufzubewahren, wohl für weitere Überfälle zur Sicherstellung ihrer Terrorrente.

Während ein professionelles Team von Fahndern drei Jahrzehnte vergeblich nach Klette und ihren Genossen suchte, ging es am Ende mit Hilfe moderner Technik ganz schnell. Die Behörden setzten für ihre Fahndungsaufrufe eine Software ein, die Gesichter künstlich altern lassen kann, um zu illustrieren, wie die Gesuchten mittlerweile aussehen könnten. Dabei gibt es bereits frei zugängliche Bilderkennungsprogramme auf der Basis Künstlicher Intelligenz, mit denen Personen im gewaltigen Archiv des Internets aufgespürt werden können. Genau das hat eine kleine Redaktion getan, die im Herbst 2023 einen verqueren Hinweis auf die Untergetauchte bekam. Die Journalisten gaben ein digitalisiertes Foto Klettes aus den späten 1980er Jahren in die Suchmaschine ein und bekamen Bilder einer älteren Frau geliefert, die Anfang des 21. Jahrhunderts mit anderen Frauen zusammen auf den Straßen der Hauptstadt tanzte und diese Bilder auch noch selbst auf Facebook hochlud; die Ähnlichkeit zur Gesuchten über weiße Haare und Augenfältchen war frappierend. Warum private Rechercheure diese Software nutzen, die Polizei mit ihrem Apparat aber nicht, wird in der laufenden Diskussion thematisiert werden müssen.

Daniela Klette mag ein beschauliches postterroristisches Leben im alternativen Kreuzberg geführt haben, ohne weiter straffällig geworden zu sein – für die ihr zur Last gelegten Taten wird sie sich vor Gericht verantworten müssen. Ihre Verhaftung gibt der Bundesrepublik Deutschland die Gelegenheit, diesen Teil ihrer Vergangenheit endgültig vergehen zu lassen. Heutige Linksextreme zielen nicht mehr mit der Kalaschnikow auf hohe Wirtschaftsführer und werfen keine Handgranaten auf leitende Beamte, stattdessen hacken sie die Webseiten global tätiger Konzerne, verbreiten gefälschte Informationen in sozialen Netzwerken, hetzen gegen Israel und prügeln rechte Politiker sowie Aktivisten ins Koma. Allemal eine Diskursstörung, eingebettet in einen studentischen Lebensstil. Sollten sich diese Prototerroristen dereinst in den Ruhestand verabschieden, werden sie kaum auf den Raub von Bargeld setzen können. Vielmehr werden sie vorher in Bitcoin investieren.