Kinderhymne

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.

Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s
Und das liebste mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

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Diesen Text, der den Titel „Kinderhymne“ erhielt, schrieb Bertolt Brecht im Jahr 1950 als Teil eines Zyklus von Kinderliedern; von Hanns Eisler wurde dazu eine chansoneske Melodie komponiert. Brecht schrieb den Text in bewusster Abgrenzung zum romantischen „Lied der Deutschen“ von Hoffmann von Fallersleben (1841), dessen dritte Strophe zur Nationalhymne der gerade gegründeten Bundesrepublik Deutschland werden sollte. Die „Kinderhymne“ stellt sich in ihrem Zukunftsoptimismus neben „Auferstanden aus Ruinen“ von Johannes R. Becher, das (ebenfalls von Hanns Eisler vertont) 1949 im Auftrag des SED-Politbüros entstand und zur Nationalhymne der DDR wurde. Im Wendejahr 1990 wurde aus der Bürgerrechtsbewegung angeregt, die frappierend aktuelle und liberale „Kinderhymne“ zum Jubelchor des vereinigten Deutschlands zu machen – allerdings ohne Erfolg, diese blieb das „Lied der Deutschen“.

Das Versmaß des Brechtschen Gedichtes ist exakt das gleiche wie das der Gedichte Bechers und Fallerslebens, es lässt sich sowohl zur Komposition Eislers als auch Joseph Haydns österreichischer Kaiserhymne (1797) singen. Brecht zeigt sich in der „Kinderhymne“ einmal mehr als Meister der verknappten Form, ohne pädagogischen Eifer in Anschlag zu bringen. Ohne Pathos und Schnörkel, mit schlichter Syntax im nahen Präsens ruft er zum Aufbau eines „guten Deutschlands“ auf, das seine territorialen Grenzen als Folge des II. Weltkriegs akzeptiere, sich in die Familie der Völker einreihe und von seinen Bewohnern (m/w/d) gleichermaßen geliebt werde. Dieser gesunde Patriotismus, erstaunlich frei formuliert gerade fünf Jahre nach dem Ende des Naziregimes, dessen steinerne und ideologische Trümmer noch allgegenwärtig waren, steht für eine nationale Kontinuität über die Systemgrenzen von Ost und West hinweg.

Ausgerechnet Brecht, überzeugter Kommunist und kühler Apologet Josef Stalins, verficht in seiner „Kinderhymne“ das Recht auch Deutschlands, von seinem Volk geliebt zu werden. 70 Jahre nach Entstehung dieser Zeilen dürfte sein Appell im Deutschland der Gegenwart eher Befremden, gar Unverständnis hervorrufen. Jedes Land der Welt wirft sich an seinem Nationalfeiertag groß in Schale – Deutschland begeht das wunderbare Datum seiner Vereinigung in Frieden und Freiheit als drögen Verwaltungsakt bar jeden Zeremoniells. Voller Scham wird deklamiert, dieses Land müsse in einer „Bundesrepublik Europa“ aufgehen, dürfe für seine Nachbarn nie wieder zur Bedrohung werden. Dieser peinliche Moralüberschuss verhindert, dass sich dieses Land unverkrampft für seine Interessen einsetzt. Den Deutschen steht die permanente, staatlich verordnete Erinnerung an jene 12 Jahre im Weg, dabei ist die Hauptfunktion des Gedächtnisses das Vergessen.

Hymne

Auferstanden aus Ruinen
und der Zukunft zugewandt,
Laß uns dir zum Guten dienen,
Deutschland, einig Vaterland.
Alte Not gilt es zu zwingen
Und wir zwingen sie vereint,
Denn es muß uns doch gelingen,
Daß die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint.

Glück und Frieden sei beschieden
Deutschland, unserm Vaterland.
Alle Welt sehnt sich nach Frieden,
Reicht den Völkern eure Hand.
Wenn wir brüderlich uns einen,
Schlagen wir des Volkes Feind!
Laßt das Licht des Friedens scheinen,
Daß nie eine Mutter mehr
Ihren Sohn beweint.

Laßt uns pflügen, laßt uns bauen,
Lernt und schafft wie nie zuvor,
Und der eignen Kraft vertrauend,
Steigt ein frei Geschlecht empor.
Deutsche Jugend, bestes Streben
Unsres Volks in dir vereint,
Wirst du Deutschlands neues Leben.
Und die Sonne schön wie nie
Über Deutschland scheint.

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Diesen dreistrophigen Text verfasste Johannes R. Becher im Herbst 1949 im Auftrag des Politbüros der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), die lyrische Vertonung lieferte Hanns Eisler. Anfangs als Nationalhymne für ganz Deutschland gedacht, avancierte das Lied nach der Gründung der DDR faktisch zu deren Marsch. Die Musik Eislers orientiert sich an der österreichischen Kaiserhymne, komponiert von Joseph Haydn (1797), nach der die heutige deutsche Nationalhymne gesungen wird. Deren Verse lassen sich zu Eislers Melodie genauso singen wie die Bechers zu der Haydns. Nach dem Grundlagenvertrag von 1972 mit der faktischen Zwei-Staaten-Lösung wurde die Hymne nur mehr instrumental intoniert, „Deutschland, einig Vaterland“ schien passé.

Tatsächlich kommt der leicht sentimentale Text Bechers ohne jeden Bezug zur keimenden DDR aus, weder ist vom Aufbau des Sozialismus die Rede noch von der sich anbahnenden Teilung des Landes und der Systemkonkurrenz des Kalten Krieges. Die Schrecken des II. Weltkrieges sind erkennbar präsent bis ins letzte Komma, ebenso der offene Blick, der angesichts des Neuanfangs auf Trümmern nur nach vorn gerichtet sein kann. Die Liebe zum Vaterland wird ausgesprochen, die Arbeit für den Frieden geehrt, die internationale Familie der Völker beschworen, an die tragende Rolle der Jugend appelliert. Schuld und Scham angesichts der jüngsten Vergangenheit existieren nicht, zeitlos werden die Kräfte auf ein sonniges Morgen gebündelt, ohne geographische Begrenzung oder territoriale Ansprüche.

Im Jahr der Vereinigung 1990 wurde von DDR-Bürgerrechtlern (m/w/d) vorgeschlagen, diesen optimistischen Canto zum Wohlklang gesamtdeutscher Souveränität zu machen – vergeblich, das „Lied der Deutschen“ von Hoffmann von Fallersleben (1841) mit seiner dritten Strophe blieb die offizielle Weise. Eine traurig verpasste Gelegenheit, Deutschland nach der Epochenwende 1989/91 als freie und föderale Republik auch repräsentativ neu zu begründen. „Auferstanden aus Ruinen“ ist ebenso im Ozean der Geschichte versunken wie der Palast der Republik, das Banner mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz sowie die „Aktuelle Kamera“. Institutionell war die Vereinigung vor exakt 30 Jahren lediglich die Ausdehnung des Geltungsbereiches des Grundgesetzes (West) auf das Gebiet der Neuen Länder (Ost), inklusive der D-Mark. Die mögliche Ausarbeitung einer neuen Verfassung wurde nie ernsthaft in Erwägung gezogen.

Großvater

Denkt Sascha an ihre frühen Jahre zurück, tauchen unter den Mitgliedern ihrer Familie vor allem weibliche Gesichter, Gestalten und Namen auf. Ohne Mühe erinnert sie sich, neben ihrer Mutter und ihrer Schwester, an ihre Großmütter, ihre Tanten und Cousinen, die zum Gelingen von Festen im großen Haus beitrugen, die Enkel bändigten und wie selbstverständlich den Alltag organisierten. Auch der erweiterte Kreis der Nachbarschaft und der Schule ist durch die Präsenz von Lehrerinnen, Mitschülerinnen und Spielfreundinnen geprägt. Ob das erste Schwimmen im tiefen Wasser, das Fahrradfahren, das Verstecken- und Fangenspielen auf den Straßen ihres Viertels nach Einbruch der Dunkelheit im Sommer – Jungs waren mit dabei, tonangebend waren die meist etwas älteren Mädchen. Ihren eigenen Vater erlebte Sascha über die Jahre als abwesend; morgens arbeitete er auswärts als Lehrer, nach dem Mittagessen ruhte er sich aus, abends beugte er sich still über seine zu korrigierenden Klassenarbeiten. Dass er seine Frau chronisch betrog, spürte sie, bevor sie Worte dafür fand und Belege bekam.

Ihre Großväter kommen in ihrem bewussten Leben nicht vor, sie haben Einfluss auf ihr Denken und ihr Erinnern nur als ferne Figuren, die ein wenig Kontur über Bilder und Erzählungen gewinnen. Der Vater ihrer Mutter, Otto mit Namen, geboren 1913, fiel in den kurzen Wochen des Frankreich-Feldzugs an der Aisne im Sommer 1940. Er hatte auf dem Schlachtfeld völlig überraschend von einem Kameraden erfahren, dass er eine Tochter habe, dass die Mutter, also seine Geliebte, den Säugling gleich nach der Geburt 1936 zur Adoption freigegeben habe. Er nahm sich fest vor, so der Kamerad, nach Kriegsende das ganze Land zu durchsuchen und seine Tochter zu finden. Er starb indes mit 27 und ruht auf einem Soldatenfriedhof nahe Reims in der Champagne. Das einzige Foto, das Sascha von ihm hat, zeigt ihn in seiner Rekrutenuniform aus derbem Filz, den Blick aus weichem Antlitz schräg in eine unbestimmte Weite gerichtet. Das Portrait ist arrangiert, wahrscheinlich in einem professionellen Fotostudio, das solche Sitzungen andauernd ausführte. Keine Spur von Ahnung, dass sein junges Leben weit vor der Zeit enden sollte, einem mörderischen Krieg geopfert.

