Machthaber

Das Vokabular des politischen Journalismus ist durchsetzt mit Metaphern, die einen Sachverhalt eher verschleiern denn erhellen. Das wird besonders deutlich am elementaren Begriff der Macht, ohne den Politik nicht zu fassen ist. Sie ist nach des Soziologen Max Webers berühmter Definition „die Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“. Dessen ungeachtet wird der Begriff der Macht in der politischen Kommunikation weitgehend vermieden resp. despektierlich eingesetzt.

So wird beispielsweise Kim Jong-un, der offiziell Vorsitzender des Komitees für Staatsangelegenheiten der Demokratischen Volksrepublik Nordkoreas ist, regelmäßig als der nordkoreanische „Machthaber“ bezeichnet. Diese scheinbare Tautologie – natürlich hat ein politischer Führer Macht, erst recht, wenn er wie Kim Jong-un auch Oberkommandierer der Streitkräfte seines Landes ist – kommt einer publizistischen Schmähung seines Handelns gleich: Der „Machthaber“, so der Subtext, missbraucht seine politische, ökonomische und militärische Stellung und gerät zum Synonym des Despoten, des Diktators oder des Oligarchen.

Niemand käme in einer politischen Analyse auf die Idee, die britische Premierministerin, den französischen Staatspräsidenten, den Vorsitzenden der Europäischen Zentralbank oder den EU-Kommissionspräsidenten als Machthaber zu titulieren; deren zweifelsfrei vorhandene und ausgeübte Macht ruhe auf der Legitimität des Amtes, ihrer institutionellen Kontrolle und den vertragsgemäßen Absichten im Rahmen einer strukturierten Wertegemeinschaft. Ganz so, als ließe sich dergestalt auf semantische Weise ein sozialer Konsens herstellen.

Unstrittig hat Politik mit dem Austragen von Konflikten zu tun, in welcher Staats- oder Regierungsform auch immer. Sie bleibt in den Worten des Systemtheoretikers Niklas Luhmanns ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium, „dessen Verwendung es ermöglicht, die Annahme von eher unwahrscheinlichen Verhaltenszumutungen durchzusetzen“. Journalisten sollten Fragen der Macht und ihrer Anwendung durch konkrete Personen stets redlich als solche benennen und nicht treuherzig so tun, als käme sie hierzulande nicht vor, nur weil im Diskurs lieber von Einfluss und Interessen anstelle von Herrschaft und Gewalt die Rede ist.