Sulzer

Im Leben des Robert Stettler geht alles seinen gewohnten Gang. Der allein lebende Mann, früher hätte man ihn „Junggeselle“ genannt, ist leitender Dekorateur des noblen Kaufhauses Quatre Saisons einer namentlich nicht benannten Schweizer Stadt (mutmaßlich Bern). Diesen und keinen anderen Beruf wollte Stettler von klein auf ausüben, seinen Arbeitgeber hat er sein Berufsleben nicht gewechselt, seine Inszenierungen der sieben Schaufenster zur Straßenfront in bester Lage tragen zu Renommee und Umsatz des Hauses erheblich bei. Sein Gespür für Licht und Raum bringt die präsentierten Waren optimal zur Geltung, lässt die Kundschaft staunen und kaufen. So gediegen erfolgreich könnte es bis zur Rente weiter gehen, an die Stettler mit Ende 50 schon öfter denkt.

Doch so ruhig unspektakulär bleibt es nicht im neuen Roman „Unhaltbare Zustände“ des Schweizer Schriftstellers Alain Claude Sulzer. Von einem Tag zum anderen ist mit Werner Bleicher ein neuer Dekorateur im Haus – kein Assistent, kein Kollege, vielmehr ein Rivale, in dem der Eigentümer des Warenhauses die Zukunft des Handels sieht. Der junge Bleicher wird eingestellt, ohne dass man Stettler auch nur davon in Kenntnis setzt – und prompt bekommt er den Auftrag, das besonders wichtige Weihnachtsgeschäft im Schaufenster zu orchestrieren. Stettler weiß nicht, wie er mit der unvermuteten Konkurrenz umgehen soll. Der Neue trägt die Haare länger, er schwärmt von Oskar Schlemmer, sieht in der Werbung ein Spektakel und ignoriert Stettler in allem, was er tut. Diesem bleibt nichts anderes, als auf das Scheitern seines Gegners zu hoffen.

Alain Claude Sulzer, Jahrgang 1953, hat ein weiteres Mal eine tragikomische Geschichte vorgelegt mit einem Einzelgänger im Zentrum, über den die Zeit hinweg zu gehen droht. Stettlers persönliche Turbulenzen werden gebrochen im gesellschaftlichen Sturm der Chiffre „1968“, die zeitverzögert auch in der provinziellen Schweiz ankommt. Die jungen Leute tragen Blue Jeans, sie demonstrieren für das Frauenwahlrecht (das tatsächlich erst 1971 in der Eidgenossenschaft eingeführt wird), selbst der Chef hat einen Pilzkopf wie die Beatles. Eines schönen Sonntagmorgens hängt die Fahne der kommunistischen Guerilla des Vietcong am Münsterturm, in Frankfurt/Main stecken die Vorläufer der RAF gar ein Warenhaus in Brand, als Fanal gegen den „Konsumterror“. Stabilität inmitten dieser Veränderungen gewährt Stettler einzig die Brieffreundschaft zu einer bewunderten Radiopianistin, die er jedoch nie treffen wird, selbst dann nicht, als sie in seiner Heimatstadt unvermutet ein Konzert gibt.

Wie in den anderen Romanen Sulzers auch, spielt die Musik in den „Unhaltbaren Zuständen“ eine wichtige Rolle. So reist Lotte Zerbst, die Pianistin, 1963 nach Berlin, um mit ihrem ehemaligen Lehrer (und Peiniger) das Eröffnungskonzert der neu erbauten Philharmonie zu erleben. Von der Architektur des Scharoun-Saals ist sie ebenso hingerissen wie von seiner Akustik (die mit Pistolenschüssen austariert wurde). Das örtliche Konzerthaus sagt eine Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch wegen des Einmarschs sowjetischer Truppen in Prag ab. Bei einer nächtlichen Expedition durch „Amüsierlokale“ ist Stettler entsetzt über den Beat, zu dem die jungen Leute einzeln tanzen, ohne seiner gewahr zu werden. Und von der verehrten Pianistin kennt er nur ihr Spiel und ihre Stimme, ein öffentlich zugängliches Foto gibt es offenbar nicht, da von ihr keine Schallplattenaufnahmen erhältlich sind. Formal ist der Roman wie ein Libretto komponiert, mit Prolog, mehreren Akten, retardierenden Momenten und der dramatischen Auflösung.