Ihre Mutter wuchs seit 1937 bei Pflegeeltern auf. Ihr Adoptivvater Antonius, Jahrgang 1898, hatte sich mit seiner Frau Helene sehr um die kleine Margret bemüht. Das geht aus dem Briefwechsel mit dem Jugendamt hervor, der in Saschas Verwahrung sich befindet. Der Vater (seinerzeit wurde die offizielle Korrespondenz von Männern geführt, erst recht eine solche im Kanzleistil der Verwaltung) freut sich über das Gedeihen des kleinen Mädchens in seinem neuen Zuhause und sieht es als die gemeinsame Ihre an. Er lebte lange genug, um seiner dann volljährig gewordenen Tochter Ende der 1950er Jahre die Wahrheit über ihre Adoption zu sagen; er verschwieg ihr auch nicht den Namen und die damalige Anschrift ihrer leiblichen Mutter. Antonius starb einen Tag vor dem Heiligen Abend 1960, fünf Jahre vor Saschas Geburt. Ein Foto, das sie von ihm kennt, zeigt ihn füllig in Anzug, Krawatte und Uhrkette, im gediegenen Arbeitszimmer vor einem wuchtigen Schreibtisch sitzend, in der Hand eine brennende Zigarre, den kugeligen Schädel blank rasiert, die kleinen Augen wach hinter runden Brillengläsern; die Aufnahme verströmt bürgerliche Innerlichkeit.

Der Vater ihres Vaters, Heinrich, geboren 1902, lebte noch zum Zeitpunkt ihrer Geburt; als er 1974 starb, war Sascha gerade neun Jahre alt. Das Gedächtnis des Kindes entwickelt sich ab dem vierten Lebensjahr, alles, was vorher passiert, wird nicht als Erinnerung abgelegt. Dennoch kennt Sascha ihren Großvater nur von Fotos und aus Erzählungen. Ein Bild zeigt ihn in der Küche ihrer Eltern sitzend, während sie im Laufstall steht und schüchtern in die Kamera blickt. Sie weiß, dass ihr Großvater öfter auf die Geschwister aufgepasst hat, wenn ihre Eltern ausgehen wollten, und sie bei der Gelegenheit mit gesalzenen Erdnüssen bei Laune zu halten versuchte – reale Situationen oder Empfindungen mit ihrem Großvater, der ihr schon immer alt vorkam, hat sie nicht parat. Zweifellos aber hat sich seine Familienmaske über ihren Vater auch bei ihr festgesetzt; sie hat das gleiche längliche ovale Gesicht mit der breiten Stirn über den leicht eng stehenden Augen und dem festen Kinn. Das warme Braun der Augen und die vollen Lippen gehen hingegen nach der Mutter.

Der Großvater ist der Vater des Vaters einer jeweiligen Person. Vom Großvater respektive der Großmutter (sowie den Großeltern) ist erst seit dem 14. Jahrhundert die Rede, im Deutschen und im Englischen wie im Niederländischen und im Französischen. Grund für die rasche Verbreitung in den genannten Sprachen zugleich war wohl die eindeutige Unterscheidungsmöglichkeit zwischen dem Maskulinum und dem Femininum. Im vorher gängigen Ahn sowie in den heute nur mehr pluralisch verwendeten Ahnen (im Sinne einer Rückbindung an eine über viele Generationen laufende familiäre Gemeinschaft) treten die Geschlechterunterschiede hinter der Zeitdistanz zurück, wie der Kluge informiert. Die dominierende Rolle des Vaters an der Spitze einer Familie beziehungsweise einer Sippe zeigt sich noch heute im russischen Brauch, den Kindern als zweiten Vornamen den Vatersnamen mitzugeben: Alexej Nikolajewitsch (Sohn des Nikolaj) sowie Tamara Fjodorowa (Tochter des Fjodor).

Sascha ist praktisch ohne Großväter aufgewachsen, selbst drei ihrer Art haben ihr Leben allenfalls vermittelt geprägt. Sie alle sind versunken in einer uferlosen Vergangenheit, aus der sie nur über Stimulanzien wie Fotos, Notizen oder Grabsteine für einen kurzen Moment wieder auftauchen, wie ein Stück Holz zwischen hohen Wellen draußen auf dem Meer. Otto, der Malergeselle aus dem kleinen Dorf in der Rhön, der vom Vater seiner Geliebten als nicht standesgemäß angesehen wurde und der nie eine Chance bekam, seine Tochter kennenzulernen, für sie als Vater zu sorgen und die Mutter zu heiraten. Antonius, der zurückhaltende mittlere Verwaltungsbeamte aus Westfalen, der sich beruflich und privat um Solidität und Genauigkeit bemühte und während des Krieges voller Sorge Frau und Kind im 60 Kilometer entfernten Teutoburger Wald besuchte, wohin sie evakuiert waren. Heinrich von einem Bauernhof in den Baumbergen, ein kleiner Postbeamter, früh von Krieg, Hunger und Entbehrung gezeichnet, der allen fünf Kindern eine ordentliche Ausbildung bieten wollte („Wissen kann Euch niemand nehmen!“) und der früh verschlissen alterte. Um diese Unbekannten weint sie einige trockene Tränen der Sehnsucht.

Blickt sie auf die männliche Linie ihrer Familie, sieht Sascha natürlich ihren Vater, einen Solitär, der einen massigen Schatten wirft und dessen erdrückende Gegenwart durch keinerlei Großväter gemildert wurde. Ihre Onkel lebten zu weit weg, sie sahen einander zu selten, als dass es andere relativierende Auslegungen des Prinzips Mann in ihrer Kindheit gegeben hätte. Die Männlichkeit ihres Vaters hat Sascha lange Zeit als bedrohlich, rechthaberisch und strafend erlebt, auch ohne entsprechende körperliche Züchtigung; ihr Vater dressierte die Familie über Schweigen, Spott, Kälte und Geld, ganz wie ein Gott, zu dem eine Kommunikation ja auch nur über das Gebet vorgesehen ist, das erhört oder ignoriert werden kann. Dem Gefühl der Abhängigkeit stand keines des Schutzes zum Ausgleich zur Seite. Manchmal fragt sich Sascha, ob die scheinbare Ausweglosigkeit der für nichts Platz lassenden, destruktiven Maskulinität ihres Vaters die Entstehung ihrer Transidentität begünstigt hat – dass sie aus unbewusster Verweigerung des Männermusters ihres Vaters sich ins Niemandsland der Neutralität aufgemacht hat, um nicht ein versteinertes, unnahbares, rücksichtsloses Geschlecht zu vertreten.

Heute, am Beginn ihres letzten Lebensdrittels, weiß Sascha, dass auch ihr Vater so hat werden müssen, wie sie ihn als kleines Kind erlebt hat, auch er steht in einer Reihe genealogischer Einflüsse, die nicht nach seiner Zustimmung fragen. Mit ein wenig selektiver Fantasie findet Sascha in ihrem Leben die Obsession für Bücher wieder, die Antonius auszeichnete; von Heinrich sieht sie dessen Hang zum Eigenbrötlertum und seine Hingabe an Rauschmittel bei sich angekommen; sie ist definitiv frankophil, Otto hat die letzten Wochen seines Lebens östlich des Rheins verbracht und nährt nun die welsche Erde. Sascha findet es traurig, dass sie keinen dieser so verschiedenen Männer je kennenlernen konnte, dass sie ihrer Vermächtnis peu à peu aus Relikten rekonstruieren muss. Vielleicht hätte einer dieser möglichen Kontakte als Korrektiv des übermächtigen Vaters wirken können, wie es ja häufig in Familien über mehrere Generationen geschieht. Vielleicht hätte sie dann gelebte Selbstständigkeit ohne permanente Konkurrenz erlebt. Saschas Schluss aus ihrer unvollständigen geschlechtlichen Entwicklung ist radikal: Da sie keine Kinder hat, einen Strich unter ihre Ahnenreihe gezogen hat, wird es keine künftigen Saschalinas geben, die ihr dereinst Versäumnisse vorhalten könnten. Diese Leere hat auch etwas Erleichterndes.

Reliquie

Das Gedächtnis ist medizinisch gesehen die Fähigkeit des Gehirns, Informationen zu speichern und sie bei Bedarf wieder abzurufen, um sie dem Bewusstsein zur Verfügung zu stellen. Wenn auch einzelne Regionen des Gehirns anatomisch als Lokalisation des Gedächtnisses bestimmt werden können, ist seine Nutzung ein rein mentaler Akt. Dass Erinnerungen sowohl aktiv gesteuert als auch sinnlich ausgelöst sein können, demonstriert Marcel Proust eindringlich in der berühmten Madeleine-Episode seiner „Recherche“. Zusätzlich kann eine Narbe als Zeichen und chronische Schmerzquelle eine körperliche Aktivierung der Erinnerung einer überstandenen Erkrankung sein.

Wenn Kerstin am Grab ihrer Mutter steht, wird sie Gedächtnis und Gegenwart. Das Streicheln der Stele aus Baumberger Sandstein, das Nachziehen der Buchstaben und Zahlen mit den Fingern, das Aufschütten der Fläche mit feinem Rindenmulch, das Entzünden einer Kerze in der Laterne, das Sprechen eines Gebetes – all das ist in dieser Intensität nur an diesem speziellen Ort möglich. Kerstin kann hier in ihrem Inneren tiefere Schichten erreichen, von deren Existenz sie zwar weiß, die sie aber nicht in der Bewegung spürt. Die weitgehend belassene Einrichtung ihres Zimmers im Elternhaus konserviert ihre Erinnerungen an ihre Mutter. Schrank, Bett, Schreibtisch und Regal wirken wartend, als könne ihre Mutter sich jede Minute wieder niederlassen und einen weiteren Brief schreiben.

