Kerze

Die senkrechte Flamme, milde zitternd, ist wenige Zentimeter hoch. Der blaue Streifen am unteren Ende geht abrupt in ein leuchtendes Weiß über, nach oben hin verjüngt sie sich zuspitzend. Der brennende Docht ist die Nabelschnur zum Kerzenkörper aus Bienenwachs, der das gezähmte Feuer nährt und sich dabei langsam selbst verzehrt. Brennt die Kerze lang genug, wird ihre Oberfläche rund um den Docht flüssig, im schmelzenden Wachs spiegelt sich der Flammenschein. Materie wird in Licht und Wärme transformiert.

Es ist unmöglich, den Blick nicht zu einer brennenden Kerze zu wenden, stehe sie nun in einer Kirche, auf der Fensterbank oder im heimischen Wohnzimmer. Ist sie die einzige Lichtquelle, hebt sie die Gegenstände ihrer näheren Umgebung aus dem Dämmer und spendet dem Raum Wärme und Behaglichkeit. Flackert die Flamme im Luftzug, fangen die Schatten, die sie werfen lässt, an zu tanzen. Hat sich das Auge an das schummrige Licht gewöhnt, nimmt es die Schlieren und Schattierungen im Stumpen wahr, der von innen heraus zu leuchten scheint.

Katholische Christen (m/w/d) empfangen zum Sakrament der Taufe eine Kerze und beten für ihre Verstorbenen, dass ihnen das ewige Licht leuchten möge. Im November stellen sie Kerzen in die Laternen auf den Gräbern und begrüßen im Schimmer des Advents das Kommen ihres Erlösers. Zur Feier des Geheimnisses ihres Glaubens entzünden sie zum Fest der Auferstehung die Osterkerze. Der Schöpfungsbericht der Genesis nimmt seinen Anfang mit der Scheidung von Tag und Nacht (Gen 1,3-5); das Evangelium feiert die Magie des Hellen poetisch: „Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ (Joh 1,5)

Ein stärkeres Symbol des Lebens, seines Werdens und Vergehens ist kaum vorstellbar. Die Kerze als das Maß der Zeit, die dem Menschen bleibt, ohne dass er um ihre exakte Dauer wüsste. Das Schauen einer Kerze beim gleichmäßigen Brennen und Leuchten stiftet Konzentration wie Besinnlichkeit, sie ist eine Brücke zum Reich der Seele. Die Hitze ihrer Flamme verstärkt den Geruch des goldgelben Wachses. Erlischt sie schließlich zuckend, nachdem sie ihren Brennstoff komplett verbraucht hat, gibt sie im Sterben eine züngelnde Rauchsäule ab. Der Duft der Kerze hängt Stunden später noch im Raum.