Das Leitmotiv der „Unhaltbaren Zustände“ ist das vergebliche Verhindernwollen des drohenden Wandels. Stettlers sozialer Konservatismus zeigt sich unter anderem darin, dass er nach dem Tod seiner Mutter die einst gemeinsame Wohnung nicht renoviert; seine gestalterische Ader im Umgang mit Kulissen bleibt einzig professionell. Dass er keine intime Beziehung hat, nimmt er ergeben hin. Dass er keine Freunde sein eigen nennt, verwundert ihn nicht weiter. Erst das Eindringen der Außenwelt in seine schützende Routine verunsichert ihn. Sein Lebenstraum, in Haltung und Würde zu verschwinden, wird zerstört, als das Ziel bereits in Sichtweite ist. Er weiß nicht, wie er sich gegen Bleicher, den Vertreter der Avantgarde, wehren soll; schleichend registriert er, dass er von seinen Kolleginnen und Kollegen gemieden wird, die mit der Zeit zu gehen bereit sind, während er zum Auslaufmodell sich gestempelt sieht.

Stettler verliert schließlich das ungleiche Duell gegen Bleicher, am Ende tritt er selbstzerstörerisch auf die Bühne, die „seine“ Schaufenster über die Jahrzehnte für ihn waren. Alain Claude Sulzer treibt diese persönliche Katastrophe mit einer antiquierten Sprache sachlich unbarmherzig voran, dabei eine tiefe Sympathie für seinen Antihelden hegend. In dieser Form ist Sulzer, der abwechselnd in Basel und Berlin lebt, ein heißer Kandidat für den Büchner-Preis (verdient hätte er ihn bereits für seinen „Perfekten Kellner“, für seine „Falsche Zeit“ oder für seine „Privatstunden“). Stettlers Desaster ist überzeitlich, die Verquickung mit 1968 demonstriert ein weiteres Mal, wie souverän sich der Autor in verschiedenen Epochen zu bewegen vermag und wie solide er die Umstände seiner Geschichten recherchiert und arrangiert. Am Ende bleibt das Streben nach Glück, dessen Verwirklichung nicht vom Einzelnen allein abhängt. Vor seiner Verzweiflung war Stettler absichtslos genügsam.

Match des Jahrhunderts

Mit Beginn des Kalten Krieges wird die Sowjetunion stärkste Nation des Schachs. Diese Dominanz drückt sich bei den WM-Titeln bei den Männern und Frauen ebenso aus wie bei den Goldmedaillen der Schacholympiaden, die die ϹБОРНАЯ ab 1948 im Abonnement gewinnt. Ihre erdrückende Überlegenheit in jenen Präprofijahren des Schachs verdankt sich der Förderung, die die sowjetische Führung ihren besten Spielerinnen und Spielern angedeihen lässt. Offiziell sind sie Staatsamateure, die einem erlernten Beruf nachgehen; faktisch genießen sie neben einem Stipendium, das es ihren erlaubt, sich vollends dem Schach zu widmen, ein Bündel an Privilegien.