Die „Reliquie“ weist ebenso wie das Relikt die lateinische Wurzel relinquere = zurücklassen auf. Das Relikt ist das Überbleibsel, der Rest; die Reliquie wird wortgleich übersetzt, hat aber die zusätzliche Bedeutung des Heiligen, die den Zweck des Gegenstandes transzendiert. Im religiösen Kontext sind Textil, Papier, Geschirr oder Besteck der Zeugen und Märtyrer (m/w/d) gemeint, denen besondere Verehrung zuteil wird. In der Geschichte der katholischen Kirche gibt es zahllose Legenden um den Splitter des Balkens von Golgotha, den Faden des Gewandes auf dem Weg zur Kreuzigung oder die Scherbe des Kelches des Letzten Abendmahles, die an geschützter Stelle aufbewahrt werden; sie verbinden die Gläubigen mit dem Grund und dem Ziel ihres Glaubens und werden mit einer Wunderkraft aufgeladen.

In ihrer Wohnung in der fremden Stadt, wo sie auf Montage ist, bedient sich Kerstin verschiedener Reliquien, auch um die Erinnerung an ihre Mutter lebendig zu halten. Die Plastikschüssel zum Anrühren von Teig und Quark, am Rand die Abdrücke der Zähne des Hundes; weiche Frotteehandtücher, seit Urzeiten im Wäscheschrank der Familie liegend; schlichte schwarze Slips in der Größe, wie auch Kerstin sie trägt; Bücher aus ihrem Besitz, zum Teil mit handschriftlichen Widmungen versehen. Diese profanen Dinge hatte ihre Mutter über die Jahre immer wieder in der Hand; sie stellen nun für Kerstin eine Ergänzung ihres eigenen Haushaltes dar, vor allem schlagen sie eine Brücke über die Abwesenheit ihrer Mutter, die ihre Gedanken weiterhin ausfüllt.

Der Dornseiff stellt die „Reliquie“ in ein Wortfeld zum einen mit dem Gedächtnis, der Erinnerung und dem Andenken sowie zum anderen mit dem Kult, der Monstranz und der Zeremonie. Der letztere Zusammenhang ist einer des Sakralen und des Rituals, er adelt Dinge des täglichen Gebrauchs zu Elementen einer Feier der Erinnerung. Wenn Kerstin ihre nach Vanille schmeckende Stippmilch in der Schüssel zubereitet oder im „Zauberberg“, den ihre Mutter laut eigenhändiger Notiz auf dem Vorsatzblatt zum 70. Geburtstag von einer lieben Freundin zum Geschenk bekam, liest, hat sie das Gefühl, ihre Mutter sei nur kurz in den Nebenraum gegangen und komme gleich zurück, das Gespräch wieder aufzunehmen. Dafür sind Reliquien da: Gedächtnis und Gegenwart fallen in eins.

Nachverdichtung

Das erste, was Kerstin beim Besuch in ihrer Heimatstadt auffällt, ist die gute Luft. Auch im drückenden Dürresommer liegt ein Geruch aus Flieder und Wiese über den mäßig befahrenen Straßen des Viertels, in dem sie ihre Jugend verbrachte und das Gymnasium besuchte. Das Quartier, vor gut 60 Jahren als neuer Stadtteil am Reißbrett entstanden, wird auch Gartenstadt genannt, es liegt nahe am innerstädtischen See und ist trotz der zentralen Lage aufgelockert und großzügig begrünt. Heute ist nicht länger mehr auszumachen, dass das Gebiet nach dem II. Weltkrieg am Rande der Stadt lag, gekennzeichnet durch Feldwege, Wiesen, Wäldchen und Gehöfte.

Kaum ist die Haustür ins Schloss gezogen, kann Kerstin schon den Spaziergang beginnen. Das Viertel bleibt vom Durchgangsverkehr weitgehend verschont, das Geräusch entfernter Motoren schwillt dezent an und wieder ab, das Singen der Vögel ist der dominante Klang an diesem schläfrigen Sonntag. Kerstins Blick geht über die Reihenhäuser ihrer Jugend, die ihr seinerzeit viel größer vorkamen. Dass sich die Gegend nach und nach verändert, ist nicht nur ein Ausdruck ihrer geschönten Erinnerung, sondern wird bestätigt durch Fotos aus der Kindheit des Areals. Da die Stadt einer ungebrochenen Attraktivität ausgesetzt ist, müssen die politisch Verantwortlichen ergänzenden Wohnraum für ihre kommenden Neubürger (m/w/d) schaffen. Dies geschieht bevorzugt unter dem Etikett der Nachverdichtung.

Damit ist gemeint, dass auf einer gegebenen (und nicht zu vergrößernden) Fläche mehr Menschen leben und wohnen können als bisher. Das wird erreicht durch die vertikale Nachverdichtung, bei der Dachböden zu Maisonettewohnungen ausgebaut werden oder ein weiteres Geschoss aufgesetzt wird; bei der horizontalen Nachverdichtung werden Baulücken geschlossen oder Brachen mit Wohngebäuden bebaut. Mit dieser Maßnahme soll der Zersiedelung sowie der Versiegelung des Umlands begegnet werden, die stets von wachsendem Pendleraufkommen begleitet werden und zu vermehrtem Verkehrslärm und verschmutzter Luft führen. Zudem liegen Abwasserrohre, Stromkabel und Gasleitungen bereits in der Erde, die aufwändige Erschließung von Grund auf entfällt.

An sich ist die Nachverdichtung die städtebauliche Reaktion auf einen stetigen Bedarf an Wohnraum, eingebettet in den Jahrhunderte währenden Lebenszyklus der Stadt. Die spannende Frage bei dieser Art des Weiterbauens eines Quartieres ist, ab wann sich dessen Charakter substanziell verändert. Kerstin kann sich erinnern, als ihre Familie vor über vierzig Jahren das Haus bezog, dass einige hundert Meter davon entfernt ein alter Bauer eine kleine Viehwirtschaft auf einer Weide betrieb. Nach dem bald erfolgten Tod des Bauern baute sich ein Architekt die imposante Scheune des Hofes zum stattlichen Atelier mit Wohnhaus um, die angrenzende Wiese wurde parzelliert, auf ihr entstanden mit den Jahren Mehrfamilienhäuser. Das Ländliche von einst ist dem Wohngebiet mittlerweile ausgetrieben, das Parkartige ist noch erhalten geblieben.

Zum Gelände des lokalen Sportvereins, wo Kerstin früh mit dem Lauftraining begann, gehörten ehedem auch mehrere Tennisplätze. Diese wurden bereits vor einer Generation planiert und mit zwei Reihen an Einfamilienhäusern bedeckt. Nicht alle Autos der Bewohner finden Platz in den Garagen, so parken die immer größer und breiter werdenden Karossen gratis auf den Trottoirs und stehen Kinderwagen und Rollatoren im Weg. Im lokalen Einkaufszentrum sind die meisten Ladengeschäfte längst verschwunden, an ihrer Statt sind Apartments eingerichtet. Auf den in Kerstins Gedächtnis weitläufigen Grünanlagen rund um die katholische Kirche wurden nach und nach zusätzliche Wohnriegel gebaut. Nachverdichtung aus der Perspektive der ersten Anwohner bedeutet Verengung des Wohn- und Lebensraumes.

Der Generationenwechsel der Eigentümer und Mieter des Viertels hat längst professionelle Spekulanten angezogen. So drängen finanzstarke Investoren die gegenwärtigen Besitzer der Immobilien und vor allem der Grundstücke zum Verkauf – um die alten Häuser abzureißen und an ihrer Stelle neue und größere Gebäude für mehr Menschen zu errichten. Die Nachverdichtung ist ganz wörtlich zu nehmen: Den neuen Gebäuden fallen öffentliches Straßenland und die so typischen Grünanlagen zum Opfer, an den Straßenrändern stehen die wuchtigen SUV Spalier, die Müllabfuhr kommt kaum mehr durch die schmal dimensionierten Straßen. Die traditionelle Achillesferse der Nachverdichtung ist die nicht mit wachsende Infrastruktur der Mobilität, von den Planern und Genehmigern im Bauamt gern übersehen.

Unterm Strich läuft die Nachverdichtung darauf hinaus, dass sich mehr Menschen den gleichen Raum teilen müssen, was zu Lasten der Erholungsqualität des Viertels geht, das einst genau dafür gerühmt wurde. Kerstin und ihre Clique haben früher Fangen und Verstecken in den Gärten, Wegen und Parks spielen können und sind natürlich mit dem Fahrrad zur Schule gefahren. Das ist für die Kinder dieses Viertels nicht mehr selbstverständlich. Auch heute noch ist das weitgehend homogene Wohngebiet ein Trainingsziel für Fahrschüler, weil sich hier neben dem Einparken die Rechts-vor-Links-Regel gut üben lässt. Außerdem können die künftigen Autofahrer sich an die viel zu vielen PKW auch in diesen bürgerlichen Wohnquartieren gewöhnen – und das ist einer Universitätsstadt, die sich selbst gern als Fahrradstadt rühmt.

Ein entschiedener Gewinn ist in Kerstins Augen die üppige Vegetation der Gegend. Zwischen den Häusern wachsen und wuchern schattenspendende Bäume, blickdichte Hecken und lieblich duftende Sträucher und Blumen. Die Fotos aus ihrer Kindheit und Jugend wirken nicht nur wegen des Schwarz/Weiß-Modus von vorgestern; sie zeigen fast nur Asphalt, Steine und Beton, hier und da noch Bauholz. Das Gartenhafte des Viertels ist sein großer Trumpf, auch wenn vereinzelt die Vorgärtchen mit ihren grauen Kieseln die Anmutung der Abdeckung eines Saunaofens haben. Beim Hitzegewitter, das sich aus der Schwüle dankbar entlädt, sitzt Kerstin auf dem überdachten Balkon des Hauses und streckt die Nase in das dampfende Gras. Das ist der Geruch ihrer frühen Jahre, kostbar und gottlob noch wiederholbar.

