Für Karl Kraus

Der Duden wurde hier bereits empfohlen als verlässliche Quelle guten wie richtigen Sprechens und Schreibens. Doch an wen sollte ich mich in Sachen Stil und Eleganz halten, sobald ich das Wort ergreife? Das hängt natürlich von persönlichen Leseerfahrungen ab, je früher diese gemacht wurden, umso besser. Eine Referenz aber ist in dieser Hinsicht unumgänglich: Der immergrüne Herausgeber der Fackel, Karl Kraus (1874 – 1936).

Dieser schweflige Wiener Spötter ist bis heute unnachahmlich in seinem Witz, seiner Chuzpe und seiner zärtlichen Bosheit, wenn es um die viel zitierte – und so selten treue – Liebe zur Sprache geht. Kraus‘ Aphorismen und Meditationen zum passenden Deutsch sind stets aufs Neue belebend, die Sinne schärfend und erheiternd. Seine Verse, Strophen und Essays schulen einen gewandten wie achtsamen Umgang mit der Sprache, der über das Tagesgeschäft hinaus eine spirituelle Note birgt. Oder in seinen eigenen Worten: „Die Sprache ist die einzige Chimäre, deren Trugkraft ohne Ende ist, die Unerschöpflichkeit, an der das Leben nicht verarmt. Der Mensch lerne, ihr zu dienen!“

Fuck the EU

Wenn eine Formulierung als „diplomatisch“ bezeichnet wird, ist im Allgemeinen damit gemeint, dass ein Sachverhalt besonders vorsichtig und höflich ausgedrückt wird. Niemand soll vom Gesagten brüskiert werden, zu große Direktheit schadet der Sache. Verklausulierungen, Phrasen und Leerformeln sind die Essenzen einer Sprache unter Diplomaten, die die hohle Kunst des Nichtssagens durch Andeutung perfekt beherrschen.

Und dann das. Die US-Diplomatin Victoria Nuland hat in einem Telefonat mit einem Kollegen die Schlichtungsbemühungen der Europäischen Union in der Krise in der Ukraine mit den harschen Worten: „Fuck the EU!“ kommentiert. Drastischer lässt sich nicht sagen, was die US-Administration von ihren so genannten Partnern in Europa hält, nämlich nichts. Frau No-EU-Land wird in die Geschichte der politischen Kommunikation als diejenige eingehen, die das Vokabular der Diplomatie um die berüchtigten Four-Letter-Words erweitert hat, passend zu ihrem imperialen Denken.

Der_Unterstrich

Sprache bildet nicht nur Realitäten ab, sie schafft auch welche. Es ist ein Unterschied, ob von den „Freunden“ die Rede ist oder von den „Freundinnen und Freunden“. Die im ersten Fall mitgemeinten Frauen gehen unter, im zweiten Fall stehen sie gleichberechtigt neben den Männern. So weit, so gut, so einfach.

Die politisch korrekte Pluralbildung ist auf Dauer umständlich, deswegen hat sich im links-alternativen Milieu das Binnen-I etabliert: Dort heißt es dann „FreundInnen“, zumindest in der geschriebenen Sprache werden Männer und Frauen in einem Wort aufgehoben. Doch damit nicht genug; die jüngste Entwicklung auf dem Feld der sprachlichen Kreation geschlechtlicher Verhältnisse ist der Unterstrich, neudeutsch auch gender gap genannt. Die „Freund_innen“ schließen neben den Männern und Frauen auch jene Menschen ein, die sich im polaren System der zwei Geschlechter nicht repräsentiert sehen.

Das Anliegen erscheint berechtigt, allein die Lösung ist missraten. Beim Lesen stolpern die Interessierten (ein Beispiel einer defensiv neutralen Pluralbildung) über die Lücke zwischen Mann und Frau, die der Unterstrich markiert – aber eben auf Kosten des Leseflusses. Das Manko des Unterstriches ist seine Herkunft als Sonderzeichen, nicht als Buchstabe. Dergestalt werden längere Texte mit hässlichen Löchern versehen, die gut gemeinte Absicht schlägt um in eine Dauerirritation. Es bleibt – aus Liebe zur Sprache – zu hoffen, dass typografisch wie ästhetisch befriedigendere Vorschläge gemacht werden.

 

 

Suboptimal

Die Sprache unterliegt Regeln, und sie unterliegt Moden. Leider kommt es immer wieder vor, dass sich die Mode über die Regel hinweg setzt und damit mehr Schaden als Nutzen stiftet. Ein notorisches Beispiel des ungeprüften Einzugs so manchen Begriffs aus dem Vokabular der BWL in die  Umgangssprache ist „suboptimal“, eine Kreation im Sinne von „weniger gut“.

Leider wird bei der inflationären Verwendung von „suboptimal“ übersehen, dass es Adjektive gibt, die keinen Komparativ oder gar Superlativ kennen: Begriffe wie fertig, perfekt, vollkommen oder eben optimal lassen sich nicht steigern, ebenso wenig minimieren, wie im konkreten Fall das Präfix „sub“ nahe legt. Viel eleganter (und nebenbei korrekt) ist etwa die Formulierung „verbesserungswürdig“, in jedwedem Jargon.