Vor diesem Hintergrund erschien das Vorhaben, ein Match der UdSSR gegen den „Rest der Welt“ auszutragen, als sportliche Zirkusnummer: Wer zweifelte ernsthaft am Ausgang einer solchen Veranstaltung? Als das sogenannte „Match des Jahrhunderts“ Ende März 1970 in Belgrad begann, lagen die Prognosen zwischen 21:19 und 24:16 zugunsten der Sowjets. Der Weltschachbund FIDE und der jugoslawische Schachverband traten als Organisatoren auf, pro Auswahl wurden zehn Bretter aufgeboten, es wurde über vier Runden gespielt. Die Wettkampfbörse von 100.000,- USD (nach heutigem Wert etwa 650.000,- USD) stellte für seinerzeitige Verhältnisse eine Rekordsumme dar. Das blockfreie Jugoslawien, selbst mit Svetozar Gligoric, Milan Matulovic und Borislav Ivkov am Start, bot sich als neutraler Ausrichter an – Schach als diplomatische Mission im Dienst der Völkerverständigung.

Beide Seiten nahmen die Auseinandersetzung sehr ernst, besonders für die favorisierte Sowjetunion stand das Prestige des Primus auf dem Spiel. Sie nominierte neben dem aktuellen Weltmeister Boris Spasski gleich drei Ex-Champions, ihnen zur Seite standen samt und sonders WM-Kandidaten. Das Durchschnittsalter der Spieler (tatsächlich wurde keine Frau berücksichtigt), lag bei 42,5 Jahren; Paul Keres und Mikhail Botvinnik, die schon in den 1930er Jahren an Spitzenturnieren teilgenommen hatten, gingen auf die 60 zu. Beim im Mittel vier Jahre jüngeren „Rest der Welt“-Team gelang es dem Kapitän Max Euwe, gerade zum FIDE-Präsidenten gewählt, Bobby Fischer zur Teilnahme zu bewegen. Der US-Amerikaner hatte anderthalb Jahre zuvor seine letzte ernste Partie gespielt und nahm es klaglos hin, dass statt seiner der Däne Bent Larsen aufgrund seiner jüngsten Turniersiege das 1. Brett für sich reklamierte.

Tatsächlich saßen sich im Frühjahr 1970 die zehn Besten ihrer „Lager“ gegenüber, auch wenn es hier wie da individuelle Rivalitäten gab; Deutschland wurde durch den Dresdner Wolfgang Uhlmann repräsentiert. Die Anfang 1970 eingeführte Weltrangliste der Elo-Zahlen zur Dokumentation der relativen Stärke der Spieler wurde von Bobby Fischer mit weitem Vorsprung angeführt (2720), auf den nächsten zehn Plätzen folgten acht Sowjets (2670 bis 2620). Der Wettkampf verlief in einer Atmosphäre intensiver Spannung, am Ende behielt die UdSSR mit 20,5:19,5 denkbar knapp die Oberhand. An den oberen vier Brettern setzten sich die „Weltspieler“ in ihren Mini-Matches durch, im Mittelfeld und am Ende der Setzliste sorgten die Sowjets verlässlich für Punkte. Von den insgesamt gespielten 40 Partien wurden 19 entschieden, eine fantastische Quote.

Das vor 50 Jahren herausgegebene Turnierbuch wurde zum Jubiläum neu editiert, die Schachfans haben nun die Gelegenheit, die Partien aus Belgrad nachzuspielen und sich an den (englischen) Originalkommentaren der Kontrahenten zu erfreuen. Unvergessen dürfte die Partie am 1. Brett zwischen Bent Larsen und Boris Spasski sein, in der Weiß mit 1. b3 eröffnet, die nächsten Züge allzu sorglos abspult und von Schwarz nach kraftvollem Spiel nach gerade 17 Zügen zur Aufgabe gezwungen wird. Am 2. Brett zeigt sich Bobby Fischer gegen den hypersoliden Exweltmeister Tigran Petrosian auf der Höhe seines Könnens und gewinnt zwei strategische Perlen – und das nach einer schachlichen Pause von 18 Monaten. Am Brett 5 gelingt Efim Geller gegen den Lokalmatador Svetozar Gligoric eine Modellpartie in der Spanischen Eröffnung, die thematische Stärke des hellen Läufers demonstrierend. Und am Brett 10 zeigt Paul Keres gegen Borislav Ivkov, warum er noch immer zur Weltspitze zählt; mit lebhaftem Figurenspiel und makelloser Endspieltechnik steuert der Este drei Punkte zum Sieg der UdSSR bei.