Die Zukunft des Viertels steht auf der Kippe, was auch an seiner Anziehungskraft und der der Mutterstadt liegt. Die Rasen vor etlichen Häusern sind Carports gewichen, die blühenden Rhododendren und die Kirschbäume stehen in den benachbarten Gärten, die Grundstücke wirken wie geschrumpft unter den austreibenden Häusern nach ihrer Umwandlung von einem Eigenheim zum Mehrparteienhaus. Eine Bürgerinitiative formiert sich, um gegen den anstehenden Abriss ihrer in die Jahre gekommenen Mietriegel durch eine Investmentgesellschaft zu protestieren. Es war bei der Konzeption des Viertels Ende der 1950er Jahre erklärte Absicht, dass auch Mieter in einer grünen, friedlichen Gegend sollten wohnen können. Diese sanfte Emanzipation wird aktuell durch ihren eigenen Erfolg bedroht, die Nachverdichtung bedient neben den Wohnbedürfnissen zusätzlicher Anwohner auch die Finanzinteressen anonymer Projektentwickler. Am Ende dieses Prozesses steht eine andere Stadt.

Kratt

Der estnische Weg der Künstlichen Intelligenz (KI) ist eine Fortsetzung der Digitalisierung der Verwaltung des baltischen Staates. Die Regierungen der 1990er Jahre haben nach der Implosion der UdSSR konsequent auf das junge Internet gesetzt. Sie machten das Beste aus dem Wegbrechen der Industrie, dem fehlenden papierenen Grundbuch und der ländlichen Struktur des Landes. Schnelles, stabiles WLAN in den Städten und in der Provinz ist selbstverständlich, fast alle staatlichen Dienstleistungen sind online erhältlich. Die Geschichte des modernen Estlands ist auch eine des WWW, im Global Cybersecurity Index liegt Estland auf Rang 5 (von 36 Ländern der OECD).

Im Mai 2019 hat die estnische Regierung eine Strategie bis 2021 zur Erprobung der KI vorgelegt. Geregelt werden die produktive Nutzung der neuen Technologie, die Mensch/Algorithmus-Interaktion und Fragen der Haftung. Die aufgesetzten KI-Lösungen haben den experimentellen Charakter eines Sandkastens, sie müssen nicht perfekt sein, sondern sollen Erfahrungen generieren. Die Regierung möchte hiermit die Produktivität der Wirtschaft steigern und Kosten sparen. Im öffentlichen Sektor gibt es bereits 27 Machine-Learning- Projekte, bis Ende 2020 sollen es 50 sein. Ein kleines Land wie Estland mit einer schrumpfenden wie alternden Bevölkerung (bei gleichzeitiger digitaler Expertise) sollte nach OECD-Empfehlung zwingend in KI-Lösungen zu investieren.

Namensgeberin der estnischen KI-Strategie ist „Kratt“, eine Gestalt aus der heimischen Mythologie. Derzufolge wurde sie aus Heu und alten Haushaltsutensilien geschaffen; ihr Herr musste, um Kratt sich dienstbar machen zu können, dem Teufel einen Tropfen Blut spenden. In diesem Sinn ist Kratt ein Artefakt ihres Schöpfers und ihm zur Hilfe verpflichtet, birgt aber das Potenzial, über ihn hinaus zu wachsen. Daraus ergibt sich der Auftrag, KI sorgsam und mit wachem Blick zu nutzen, dabei die Menschen vollumfänglich über ihren Einsatz zu informieren. Die KI-Strategie der estnischen Regierung profitiert vom Datenvolumen, das in den vergangenen 20 Jahren in der X-Road, aus technologischer und organisatorischer Sicht ein System zum Datenaustausch zwischen rund 800 öffentlichen und privatwirtschaftlichen Einrichtungen über das Internet, akkumuliert wurde.

KI-Lösungen werden versuchsweise beim Ausstellen von Zahlungsbescheiden, etwa bei Unterhaltsklagen bis zu 400 Euro im Monat oder beim Falschparken, eingesetzt. Für derlei Sachverhalte gibt es im estnischen Rechtssystem keine Gerichtsverfahren, Fälle dieser Dimension kommen jährlich etwa 32.000 Mal vor. Der Algorithmus prüft in einem gegebenen Fall die Fakten, trifft eine Entscheidung entlang geltenden Rechts und legt einen Zahlungsplan fest. Gegen solch einen Bescheid ist Widerspruch zulässig, dem sich dann in zweiter Instanz ein Mensch annimmt.

Die Tech-Firma Finestmedia hat eine Spracherkennungssoftware entwickelt, die die Debatten des estnischen Parlamentes aufzeichnet und in geschriebene Sprache transkribiert. Der Algorithmus wurde mit 1.500 Stunden akustischer Protokolle trainiert, seine semantische Erkennungsgenauigkeit wird mit 95 % taxiert, der Rest wird von menschlichen Korrektoren ausgeglichen. Die KI-Lösung ist darauf ausgerichtet, die Stimmen der Regierungsmitglieder wie jene der Abgeordneten zu erkennen und dem Gesagten zuzuordnen.

Die Erfahrungen der Jahre 2019/21 sollen ausgewertet werden, um darauf eine langfristige KI-Strategie zu entwickeln. Staatspräsidentin Kersti Kaljulaid unterstreicht, dass ein kleines Land wie Estland nur einen Rohstoff „zwischen den Ohren“ habe. Daher müsse das Land weiter in Bildung investieren, um auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben und für Fachkräfte attraktiv(er) zu werden. Die kleinste der drei baltischen Republiken kann mit ihren Ressourcen weder im Hardwarebereich noch bei Cloudangeboten mit den global operierenden Konzernen mithalten, daher liegt der Schwerpunkt auf spezialisierten Angeboten in den Bereichen Finanzen, Mobilität und Gesundheit.

Vorbild ist die Videotelefonie Skype, 2003 entwickelt, mittlerweile Teil des Office-Paketes von Microsoft. Die App Bolt vermittelt Fahrdienste, mit der App TransferWise lassen sich weltweit Überweisungen tätigen, die App Veriff überprüft Identität und Bonität von Kunden. Knapp 6 % der Beschäftigten Estlands arbeiten im ICT-Sektor, rund 3.000 offene Jobs werden gegenwärtig in der Branche angeboten, das Gründen einer eigenen Firma ist eine Angelegenheit einer halben Stunde. Auf 100.000 Menschen kommen 42 Start-ups (in Deutschland fünf).

Komplementär zur Technikaffinität ist eine tiefe Liebe der Menschen zu ihrer ländlichen Umgebung zu beobachten; die weitgehend unberührte Natur wird als weicher Standortfaktor, der vergleichsweise niedrige Gehälter kompensieren soll, gepriesen. Der demokratische Staat soll sich gut liberal auf seine rahmenden Aufgaben für Wirtschaft und Gesellschaft beschränken, die Menschen gelten als Eigentümer ihrer Daten.

Die KI-Strategie Estlands setzt rhetorisch mit Kratt nicht umsonst in der nationalen Märchenwelt an. Das kleine Land, das ab dem 13. Jahrhundert vom Deutschen Orden christianisiert wurde, dann von Dänemark und Schweden beherrscht wurde und schließlich zwei Jahrhunderte als Ostseeprovinz zum Russischen Reich gehörte, bevor es nach einer kurzen Zeit staatlicher Souveränität ab 1940/44 zwangsweise Sowjetrepublik wurde, musste seine Identität stets gegen Imperien behaupten. Seit der wiedererlangten Unabhängigkeit 1991 positioniert sich das Land erfolgreich zwischen Tradition, Pragmatismus und Technologie.

Mutmaßliche Gründe für die weitgehende Akzeptanz von Digitalität und KI sind die dünne Besiedelung und damit weite Wege, die tiefgreifende Transformation des politischen Lebens nach 1991, die als Chance begriffen wurde, sowie kaum Vetoakteure bei nur einer legislativen Kammer. Nach der Finanzkrise 2008 hat sich der estnische Arbeitsmarkt wieder erholt; die Beschäftigungsrate ist mit 74 % der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter hoch, die Arbeitslosenquote mit rund 4 % gering. Allerdings schwelt der Konflikt mit den ethnischen Russen im Land, die rund ein Viertel der Bevölkerung (von insgesamt 1,3 Mio.) ausmachen. Mit Kratt werden diese sich kaum identifizieren können, bedauerlich angesichts der sowjetischen Ingenieurstradition.

Imperium

Der russische Präsident Wladimir Putin ist promovierter Jurist. Der 1952 geborene Leningrader begann seine politische Laufbahn in den 1980er Jahren als Agent des KGB in Dresden. Nach der Epochenwende 1989/91 arbeitete er in der Stadtverwaltung in Petersburg (zu dem Leningrad wieder umbenannt wurde) und übernahm die Leitung des Inlandsgeheimdienstes FSB. Als er 1999 zum russischen Regierungschef ernannt wurde, war er kaum einem politischen Beobachter bekannt. Seit 2000 ist er nun der Präsident und Herrscher Russlands – und als solcher nach einem Verfassungscoup gegebenenfalls bis 2036 im Amt. Wenn sich Putin nun zum Ende des II. Weltkriegs äußert, tut er das nicht als Historiker, sondern als Führer eines Imperiums.

Die Militärparade in Moskau zum 75. Jubiläum des „Tags der Sieges“ sollte ganz besonders großartig ausfallen. Doch machte das Coronavirus den umfangreichen Plänen der politischen Führung zur Demonstration russischer Größe und Stärke einen harten Strich durch die Rechnung. Dafür konnte Wladimir Putin wie geplant am 19. Juni des Jahres einen Artikel veröffentlichen, in dem er sich ausführlich zur Vorgeschichte des II. Weltkriegs auslässt. Der Text wurde in deutscher Übersetzung auf der Webseite der Botschaft der Russischen Föderation publiziert. Deutsche Historiker werden bar jeder Ironie aufgefordert, diesen Text als Grundlage einer wissenschaftlichen Kooperation bei der künftigen Archivarbeit zu nehmen. Der „Schutz der historischen Wahrheit“ hat in Moskau mittlerweile Verfassungsrang.