Koalitionsverhandlungen

Das neueste Unwort aus dem an Worthülsen überreichen Politikbetrieb. Seit einer kleinen Ewigkeit kommen Union und SPD in grotesk aufgeblähten Kommissionen zusammen, um Gründe für das Scheitern einer Zusammenarbeit zu finden. In der Woche neun nach der Bundestagswahl 2013 ist eine funktionierende Regierung weiter nicht in Sicht; gleich Untoten bleiben Minister einer nicht mehr im Bundestag vertretenen Partei geschäftsführend im Amt, während das Parlament an der Aufnahme seiner Arbeit gehindert wird.

Bei den Unterhauswahlen in Großbritannien 2010 verfehlten die Tories die absolute Mehrheit und mussten sich in den Liberalen einen Partner suchen; das wahrlich nicht koalitionserprobte britische Königreich verfügte fünf (!) Tage nach der Wahl über eine neue arbeitsfähige Regierung. So also kann Parlamentarismus aussehen. Wie autistisch muss es rund um den Berliner Reichstag zugehen, wenn sich die Politikdarsteller beharrlich vor dem Willen des Volkes drücken und sich bis weit in den Advent in Kollisionsverhandlungen ergehen.

Proaktiv

Die Beratungsbranche bringt ein ganz eigenes, ja eigentümliches Vokabular hervor. Um ein Vorgehen als Beziehungsaufbau zu beschreiben, wird es gern als „proaktiv“ geadelt. Gemeint ist die bewusste Initiative, das direkte Agieren von sich aus und nicht erst auf Anfrage. Das Präfix „pro“ steht für „vorher“ oder „zuvor“.

Und da liegt das Problem: Was soll ein der Aktion vorausgehendes Vor-Handeln sein? Doch hoffentlich Denken, Planen, Überlegen. Der Aktion folgt eine Reaktion, der Gegenbegriff zu reaktiv wäre – aktiv. Das proaktive Vorgehen, das eine besondere Intensität suggerieren soll, ist also ein Widerspruch in sich. Der Duden kennt diesen schneidigen Terminus nicht.

Hängepartie

Wenn die Journaille ihre Texte lebendig gestalten möchte, greift sie gern auf Bilder aus dem Sportkontext zurück. So soll der Ausdruck einer „Hängepartie“ signalisieren, dass die Verhandlungen ins Stocken geraten oder gar ausgesetzt worden sind, eine Einigung mithin erst in einer weiteren Runde zu erwarten ist.

Schade nur, dass die Quelle für die Metapher versiegt ist. Traditionell wurde eine Schachpartie nach 40 Zügen unterbrochen und am folgenden Tag fortgesetzt. Über Nacht „hing“ die Position und wurde derweil von den Spielern analysiert. Die rasant steigende Kraft der Computer führte Anfang der 1990er Jahre zur Abschaffung der Hängepartie, heute wird eine Partie en suite bis zum Ende gespielt. Daher sollte nüchtern, aber sachlich korrekt von Vertagung oder Aufschub die Rede sein, wenn Gespräche unterbrochen werden.

Das geht uns allen so

Ein oft und gern verwendetes Stoppschild in der Kommunikation ist „Das geht uns allen so“ als Antwort auf eine individuelle Aussage. Was ist daran (oder an einer der zahlreichen Varianten) so unsäglich? Werden nicht Teilnahme und Mitgefühl ausgedrückt, erfolgt nicht eine verbale Eingemeindung zu „uns allen“?

Nein. Es handelt sich vielmehr um eine brüske Ablehnung einer Diskussion. Da ja etwas mitgeteilt wurde, das „wir“ alle schon kennen, lohnt eine weitere Besprechung des Themas nicht – in den Augen der Antwortenden. Eine hochgradig unhöfliche Beendigung eines Gespräches, bevor es beginnt. Worauf die Fragende insistierend antworten sollte: „Woher wissen Sie, dass es uns allen so geht?“

Nicht wirklich

Neuer Besuch aus der Abteilung Falsche Englische Freundinnen: „Das überrascht mich nicht wirklich.“ In der Abschwächung des „nicht wirklich“ lebt das englische „not really“ weiter. Es wird wohl gemeint sein, dass die Sprechende das Geschehen gelassen-souverän vorweg nimmt und real vor Überraschungen gefeit ist.

Dieser Jargon der Uneigentlichkeit verstößt gegen das Gebot der Klarheit. Wenn es etwas zu sagen gibt, warum in die Umschweife fallen? Wer hätte Schwierigkeiten, die Aussage: „Das überrascht mich nicht.“ zu verstehen? Wohl nur Freundinnen des Falschen Englisch. Alle anderen fassen sich kurz, bündig und präzise.

Authentisch

Die Aussage, jemand verhalte sich authentisch, kommt heutzutage einem hohen Lob gleich. Der so nobilitierten Person wird bescheinigt, sie sei echt, natürlich, unverstellt und verfüge über eine außerordentliche Glaubwürdigkeit, die die eines inszenierten Auftritts um Längen übersteige. Problematisch nur, dass kein korrekter Gegenbegriff zum Authentischen existiert.

Das Mißverständnis ist ein kommunikatives: Um die unterstellte Authentizität beglaubigen zu können, bedarf es eines Beobachters. Kommunikationen finden immer in Gesellschaft statt oder gar nicht. In diesem Sinne gibt es keinen vorsozialen Zustand, der rein oder eben: authentisch genannt werden könnte. Wenn man also einen Menschen markieren möchte, spreche man vielleicht von rauh, unangepasst oder gar rebellisch. Aber um Gottes Willen nicht von authentisch. Es sei denn, man erfreue sich an Paradoxien.