Die Neuausgabe des „Matches des Jahrhunderts“ ist angereichert mit etlichen Schwarz/Weiß-Fotos, vor allem die Gruppenbilder vermitteln die Stimmung eines heiteren Klassentreffens. Auf die Analyse der Partien mit einer starken Software wurde verzichtet, einige nachgedruckte Artikel aus der jugoslawischen und sowjetischen Schachpresse erlauben ein Lugen hinter die Kulissen. Schachhistorisch markiert das „Match des Jahrhunderts“ eine Zäsur: Die alten Kämpen Mikhail Botvinnik, Paul Keres, Samuel Reshevsky und Miguel Najdorf gehen bald darauf in Rente (während Viktor Korchnoi 1978 und Vassily Smyslov 1983 noch nach der WM-Krone greifen werden); Bobby Fischer ist nach Jahren der Abstinenz wieder da, scheint zu allem entschlossen und gibt einen Vorgeschmack auf das, was bis 1972 beim ebenfalls „Match des Jahrhunderts“ genannten WM-Kampf in Reykjavik geschehen wird; die alles überstrahlende Figur des Schachs der 1970er und frühen 80er Jahre hingegen wird nicht erwähnt – der Siegeszug des 20 Jahre alten Anatoli Karpow beginnt erst mit seinem geteilten 1. Rang (mit Leonid Stein) beim Aljechin-Memorial 1971.

Heute wäre ein bedeutungsschweres Ereignis wie jenes des „Matches des Jahrhunderts“, wie es griffig genannt wurde, kaum mehr denkbar. Zum einen fehlt das eine dominante Land der Schachwelt; an die Stelle der sowjetischen Hegemonie ist ein Oligopol aus Russland, Armenien, der Ukraine und Georgien, zudem Indien, den USA, Frankreich und China getreten, wie ein Blick auf die Medaillenränge der Schacholympiaden zeigt. Des Weiteren ist die Dichte der (immer jünger werdenden) Spitzenspieler heute unvergleichlich höher als vor fünfzig Jahren; diese Einzelkämpfer messen sich regelmäßig bei Superturnieren und treffen als Legionäre in diversen nationalen Ligen aufeinander. Außerdem stellt sich die Frage der Finanzierung; die FIDE ist hinreichend damit beschäftigt, Sponsoren für die WM-Matches und die Olympiaden zu akquirieren, letztere sind längst die Familientreffen des globalen Schachs.

Nicht zuletzt ist das Zeitalter polarer Systemkonkurrenz passé. Das Quasi-Vorläufermatch von 1945, der Radiowettkampf zwischen den USA und der UdSSR (4,5:15,5), stand ganz im Zeichen des Wettbewerbs zwischen Kapitalismus und Kommunismus; die Neuauflage des „Matches des Jahrhunderts“ 1984 in London (21:19 für die UdSSR) fand nur mehr beiläufige Beachtung, die Perestroika warf bereits ihre Schatten voraus. Und nach Garri Kasparows Niederlage 1997 gegen Deep Blue ist auch der Kampf Hirn gegen Chip uninteressant geworden. Das Belgrader Match von 1970 traf definitiv einen Nerv: Die Partien im Haus der Gewerkschaften wurden von 2.000 Zuschauern live verfolgt, draußen auf dem Marx-Engels-Platz blickten zahllose Kartenlose auf ein großes Demonstrationsbrett. Heute verzücken die international agierenden Großmeister die Kiebitze, wenn sie sie online zu einer Partie Geschwätzblitz fordern.