Putin beginnt seinen Artikel mit persönlichen Erinnerungen. Sein älterer Bruder starb mit zwei Jahren bei der Blockade Leningrads, sein Vater wurde an der Front schwer verletzt, seine Mutter überlebte unter größten Mühen. Heute gedenken „Unsterbliche Regimenter“ der zahllosen Menschen, die im Kampf der Verteidigung der Heimat gefallen sind, anfangs spontan, mittlerweile staatlich verordnet. Putin spricht vom „Großen Vaterländischen Krieg“ (eine Formel Josef Stalins), an dessen Ende die Sowjetunion einen „vernichtenden Sieg über den Nazismus errungen und die ganze Welt gerettet“ habe. Diesen Sieg, den er auf den patriotischen Charakter der Völker Russlands mit ihrer tiefen Liebe zu Familie und Vaterland zurückführt, will er im Gedächtnis lebendig halten. Er nennt als Grund die Verantwortung, alles zu tun, um eine „Wiederholung der schrecklichen Tragödien zu verhindern“.

Nach diesen wohlfeilen Feststellungen wird Putin konkret unheimlich. Er identifiziert bei der Führung des Deutschen Reiches (zurecht) eine unverhohlene Aggression gegenüber der Sowjetunion, deren Machthaber sich spätestens nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei 1938 keine Illusionen mehr machten über einen bevorstehenden Angriff der Nazis. Nur aus diesem Grund, quasi aus Notwehr, so Putin, habe die UdSSR als letzte der europäischen Großmächte im August 1939 einen spektakulären Nichtangriffspakt mit dem III. Reich unterzeichnet. Dieser mal Hitler/Stalin-, mal Molotov/Ribbentrop-Pakt genannte Vertrag gab der Sowjetunion die dringend benötigte Zeit, um sich für einen drohenden Krieg mit Deutschland zu rüsten – den Großbritannien und die USA angeblich wollten, damit sich beide Diktaturen gegenseitig abnutzten.

Polen, das noch territorial von der Zerschlagung der Tschechoslowakei profitierte, aber am 1. September 1939, nur eine Woche nach Unterzeichnung des Vertrages, von Deutschland überfallen wurde, trägt nach dieser Lesart selbst Schuld daran, dass die Rote Armee Mitte des Monats von Osten auf polnisches Gebiet vorrückte. Hätten die westlichen Mächte, so Putin, ihre Garantien gegenüber Polen eingelöst, hätte die Sowjetunion sich nicht auf eine Annäherung an Nazideutschland eingelassen. Putin spricht allen Ernstes von „defensiven Aufgaben“ der UdSSR, die noch im Herbst 1939 mit der „Inkorporation“ Estlands, Lettlands und Litauens ins Imperium fortgeführt wurden, „auf vertraglicher Basis, mit Zustimmung der gewählten Behörden“. Dass Stalin mit dieser Annexion das Geheime Zusatzprotokoll des Vertrages mit Deutschland realisierte, erwähnt er nicht, ebenso wenig den Angriffskrieg der Roten Armee gegen Finnland 1939/40, das seine Unabhängigkeit aber bewahren konnte.

Putin geht nicht soweit, historische Fakten einfach zu leugnen. Seine Form der Geschichtsklitterung besteht in einer schwefligen Mixtur aus Weglassen, Verdrehen, Verstärken und Konstellieren anerkannter Tatsachen. Josef Stalin, der die junge UdSSR seit 1928 im gnadenlosen Terrorgriff hielt, wird ihm zum selbstlosen Verteidiger der geliebten russischen Erde. Nach Putin verdienen Stalin und seine Genossen im Politbüro zwar „viele gerechte Vorwürfe“, nicht aber den, dass sie keine Vorstellungen des Charakters der äußeren Bedrohungen des Imperiums gehabt hätten.

Es ist das alte Motiv, nach dem die Gräuel eines Regimes im Inneren mit einem äußeren Feind begründet und relativiert werden. Kein Wort Putins zum forcierten Hungertod der Ukraine im „Kampf gegen die Kulaken“ zu Beginn der 1930er Jahre. Unbenannt bleibt auch der Große Terror 1936/38, dem neben Millionen Unglücklicher die komplette militärische Führung des Landes zum Opfer fiel – ein Grund, warum die ersten Monate des „Unternehmens Barbarossa“ so katastrophal für die UdSSR verliefen und die Wehrmacht kurz vor Moskau stand. Die Schreckensherrschaft der Bolschewiki aber ging im Krieg nicht unter, sondern fand hier vielmehr ihre „eigentliche Verwirklichung“ (Jörg Baberowski).

Das Vielvölkerimperium der Sowjetunion wurde nicht, wie Putin suggeriert, von einer unbedingten Treue zur Nation zusammengehalten und dadurch zum heroischen Widerstand gegen die Invasion animiert, sondern durch Zwang, Gewalt, Verzweiflung und Angst. In den baltischen Ländern, in der Ukraine und Weißrussland wurden die Soldaten der Wehrmacht anfangs als Befreier vom Joch der Kolchosen begrüßt, bis den Menschen klar wurde, dass sie in den wahnsinnigen Plänen Hitlers zu einer Sklavenexistenz bestimmt waren, von der industriellen Ermordung der Juden zu schweigen.

Dass die sowjetische Parteiführung Millionen von Rekruten verheizte, sie schutz- und waffenlos auf Minenfelder trieb, den NKWD erbarmungslos auf Flüchtende schießen ließ und nach Kriegsende sowjetische Kriegsgefangene aus deutschen Lagern direkt zum Sterben in den Gulag deportierte – all das kommt in Putins Erzählung nicht vor. Die Sowjetunion war beileibe nicht das Paradies der Werktätigen, wie es die Propaganda unablässig wiederholte. Vielmehr sahen sowjetische Soldaten im besetzten Deutschland, in welchem Wohlstand die Menschen dort lebten, während sie selbst in Hunger und Knechtschaft gefangen waren und in Erdlöchern hausen mussten. Die Hoffnung der geschundenen Menschen auf eine Liberalisierung im Inneren wurde bitter enttäuscht; die Gewalt gegen die eigene Bevölkerung erreichte nach der Erschöpfung der Kriegsjahre einen neuen tristen Höhepunkt.

Angesichts dieser lückenhaften Geschichtsschreibung des russischen Präsidenten stellt sich die Frage nach seinen Beweggründen. Sie sind vermutlich zu suchen in der Legitimation seiner eigenen Herrschaft, die im nun zwanzigsten Jahr von der russischen Bevölkerung eher resignativ hingenommen wird. Für Putin ist es zentral, das Russland von heute in eine Linie zur UdSSR zu stellen, die im „Tag des Sieges“ einen zweiten Gründungsmythos erlebte: „Die sowjetische Periode mit all ihren Triumphen und Tragödien ist ein untrennbarer Bestandteil unser tausendjährigen Geschichte.“ Dazu gehört auch ein wohlwollendes Bild des Diktators Josef Stalin.

Bis heute liegt die Rekonstruktion der Repression, des Personenkultes und des Lagersystems, die konstitutiv für die Geschichte der ersten staatlichen Zwangskollektivierung der Erde waren, in den Händen privat forschender Wissenschaftler. Wenn diese zu unbequeme Wahrheiten für das Regime ans Tageslicht bringen, werden sie von Russlands gelenkter Justiz in fragwürdigen Prozessen zum Schweigen gebracht. Der Historiker Jurij Dmitrijew, der zu Stalins Erschießungen in Karelien forscht und an der Entdeckung von Massengräbern namenloser Opfer beteiligt war, wurde vor Wochen wegen „Missbrauchs“ seiner Adoptivtochter zu dreieinhalb Jahren Lagerhaft verurteilt.

Diese Politik der Einschüchterung und Stigmatisierung unliebsamer Journalisten, Aktivisten, Wissenschaftler und Oppositioneller (m/w/d) hat in Putins Russland Methode. Nach zwanzig Jahren seiner Präsidialdiktatur (Manfred Hildermeier) hat er längst keine legalen Gegner im Inneren mehr. Umso wichtiger ist ihm die Anerkennung Russlands als Großmacht auf der internationalen Bühne. Er beschwört die Kriegskonferenzen von Teheran, Jalta, San Francisco und Potsdam zwischen den USA, Großbritannien und der UdSSR, die die militärische und politische Ordnung der Welt nach 1945 einleiteten. Die drei Siegermächte des II. Weltkriegs, ergänzt um die Atommächte Frankreich und China, sind nach Putin bis heute verantwortlich „gegenüber der Menschheit“. Das Vetorecht im UN-Sicherheitsrat ist für den russischen Präsidenten „die einzig vernünftige Alternative zu einem direkten Zusammenstoß der größten Länder“. So ist es nur konsequent, dass Wladimir Putin deren Führer zu einem „Gipfel“ einlädt, um die Herausforderungen von heute zu meistern, vom Klimawandel über die Rüstungskontrolle bis zur Extremismusbekämpfung.

Das Russland von heute ist seit der Epochenwende von 1989/91 um ein Drittel kleiner, als es die Sowjetunion während ihrer größten Ausdehnung war. Dass Putin vom imperialen Anspruch nicht lässt, zeigen die Annexion der Krim, die schwelenden Scharmützel in Georgien, die Kriegsbeteiligung in Syrien und die digitalen Attacken auf Estland und Lettland. Wladimir Putin zieht seine moralische Legitimation, die in manipulierten Wahlen eher matt wirkt, über den direkten Bezug zu Josef Stalins Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“.

Der 9. Mai war in der Sowjetunion ein volkstümlicher Feiertag in unmittelbarer Nachbarschaft zum Tag der Arbeit. Erst 1965 wurde zum Gedenken an das Kriegsende die erste Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau orchestriert. Und nach der Implosion des sozialistischen Reiches dauerte es bis zum Jahr 2005, bis erneut Panzer, Haubitzen und Raketenwerfer am 9. Mai am Kreml vorbeirollten. Im Schatten dieser „ideologischen Mobilmachung“ (Karl Schlögel) gerät dann in Vergessenheit, wie selektiv sich Wladimir Putin der sowjetischen Geschichte bedient: Der 7. November, der Tag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, wurde klammheimlich aus dem Feiertagskalender gestrichen.

