Koalitionsverhandlungen

Das neueste Unwort aus dem an Worthülsen überreichen Politikbetrieb. Seit einer kleinen Ewigkeit kommen Union und SPD in grotesk aufgeblähten Kommissionen zusammen, um Gründe für das Scheitern einer Zusammenarbeit zu finden. In der Woche neun nach der Bundestagswahl 2013 ist eine funktionierende Regierung weiter nicht in Sicht; gleich Untoten bleiben Minister einer nicht mehr im Bundestag vertretenen Partei geschäftsführend im Amt, während das Parlament an der Aufnahme seiner Arbeit gehindert wird.

Bei den Unterhauswahlen in Großbritannien 2010 verfehlten die Tories die absolute Mehrheit und mussten sich in den Liberalen einen Partner suchen; das wahrlich nicht koalitionserprobte britische Königreich verfügte fünf (!) Tage nach der Wahl über eine neue arbeitsfähige Regierung. So also kann Parlamentarismus aussehen. Wie autistisch muss es rund um den Berliner Reichstag zugehen, wenn sich die Politikdarsteller beharrlich vor dem Willen des Volkes drücken und sich bis weit in den Advent in Kollisionsverhandlungen ergehen.

Proaktiv

Die Beratungsbranche bringt ein ganz eigenes, ja eigentümliches Vokabular hervor. Um ein Vorgehen als Beziehungsaufbau zu beschreiben, wird es gern als „proaktiv“ geadelt. Gemeint ist die bewusste Initiative, das direkte Agieren von sich aus und nicht erst auf Anfrage. Das Präfix „pro“ steht für „vorher“ oder „zuvor“.

Und da liegt das Problem: Was soll ein der Aktion vorausgehendes Vor-Handeln sein? Doch hoffentlich Denken, Planen, Überlegen. Der Aktion folgt eine Reaktion, der Gegenbegriff zu reaktiv wäre – aktiv. Das proaktive Vorgehen, das eine besondere Intensität suggerieren soll, ist also ein Widerspruch in sich. Der Duden kennt diesen schneidigen Terminus nicht.

Hängepartie

Wenn die Journaille ihre Texte lebendig gestalten möchte, greift sie gern auf Bilder aus dem Sportkontext zurück. So soll der Ausdruck einer „Hängepartie“ signalisieren, dass die Verhandlungen ins Stocken geraten oder gar ausgesetzt worden sind, eine Einigung mithin erst in einer weiteren Runde zu erwarten ist.

Schade nur, dass die Quelle für die Metapher versiegt ist. Traditionell wurde eine Schachpartie nach 40 Zügen unterbrochen und am folgenden Tag fortgesetzt. Über Nacht „hing“ die Position und wurde derweil von den Spielern analysiert. Die rasant steigende Kraft der Computer führte Anfang der 1990er Jahre zur Abschaffung der Hängepartie, heute wird eine Partie en suite bis zum Ende gespielt. Daher sollte nüchtern, aber sachlich korrekt von Vertagung oder Aufschub die Rede sein, wenn Gespräche unterbrochen werden.

Das geht uns allen so

Ein oft und gern verwendetes Stoppschild in der Kommunikation ist „Das geht uns allen so“ als Antwort auf eine individuelle Aussage. Was ist daran (oder an einer der zahlreichen Varianten) so unsäglich? Werden nicht Teilnahme und Mitgefühl ausgedrückt, erfolgt nicht eine verbale Eingemeindung zu „uns allen“?

Nein. Es handelt sich vielmehr um eine brüske Ablehnung einer Diskussion. Da ja etwas mitgeteilt wurde, das „wir“ alle schon kennen, lohnt eine weitere Besprechung des Themas nicht – in den Augen der Antwortenden. Eine hochgradig unhöfliche Beendigung eines Gespräches, bevor es beginnt. Worauf die Fragende insistierend antworten sollte: „Woher wissen Sie, dass es uns allen so geht?“

Nicht wirklich

Neuer Besuch aus der Abteilung Falsche Englische Freundinnen: „Das überrascht mich nicht wirklich.“ In der Abschwächung des „nicht wirklich“ lebt das englische „not really“ weiter. Es wird wohl gemeint sein, dass die Sprechende das Geschehen gelassen-souverän vorweg nimmt und real vor Überraschungen gefeit ist.

Dieser Jargon der Uneigentlichkeit verstößt gegen das Gebot der Klarheit. Wenn es etwas zu sagen gibt, warum in die Umschweife fallen? Wer hätte Schwierigkeiten, die Aussage: „Das überrascht mich nicht.“ zu verstehen? Wohl nur Freundinnen des Falschen Englisch. Alle anderen fassen sich kurz, bündig und präzise.

Authentisch

Die Aussage, jemand verhalte sich authentisch, kommt heutzutage einem hohen Lob gleich. Der so nobilitierten Person wird bescheinigt, sie sei echt, natürlich, unverstellt und verfüge über eine außerordentliche Glaubwürdigkeit, die die eines inszenierten Auftritts um Längen übersteige. Problematisch nur, dass kein korrekter Gegenbegriff zum Authentischen existiert.

Das Mißverständnis ist ein kommunikatives: Um die unterstellte Authentizität beglaubigen zu können, bedarf es eines Beobachters. Kommunikationen finden immer in Gesellschaft statt oder gar nicht. In diesem Sinne gibt es keinen vorsozialen Zustand, der rein oder eben: authentisch genannt werden könnte. Wenn man also einen Menschen markieren möchte, spreche man vielleicht von rauh, unangepasst oder gar rebellisch. Aber um Gottes Willen nicht von authentisch. Es sei denn, man erfreue sich an Paradoxien.

Sinn machen

Gang und gäbe ist im Deutschen die Formulierung, eine Sache mache Sinn. Geläufig, aber falsch. Denn im deutschen „Sinn machen“ steckt das englische Vorbild „to make sense“, dessen Verb bei der Übertragung nicht mitgenommen werden sollte. Die entsprechende Wendung lautet korrekt, eine Aussage habe oder ergebe Sinn, sei sinnig oder sinnhaft. Der alltägliche Gebrauch des Sinnmachens adelt diesen Verstoß gegen die Regeln der deutschen Sprache nicht, auch wenn er kaum jemandem auffällt. Der Teufel steckt im Detail, auch und gerade in den offen sichtlichen.