ДЕНЬ ПОБЕДЫ

  Die Hauptfunktion des Gedächtnisses liegt also im Vergessen, im Verhindern der Selbstblockierung des Systems durch ein Gerinnen der Resultate früherer Beobachtungen.
Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft

Die Kumpanei der Diktatoren währte keine zwei Jahre. Am 23. August 1939 unterzeichneten die Außenminister der Sowjetunion und des III. Reiches, Vjatscheslav Molotov und Joachim Ribbentrop, in Moskau einen Nichtangriffspakt zwischen ihren Ländern. Eine Woche später überfiel Deutschland Polen und entfesselte damit den II. Weltkrieg, wiederum drei Wochen später marschierte die Rote Armee in Polen ein und annektierte dessen östlichen Teil und einige Monate später das Baltikum. Diese Aufteilung des nordöstlichen Europas zwischen Hitler und Stalin sah das Geheime Zusatzprotokoll des Nichtangriffspaktes vor, dessen Existenz die Sowjetunion bis zum Dezember 1989 leugnete. Am 22. Juni 1941 schließlich brach Nazideutschland den Pakt, mit dem „Unternehmen Barbarossa“ begann der Krieg gegen die UdSSR.

Am 8. Mai 1945 kapitulierte das III. Reich bedingungslos vor den Alliierten, den USA, Frankreich, Großbritannien und der Sowjetunion. Der II. Weltkrieg kostete rund 55 Millionen Menschen das Leben, über 25 Millionen davon auf dem Territorium der UdSSR. Der 8. Mai ist in Frankreich ein Feiertag; in Russland, dem Nachfolgestaat der UdSSR, ist es der 9. Mai, weil die Nachricht der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht erst tags darauf in Moskau bekannt wurde. In allen Ländern, die im II. Weltkrieg kämpften, ist dieses Datum Anlass zum Gedenken – in Russland (wie davor in der Sowjetunion) hat der ДЕНЬ ПОБЕДЫ, der Tag des Sieges, einen überragenden Platz im nationalen Gedächtnis.

Dieses Jahr, 75 Jahre nach Kriegsende, sollte der ДЕНЬ ПОБЕДЫ in Russland ganz besonders groß und aufwändig begangen werden. Doch die globale Corona-Pandemie machte auch dieser Veranstaltung einen Strich durch die Rechnung. So musste Russlands Präsident Vladimir Putin virusbedingt auf die traditionelle Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau verzichten, es blieb beim einsamen Niederlegen eines Rosenstraußes am Grabmal des Unbekannten Soldaten und einer kurzen Ansprache an die Kadetten, die wie eh und je dicht an dicht standen und als Antwort „Hurra! Hurra! Hurraaaa!“ schrien. Die lang geübte Flugshow gab es für die Bevölkerung in Zeiten der Quarantäne nur im Fernsehen zu verfolgen.

Putin knüpft beim Gedenken an das Ende des II. Weltkrieges an Posen, Gesten und Worte seines Vorbildes Josef Stalin an. Dieser appellierte, als er nach Tagen des Schweigens nach dem Überfall der Wehrmacht im Sommer 1941 an die Bevölkerung sich wandte, an die Liebe der Menschen zu Mütterchen Russland und rief zum Großen Vaterländischen Krieg gegen den Aggressor auf. Die heimische Erde sollte verteidigt werden – nicht das kommunistische Regime mit seinen Exzessen der Zwangskollektivierung, der Millionen Hungertoten, der Schauprozesse gegen altgediente Bolschewiki und der willkürlichen Verhaftung, Deportation und Ermordung Hunderttausender. Als die Rote Armee die deutschen Invasoren schließlich 1944 aus dem Land drängen konnte, zog der rote Diktator die Zügel der Repression fester an denn je, die von vielen Menschen erhoffte Freiheit ihres Lebens blieb ein quälender Traum.