In seinem Artikel schlägt Putin ein dem Thema naheliegendes martialisches Vokabular an; er spricht vom Sieg, von Helden, vom Kampf, vom Mut, vom Widerstand, vom Schmerz, vom Leiden, vom Verlust, vom Schicksal und von der Erinnerung. Interessant ist mindestens ebenso, welche Termini er vermeidet – so finden sich die Begriffe „Sozialismus“, „Kommunismus“ und „Demokratie“ kein einziges Mal, als habe es elementare weltanschauliche Differenzen und Konsequenzen unter den Alliierten nie gegeben; die „Bolschewiki“ finden genau einmal Erwähnung bei einer Andeutung auf den Bürgerkrieg Anfang der 1920er Jahre.

Das eigentlich Traurige aber ist der fehlende Blick über 1945 hinaus. So zerbrach die Anti-Hitler-Koalition der Großen Drei im Moment ihres Triumphes, der Kalte Krieg mit seinem atomaren und orbitalen Wettrüsten begann. 1953, 1956 und 1968 unterdrückten Panzer der Roten Armee die Freiheitsbestrebungen in der DDR, in Ungarn und in der CSSR. Der Eiserne Vorhang, der Europa und die Welt über 40 Jahre trennte, ist gefallen, an die Stelle der bipolaren Ordnung ist eine unruhige Welt verschiedener Machtzentren getreten. Putins Text offenbart die Sehnsucht nach der Übersichtlichkeit der ideologischen Blöcke, sein Imperium nimmt über Gebühr Anleihen im Gestern. Ein Konzept für die Zukunft sieht anders aus.

Kastrat

  Wie es in allen Gemeinden der Heiligen üblich ist, sollen die Frauen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden.
1 Kor 14,33-34

Wenn Kerstin eine hellblaue 501 trägt, wird ihr Schritt unweigerlich modelliert. Von der Stelle, wo die geschlossenen Oberschenkel zusammenkommen, ziehen sich zwei Falten über den Jeansstoff nach oben. Unter dem eng anliegenden Textil sind die Konturen des pflaumenförmigen Genitals plastisch auszumachen. Wenn Kerstin unter der Dusche des Schwimmbades den Badeanzug abstreift und sich vor dem Betreten der Schwimmhalle abseift, ist zwischen ihren Beinen nichts weiter als eine Scheide zu sehen, gepolstert durch dicht gewachsenes Schamhaar. Erst der genaue klinische Blick offenbart, dass dieser Teil ihres Körpers nicht natürlich gewachsen ist. Kerstins Intimregion ist das Resultat einer operativen Geschlechtsannäherung. Wie die Kirsche auf der Torte sitzt oberhalb davon die Klitoris, der Rest ihrer Eichel, durchaus sensitiv und orgasmisch.

Es liegt nun ein halbes Menschenleben zurück, dass Kerstin von einer Nacht zur anderen aus der geschlechtslosen Idylle der Kindheit in die gnadenlose Welt der Pubertät und ihrer Konkurrenz gestoßen wurde. Ihr ganzer Körper wurde mit Testosteron geflutet, ein reißendes Tier wurde von der Kette gelassen, so sah es das uralte Programm der Gene vor. Der Leib wuchs weiter in die Höhe, Hände und Füße wurden raumgreifend, die Schultern wurden breit, die Muskulatur an Armen und Beinen definierte sich ohne Zutun. Der neue stechende Geruch, der von ihr ausging, war ihr peinlich, der Penis begann ein aggressives Eigenleben ohne Rücksicht auf andere zu führen. Die Oberlippe wurde von einem Flaum überzogen, ihre Stimme sackte wegen der Vergrößerung des Kehlkopfes und der Verlängerung der Stimmbänder um eine Oktave ab, irreversibel. Sie wurde launisch, sah sich Attacken von Jähzorn ausgeliefert und wusste nicht wohin mit dem inneren Drängen.

Diese drastischen Veränderungen ihrer Körper nahmen die Jungen ihrer Klasse zum Anlass, auf Entdeckungsreise in die Welt der Sexualität zu gehen, unbeholfen und tapsig zunächst, später immer zielstrebiger und voller Prahlerei. Mit lautem Entsetzen sah Kerstin an den sich rundenden Körpern der Mädchen in ihrer Klasse, was ihr vorenthalten blieb: Brüste und Hüften, Taille und seidige Haut, ein Aufblühen einer Attraktivität, die sich ihrer selbst gar nicht bewusst ist. Kerstin zog sich instinktiv zurück vom sich formierenden Feld der Geschlechter, sie versank in die Welt der Literatur, sprach mit ihren Schachfiguren, machte lange Läufe um den See und im Wald und schämte sich der großflächigen Akne im Blumenkohlrelief. Auf die Idee, sich untenrum anzufassen und zu bespielen, kam sie nicht. Sie spaltete es unbewusst ab, es ging ihr um das schiere Überleben.

Dieses biologische Programm, das den unbeschriebenen Leib binnen weniger Jahre einem Ufer des Geschlechterflusses zuweist, hat tief eingegrabene Folgen unter der Haut, die nicht vollends zu tilgen sind, so Kerstins heutige Überzeugung. Sie hat in ihren Zwanzigern das getan, was medizinisch-juristisch als Geschlechtsangleichung beschrieben wird. Sie hat, nach einem langen selbstzerstörerischen Kampf voller Drogen gegen sich selbst, mit der kontrollierten Einnahme von Östrogen begonnen, sie hat ihre Haare wachsen lassen und ihre Kleidung peu à peu mit weiblichen Accessoires ausgestattet, sie hat amtsgerichtlich ihren Vornamen ändern und sich operativ ihr Geschlecht angleichen lassen. Anstelle der ursprünglichen Ausstattung, deren Gewebe als Rohstoff diente, findet sich nun eine Scheide, einen halben Meter weiter oben sprießen niedliche Knospenbrüste. Eine tiefe Ruhe bemächtigte sich ihrer, Herz, Hirn und Hand konstellierten sich neu als Einheit.

Rein medizinisch ist Kerstin kastriert (aus dem Lateinischen verschnitten). Ihre Keimdrüsen, also ihre Hoden, wurden entfernt, der Penis wurde amputiert, oberhalb des Dammes wurde Raum für eine Neovagina geschaffen, ausgekleidet mit der Haut des Bestands. Dieses Können der modernen Medizin, auf einem frappierenden chirurgischen Prinzip der 1950er Jahre basierend, macht aus ihr natürlich keine Frau; diesem Irrtum saß sie lange genug auf. Heute, am Beginn ihres letzten Lebensdrittels, empfindet sie sich als Kastrat. Sie muss bis zum letzten Atemzug weibliche Hormone pharmakologisch substituieren, ihre Lebensstimmung ist depressiv bis resignativ, ihr gesamter Körper, den sie nicht mehr nackt im Spiegel betrachten mag, kommt ihr verschnitten und taub vor – genauso fremd wie vor der gewollten Veränderung. Leider ist ihr Gedächtnis nicht so gnädig, die Vergangenheit aus Gründen der Gesundung zu vergessen – der Leib erinnert sie beständig an sich selbst.

Das Barock war die Hochzeit der Kastraten. Unter Berufung auf Paulus untersagte die katholische Kirche Frauen in heiligen Räumen zu reden oder zu singen. Um die reinen Knabensoprane auch über die Pubertät zu erhalten, wurden besonders talentierte Jungen um das zehnte Lebensjahr herum kastriert, noch bevor die Geschlechtsreife einsetzte. Kastrieren, also verschneiden, meint in diesem Zusammenhang das Durchtrennen der Samenleiter oder auch das komplette Abschneiden der Hoden. Dieser für die Kinder grausame Eingriff erfolgte unter hygienisch bedenklichen Bedingungen, es kam zu Infektionen und Wundheilungsstörungen, auch zu direkten Todesfällen. Das Ziel jedoch war erreicht: Die helle, liebliche Stimme blieb bestehen, durch das einsetzende Wachsen des Thorax und der Lungen gewann sie noch an Kraft, Dynamik und Volumen, vom Klang einer Trompete vergleichbar. Kastraten wurden zu Stars der Opern von Händel, Gluck und Porpora, sie sangen im Chor der Sixtinischen Kapelle des Papstes und waren unter den Hofdamen begehrte Liebhaber, da eine Schwangerschaft ausgeschlossen war. Der römische Maler Caravaggio hat jugendliche Kastraten portraitiert, vom letzten Kastraten der römischen Kurie wurden Anfang des 20. Jahrhunderts noch Tonaufnahmen angefertigt.

Dass Kerstin sich nun mit den unglücklichen Trägern einer künstlich konservierten Stimme von vor 400 Jahren identifiziert, hat zum einen mit dem Ausweiden eines intakten Genitals zu tun, zum anderen mit der lebenslangen Einsamkeit in einem geschlechtlichen Niemandsland. Kaum ein Kastrat konnte seinerzeit von seiner vokalen Besonderheit leben, vielen blieb nur die Caritas der katholischen Kirche oder die Bettelei. Von einer legalen Ehe oder auch nur sozial anerkannten Beziehung blieben sie ausgeschlossen, sie wurden im Alltag verspottet und waren über ihre meckernde Sprechstimme negativ markiert. Für Kerstin kam ihre Kastration zu spät, das Testosteron hatte reichlich Zeit, ihren Leib unwiederbringlich zu verwüsten. Ihre Stimme wird am Telefon durchweg als männlich gehört, ihre Körpersilhouette ist athletisch schlank ohne jede Wölbung des weiblichen Musters, ihre Schultern sind breit, ihr Kiefer markant, ihre Länge fatal.

Kurzum, Kerstin sieht nicht so aus, wie sich ein Mann eine Frau wünscht und vorstellt. Sie bekommt durchaus Anerkennung für ihre Belesenheit, ihren scharfen Intellekt, ihr Wissen und ihren Witz, aber es macht ihr niemand Komplimente für ihre Figur, niemand nennt sie weiblich, reizend, anziehend, begehrenswert, kein Mann hat je mit ihr geflirtet. Dabei ist es egal, wie sie ihr Haar trägt, welche Garderobe sie präsentiert, ob sie sich schminkt oder mit Perlen sich schmückt. Die Menschen spüren, dass sie nicht passt; Frauen erleben sie als harmlos, Männer übersehen sie als sexuell uninteressant, Kinder starren sie an wie ein Gespenst. Ihre blind endende Scheide ist großzügig geschnitten, sie hat jedoch außer ihren eigenen Fingern, einem niedlichen Dildo und dem Spatel einer Gynäkologin nichts weiter in sich aufgenommen. Kerstin lebt erzwungenermaßen keusch, eingefroren auf der erotischen Reifestufe eines Kindes. An eine Beziehung oder gar eine Familie ist unter diesen Umständen nicht zu denken. Die Tantalosqualen beim Sehen des Glückes eines jeden beliebigen Paares werden sie bis zum Tod nicht verlassen.

Vor drei Jahrzehnten, dem Zeitpunkt ihres Coming-out, ging Kerstin optimistisch davon aus, dass sich ihre maskulinen Anteile herauswachsen würden, dass sie eine überzeugende Transfrau, ja sogar eine schöne Frau werden würde. Es hat weitere Jahre gedauert, bis sie sich von dieser Illusion verabschieden konnte. Sie freut sich, dass ihr Schopf voll und dicht ist, wenngleich mit Friedhofsblond durchsetzt; ihre Haut ist am ganzen Körper fein und weich, allerdings erschlafft hier und da bereits das Unterhautfettgewebe. Die Gesellschaft hat ihr Urteil über sie gefällt: Sie wird für ihren geschlechtlichen Voluntarismus nicht auf den Scheiterhaufen gezerrt, sondern bekommt die Erlaubnis, mit einem weiblichen Namen sich in der Welt zu bewegen. Doch wird sie durch physische Eigenschaften, die sich einer Manipulation durch Chirurgie, Sport und Make-up entziehen, in der männlichen Welt gehalten. Angekommen am weiblichen Ufer wähnte sie sich bestenfalls seelisch; das geschlechtliche Freiwild, das sie ist, wird ihr täglich durch ihre Einsamkeit vorgeführt. Sie ist eine emotionale Null, eingesperrt im Körper einer Transfrau. Sie hat im Gebet oft gefragt, warum ihr dieses Schicksal auferlegt wurde; Gott hat wie üblich geschwiegen.

Sie hat leidlich versucht, in der weiblichen Rolle zu bestehen. Doch der ersehnte Neuanfang wurde zur Sackgasse. Aus Freude am Singen nahm sie mehrere Anläufe, einem Chor beizutreten. Allem Training zum Trotz kam sie nie stabil in den Alt, als Tenor, der sie ist, wollte sie nicht dazugehören. Wenn sie in der katholischen Messe am Ambo aus dem Alten Testament zitiert, senden Mikrofon und Lautsprecher eine unverkennbar männliche Stimme in den Raum. Der gegenwärtige Kult um Transgender kommt für sie viel zu spät, sie profitiert als alter Mensch nicht mehr von der keimenden Sensibilität für die Untiefen der Geschlechter. Sie kann sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal in den Arm genommen wurde, berührt wird sie lediglich von ihrem Arzt im Rahmen der jährlichen Untersuchung. Zärtlichkeit, Sexualität, Liebe und Hingabe kennt sie nur aus Romanen und Filmen, kein Mann will sich der Lächerlichkeit preisgeben, ihr Liebhaber oder gar ihr Partner zu sein. Ihre amputierte Banane hat sie noch keinen Tag vermisst, die Narben ihrer Scham schmerzen nur bei langen Radtouren, die Größe ihrer Brüstchen noch unter A ist ihr einerlei. Dass sie einen Körper hat, wird ihr nur angesichts vitaler Regungen wie Hunger oder Müdigkeit bewusst, in geschlechtlicher Hinsicht ist sie ein Schatten eines Krüppels.

Canisius

Eine Kletterhalle? Ein Hochbunker? Ein Museum? Dem flüchtigen Spaziergänger (m/w/d) am Nordostufer des Lietzensees in Charlottenburg gibt der rund zwanzig Meter hohe Quader Rätsel ob seiner Bestimmung auf. Geradezu magisch zieht er Blicke und Schritte an. Zwei Kuben, der eine massiv zur Seeseite gewandt, der andere offen zur entfernten Kantstraße, scheinen ineinander verschoben, als Scharnier dazwischen eine Beule aus verwitterndem Lärchenholz. Der Bau aus hellem Sichtbeton, dem eine Spur beigemischten Kalkmehls sein besonderes Leuchten verschafft, ist mit gebührend Raum umgeben in einer ansonsten urban verdichteten Siedlungsstruktur. Der Campanile am Rand des Vorplatzes schließlich identifiziert das Gebäude als eine Kirche.

Am 28. Juni 2002 wurde Sankt Canisius in dieser Form geweiht. Der Neubau nach den Plänen des Architekturbüros Büttner war notwendig geworden, nachdem die Vorgängerkirche 1995 nach den Spielen zweier Jungen ein Raub der Flammen wurde. Die architektonische Lösung des Sakralbaus ist bestechend, solide fest und dabei anmutig leicht. Neugier und Staunen bei der Draufsicht setzen sich nach dem Betreten des Innenraumes fort, peu à peu in Demut umschlagend. Der Grundriss des Gebäudes ist rechteckig, der des liturgisch bespielten Innenraumes hingegen orientiert sich an der Kreisform. Nichts erinnert an die traditionellen Elemente des Kirchbaus, eine Apsis fehlt ebenso wie die Vierung, ein Chorumgang oder Stützpfeiler. Der Boden ist ausgelegt mit ordinären grauen Pflastersteinen, die profane Umgebung wird dergestalt in den heiligen Raum hineingeholt und vice versa. Die intime Marienkapelle aus Holz stülpt sich verbindend in den freien Kubus. Hoch über dem Eingang hängt ein eiserner Kruzifixus aus der alten Kirche, von der Hitze des Feuers verformt.

1924 erwarb der Jesuitenorden, das schärfste Schwert der katholischen Gegenreformation, das Pfarreigelände in Charlottenburg, der Namenspatron Petrus Canisius war einer der ersten Gefolgsleute des Ordensgründers Ignatius von Loyola und erster deutscher Ordensprovinzial. Als sich nach dem Bau der Mauer 1961 die Sankt-Hedwigs-Kathedrale im Osten der geteilten Stadt wiederfand, avancierte Sankt Canisius zum katholischen Zentrum des Westens; das Ordinariat wurde hierher verlegt, hier fanden Fronleichnamsprozessionen und Katholikentage statt. Längst leben die Katholiken in der Hauptstadt in der Diaspora, ihr Anteil an der Bevölkerung liegt (tendenziell weiter abnehmend) bei 9 %, von denen wiederum etwa 10 % an den Gottesdiensten teilnehmen. In dieser geistlichen Wüste ist Canisius nicht nur städtebaulich eine Oase – Gott in allen Dingen finden, wie es das höchste Ordensgebot der Societas Jesu verkündet.

Inmitten der Fastenzeit wurde auch Canisius von der Corona-Pandemie getroffen. Zunächst wurde auf den händischen Friedensgruß verzichtet, die Weihwasserbecken am Eingang waren trocken. Doch dann blieb das Kirchenportal auf Geheiß der Politik über zwei Monate lang versperrt, da geschlossene Räume als ideale Orte für Ansteckungen galten. Das Erzbistum fügte sich in die administrativen Maßnahmen des Abstandhaltens, setzte ein wenig hilflos auf Social-Media-Predigten und verwies auf TV-Übertragungen von Messen etwa aus dem Vatikan. Ostern 2020 sollte als das erste Fest der Auferstehung überhaupt in die Geschichte eingehen, das nicht in der Kirche und mit der Gemeinde begangen wurde; eine spirituelle Wunde klafft in der Seele, die trotz der Stille des Gebetes vor Gott zumindest dann und wann die Nähe der anderen Gläubigen braucht.

Nun, lang nach Pfingsten, mitten in der sommerlichen Langeweile des kirchlichen Jahreskreises, gewinnt eine überkommene Normalität in der Messe zögernd wieder Gestalt. Die wie in einem Parlament in einem Halbkreis um den Altar angeordneten Stühle sind ausgedünnt, gut die Hälfte ist ins Magazin verschafft, auf manchen prangen Schilder, bitte hier nicht Platz zu nehmen. Das Gotteslob wird (wegen der Infektionsgefahr über die Hände) nicht vorrätig gehalten, kein Kollektenkörbchen wandert durch die schütteren Reihen. Die notorischen 1,5 Meter Abstand zum Nebenmenschen können allein schon wegen der auch sonst überschaubaren Zahl der Gottesdienstbesuchenden eingehalten werden, einige von ihnen tragen eine textile Atemhemmung, zum Glück sind Altar und Ambo nicht durch Plexiglasscheiben abgezäunt.

Der Zauber des Raumes ist über die lange Schließzeit erhalten geblieben. Seine Höhe schüchtert nicht ein, lädt vielmehr zum Ausladen der Seele ein. Hinter dem Altarblock aus ockertonigem Kalkstein schimmert das „Goldene Feld“ des Künstlers Winfried Muthesius, es nimmt die Tradition der Ikonenkunst auf, mit dieser warmen Farbe das Transzendente abzubilden. Der ganze Raum wirkt wohlproportioniert nach dem Prinzip des Goldenen Schnittes, abgestimmt und harmonisch. Im schlicht gehaltenen Interieur tanzen Lichtflecken aus diversen Wand- und Deckenschlitzen, die Gebete des Priesters und das Spiel des Organisten lassen die vorzügliche Akustik des Raumes ahnen. Dem Gesangsverbot in geschlossenen Räumen angepasst, spielt die Architektur der Kirche ihre Stärke aus: Gleich zu Beginn der Messfeier ziehen die Gemeindemitglieder, sorgsam Abstand zueinander wahrend, durch eine Glastür ins Freie, um sich unter der Decke des lichten Kubus um den Schwesteraltar zu versammeln. An der Kirche und zugleich in ihr, drinnen wie draußen, stimmen die Gläubigen das Kyrie an – das Konzept der Kirche am Weg wird gesanglich Realität.