Vladimir Putin ist ein Großmeister des selektiven Erinnerns und Gedenkens. So gilt ihm Josef Stalin, der die Sowjetunion 25 Jahre lang in Angst und Schrecken hielt, als der Generalissimus, der sein Land vor den Nazibarbaren gerettet habe. Dass es für diesen Sieg voller Opfer der militärischen und finanziellen Hilfe der Briten und vor allem der US-Amerikaner bedurfte – geschenkt. Dass er über Monate Hinweise seiner Geheimdienste auf einen bevorstehenden Überfall der Deutschen ignorierte – egal. Weiter sei es Josef Stalin zu danken, dass die junge UdSSR binnen einer Generation den Sprung vom rückständigen Agrarstaat zur Atommacht schaffte – wenn auch um den Preis der Versklavung von Millionen Menschen in den Minen des Gulag. Nicht zuletzt brach die Allianz gegen Hitler in der Stunde ihres Triumphes auseinander – kaum wehte das rote Banner mit Hammer und Sichel auf dem Reichstag in Berlin, brachten sich die Divisionen der USA und der UdSSR in Erwartung des Rüstungswettlaufs des Kalten Krieges in Stellung.

Vladimir Putin zeichnet ein eindimensionales Bild seines Vorgängers, dessen Titulierung als „Führer“ er übernommen hat. In seiner Lesart hat Josef Stalin die Sowjetunion gegen alle Feinde von innen und außen verteidigt und dem Imperium zu nie gesehener Größe verholfen. In der Zeit des Tauwetters unter Nikita Chruschtschow wurde am Personenkult um den Generalsekretär der KPdSU zwar Kritik geübt, diese wurde allerdings unter Leonid Breschnew wieder kassiert. Und nach der kurzen Archivrevolution während der Perestroika schlägt das historische Pendel nun wieder fort vom differenzierten Kenntlichmachen der Verbrechen unter Josef Stalin. Wer heute in Russland zu des Diktators Terror forscht und an einer regionalen Geschichte des Gulag arbeitet, sieht sich rasch dem Vorwurf ausgesetzt, ein „ausländischer Agent“ zu sein, und muss mit einer Anklage vor Gericht rechnen. Auch das Politbüro sah in den 1930er Jahren überall Spione, Diversanten, schädliche Elemente und Konterrevolutionäre.

Es ist ein gängiges Muster der Geschichte, dass autoritäre Potentaten außenpolitische und kriegerische Geschehnisse zur Legitimierung ihrer Macht nach innen nutzen. Putins Beliebtheit im Volk lässt nach 20 Jahren Herrschaft im Kreml spürbar nach; eine parlamentarische Opposition durfte sich im Russland des 21. Jahrhunderts nicht entwickeln, eine freie Presse hat es nie gegeben, die letzten Dissidenten wurden entweder ermordet oder ins Exil getrieben. Der Tag des Sieges mit seiner Demonstration militärischer Stärke kommt Putin im jährlichen Kalender wie gerufen, nach innen den gütig strengen Quasi-Zaren und nach außen den wieder erstarkten Imperator auf der Weltbühne zu geben. In seiner persönlichen Historie zieht er die Kontinuität von der Moskauer Rus über die Romanov-Dynastie und Josef Stalin in die Gegenwart – Russland bedürfe seiner eisernen wie hegenden Hand, um nach innen einig zu bleiben und nach außen gegen Feinde sich zu wappnen. Der ДЕНЬ ПОБЕДЫ schließt nahtlos an die Dauermobilisierung der kommunistischen Gesellschaft der 1930er Jahre an, als das Subjekt im Kollektiv verschwand.