Es gehört traditionell zum Ritual der Liturgie, dass der Priester vor der Gabenbereitung seine Hände mit Wasser benetzt, um symbolisch alle Schuld von sich abzuwaschen, bevor sich Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandeln. In Zeiten der Corona-Pandemie sind das Waschen und das sich anschließende Desinfizieren der Hände vor aller Augen irdische Hygienemaßnahmen. Zur Kommunion schließlich sind die Gläubigen eingeladen, einzeln an den Altar zu treten, über dem der Priester die geweihte Hostie hält und in ihre geöffneten Hände fallen lässt, ohne dass es zu einem physischen Kontakt käme. Der übliche Dialog „Der Leib Christi“ – „Amen“ entfällt, um eine Tröpfcheninfektion zu vermeiden.

Das Finale der Messfeier ist grandios. Der Küster hat zwischenzeitlich das gut zwölf Meter hohe Portal geöffnet, die beiden tonnenschweren hölzernen Flügel bewegen sich geräuschlos in den Angeln, das Licht des Sommerabends ergießt sich auf den Altar. Den Segen spendet der Priester auf dem Kirchenvorplatz, das Grummeln und Sirren der Metropole drängt von weit her wie durch einen Filter. In das abschließende Lied mischt sich das Gezirpe der Vögel aus den Baumkronen. Canisius ist innen von den Requisiten her auf das Wesentliche beschränkt, auf der hellen Schale funkeln kleine Metallplättchen in Kreuzesgestalt. Eine streng elegante Lösung für die Sakralität der Großstadt, die durch ihre zahllosen Ablenkungen charakterisiert ist. Wer Sankt Canisius besucht, lässt sich finden von Gott. Dazu muss er nichts weiter mitbringen als die Bereitschaft dazu.

Mobilität

Die Stadt ist seit rund 7.000 Jahren die treibende Organisations- und Siedlungsform menschlichen Lebens. In der Stadt lässt sich das zivilisatorische Niveau eines Gemeinwesens ablesen, sie steht für Freiheit, Innovation, Bildung und Wohlstand. Hier konzentrieren sich die politischen, wirtschaftlichen, technologischen und kulturellen Institutionen einer Gesellschaft; hier wohnen, arbeiten, konsumieren und regenerieren immer mehr Menschen auf begrenztem Raum. Hochrechnungen zufolge werden im Jahr 2060 etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben, Tendenz steigend. Für das friedliche Funktionieren einer Stadt ist die Frage der Mobilität daher elementar.

Die strikten Ausgangsbeschränkungen im Zuge der Coronapandemie haben ex negativo hervorgebracht, wie monothematisch die urbane Mobilität seit dem Ende des II. Weltkriegs auf das private Auto ausgerichtet ist – infrastrukturell, architektonisch, logistisch, fiskalisch. Als in den vergangenen Monaten der private PKW-Verkehr in den Städten Deutschlands auf unter 10 % des üblichen Levels zurückging, erlebten ihre Bewohner (m/w/d) die Stadt überraschend mit allen Sinnen: Das Dauerdröhnen der Motoren fehlte, die Luft wurde schlagartig besser, den ganzen Tag über war Vogelgezwitscher zu vernehmen, Schwäne und Hasen vermehrten sich rasant in den Parks, auf breiten Chausseen konnten Radfahrer gefahrlos nebeneinander cruisen, Kinder fanden Platz zum Spielen auf den Trottoirs, Alte wähnten sich nicht länger zwischen zwei Grünphasen gefangen auf einer umtosten Mittelinsel.

Von einem Tag zum anderen konnte man beobachten, wie die Stadt gleichsam durchatmete, zu sich kam und lang verschüttete Seiten an sich registrierte und schätzte. Die Dominante des Alltags, der erdrückende private PKW, wurde zum Randphänomen wie Schneereste zum Winterende, die leerer gewordenen Straßen lagen mit einem Mal in „Städten für Menschen“ (Jan Gehl). Diese Erfahrung war, wie man nun leider konstatieren muss, eine befristete Erscheinung; mit der Lockerung der Ausgangsbeschränkungen sitzen die Deutschen (vor allem Männer) wie eh und je am liebsten eingepanzert von Glas, Chrom, Leder und Gummi hinter dem Kommandopult ihrer mobilen Waffen und räumen andere aus dem Weg. In ihrer Einzelzelle wähnen sie sich obendrein sicher vor einer Infektion mit dem weiterhin nicht besiegten Virus.

Ganz ohne es zu wollen (und vermutlich ohne es zu wissen), haben die Stadtverwaltungen mit ihren Einschränkungen des öffentlichen Lebens Bedingungen herbeigeführt, die der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) in seinem kürzlich veröffentlichten Umweltgutachten empfiehlt auf dem Weg zu einer umweltfreundlichen Verkehrspolitik. Einer solchen, so der SRU, stehe der exzessive Gebrauch des privaten PKW in der Stadt im Wege: Zur Reduzierung der Lärmemissionen, zur Senkung der CO2– und NOx-Anteile in der Luft, zur Verringerung der Verkehrsunfälle, zur Verbesserung der Lebensqualität müsse Mobilität in den Städten einen Paradigmenwechsel erfahren – weg von der autozentrierten Stadt hin zu einem modal split der Verkehrsformen. Der Durchsatz von PKW pro Stunde und Kilometer dürfe nicht länger die Richtgröße sein, vielmehr die Anzahl transportierter Verkehrsteilnehmer (m/w/d).

Um dieses Ziel zu erreichen (das ein Baustein ist auf dem Weg Deutschlands zur Einhaltung international verbindlicher Klimaziele), so der SRU, müsse die schiere Anzahl der PKW in den Städten drastisch vermindert werden. Dazu listen die Sachverständigen ein ganzes Bündel an Pull- und Push-Faktoren auf: Es beginnt mit der Neuverteilung des öffentlichen Raumes (mehr sichere Rad- und Fußwege, stattdessen weniger Spuren für den Autoverkehr), es geht weiter mit der konsequenten Bepreisung des Parkraumes (kostenpflichtige Parkhäuser anstelle kostenfreier Parkstreifen am Straßenrand), es bringt ein Tempolimit von 30 km/h innerorts und eine bundesweite Citymaut ins Spiel, eine steigende Attraktivität des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) soll die schrittweise Abkehr vom motorisierten Individualverkehr (MIV) schmackhaft machen. Denn eins ist sicher: Die Städte erstarren am manchmal rollenden, häufig stauenden und meistens parkenden Blech.

Die „Mobilität“ kommt vom französischen mobile, dieses aus dem lateinischen mobilis/movere, was so viel wie bewegen bedeutet. Der Begriff „Verkehr“, der umgangssprachlich oft als Synonym zur Mobilität benutzt wird, zählt zum deutschen Standardwortschatz seit dem 18. Jahrhundert, zunächst in der Bedeutung des „Warenaustausches“ respektive des „Handels“. Das abgeleitete Verb „verkehren“ steht (antiquiert) für „sich begegnen“ oder „miteinander Umgang pflegen“. Dieser aber findet auf deutschen Straßen in Form wahlweise der Konfrontation oder der Lähmung statt (der „Gegner“ und die „Begegnung“ haben dieselbe semantische Wurzel); das einstige Freiheitsversprechen des Automobils (der Selbstbewegung) ist längst in sein Gegenteil umgeschlagen. Die Städte leiden an der aggressiven Flächenvertilgung durch die immer voluminöser werdenden PKW, die 23 von 24 Stunden gebührenfrei im öffentlichen Raum stehen, der dergestalt nicht für Begrünung, Spielen oder Gastronomie genutzt werden kann.

Autofahren, so der SRU, ist nur deswegen so vergleichsweise billig, weil die tatsächlichen Kosten, die ein PKW generiert, politisch verzerrt werden. Dazu zählen etwa die steuerlichen Subventionen für Diesel, das Dienstwagenprivileg, die Pendlerpauschale sowie kostenlose Parkplätze in den Innenstädten und vor den Einkaufszentren; ebenfalls erwähnt werden müssen die medizinischen Folgekosten, die etwa durch Motorenlärm, chronische Luftverschmutzung und natürlich durch Verletzungen und Behinderungen nach Unfällen entstehen. Nicht zuletzt müssten bei Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung (die tatsächlich eine Autoverkehrsordnung sei und den MIV schamlos privilegiere) viel höhere Geldstrafen als bislang erhoben werden, verbunden mit der Drohung eines rascheren Führerscheinentzuges. Der SRU mahnt hier in der Diskussion eine Transparenz des gesellschaftlichen Preises des Autoverkehrs an, fordert eine Offenbarung der „Kostenwahrheit“.

Nun sind die Maßnahmen, die der SRU in seinem aktuellen Gutachten empfiehlt, keineswegs neu; sie werden in Deutschland seit Jahrzehnten diskutiert und gefordert, in anderen Ländern wie in Dänemark, Schweden, Finnland, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz bereits erfolgreich praktiziert. In Deutschland allerdings sind die reaktionären Kräfte in Politik, Industrie, Verbänden und Medien gewaltig; nirgendwo sonst sind die Vetoakteure – ADAC, AUDI, BDI, BILD, BMVI, BMW, CDU, SPD, VDA, VW – gegen eine Verkehrswende so routiniert, finanzstark und traditionell vernetzt wie hier. So steht leider zu befürchten, dass die (weitgehend) autofreien Wochen im März und im April nicht mehr waren als ein kurzer Frühling der Mobilität. Für viele Menschen blitzte in diesem Ausnahmezustand eine menschenfreundliche Stadt auf; die automobile Unkultur Deutschlands hat diese Option wieder zur Utopie gemacht – in der Theorie bestechend, in der Praxis undurchführbar.