Auch Putin kann die historischen Fakten wie etwa den Hitler/Stalin-Pakt nicht übergehen, aber er kann sie kreativ interpretieren. So erklärte er bar jeder Evidenz, Polen trage durch sein „aggressives Verhalten“ Ende der 1930er Jahre eine Mitschuld am Ausbruch des II. Weltkrieges, zudem hätten die baltischen Republiken 1940 um eine Aufnahme in die UdSSR „gebeten“. Und die Annexion der Krim 2014 beschied er mit dem Hinweis, die Halbinsel im Schwarzen Meer habe „immer schon“ zu Russland gehört. Frankreich und Großbritannien haben nach dem II. Weltkrieg ihre Kolonialreiche aufgelöst, an ihre Stelle traten die Frankophonie und das Commonwealth. Die Sowjetunion und nach ihr Russland taten nichts gegen die Überdehnung ihres bis zum Pazifik und zur zentralasiatischen Wüste messenden Reiches. Putin, der im Kollaps der UdSSR die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ sieht, denkt weiter in diesen imperialen Kategorien. Sein Großmachtanspruch, der sich in allerlei Drohgebärden gegenüber ehemaligen Sowjetrepubliken Luft macht, resultiert nicht zuletzt aus dem Ende der Nazidiktatur am 8. Mai 1945.

Je länger diese Ereignisse nun zurückliegen, desto leichter sind sie im Sinne des heutigen Regimes zu vereinnahmen und zu konstellieren. Je weiter weg der ДЕНЬ ПОБЕДЫ im Nebel der Geschichte liegt, desto besser lässt er sich emotional zuspitzen für die Sache der Gegenwart. Anders formuliert: Ein Land, das eine dringend erforderliche wirtschaftliche Transformation beharrlich vor sich her schiebt und dem es an politischer Legitimation zunehmend gebricht, dichtet sich eine Vergangenheit zurecht, deren untergegangene Sonne noch immer wärmt, auch wenn das Auge im Dunkel nur mehr Schemen auszumachen vermag. Wahr wird das, was der Sieger dazu erklärt. In diesem Sinn wird aus dem Generalissimus einfach eine kauzige Gestalt bei Anton Cechov; drei Generationen nach dem Ende des II. Weltkriegs ist der Tag des Sieges zum Mythos geronnen, den die noch lebenden Veteranen nur stützen. Die Verklärung im Gedenken daran steht Russland im Heute im Weg.

CV

Die Einladung per Mail erreichte sie über Umwege. Sascha hatte lange gezögert, zum Treffen der alten Jahrgangsstufe zu gehen. Anlass der Feier war der 35. Jahrestag ihres Abiturs. Die ehemaligen Mitschülerinnen und Mitschüler, zu denen sie längst jeden Kontakt verloren hatte, wieder zu sehen, wurde zur Prüfung der besonderen Art. Sie waren alt geworden, die Männer wiesen Glatzen und Bäuche auf, die Frauen getönte Haaransätze und behutsames Facelifting. Weiter trugen etliche Frauen durch eine Heirat einen anderen Hausnamen als noch zu Schulzeiten – Sascha aber sollte die Einzige sein, deren Vorname nicht mehr der war, der seinerzeit auf dem Abiturzeugnis stand. In der Oberstufe hatte sie sich mächtig ins Zeug gelegt, um nicht aus der Rolle zu fallen. Das sollte erst später in der Fremde geschehen.

In der Studentenkneipe in der Altstadt gehörte das Obergeschoss für den Abend der Abiturientia 1984. Falten, Brillen, Bärte und Make-up erschwerten es, die vage vertrauten Gesichter der Oberprima auf Anhieb wiederzuerkennen. Aber hinter dem Antlitz der Gegenwart schimmerte das Gesicht der jungen Erwachsenen durch, zum Ende ihrer Schulzeit und der Zukunft zugewandt. Und es gab einige, denen all die Jahre nichts anzuhaben schienen, wie Dorian Gray hielten sie die Zeit an und ließen dafür ihre Portraits altern. Sascha traf auf eine aufgeräumte Runde, in Stichworten erhielt sie die Informationen zu den bekannt klingenden Namen und fremd wirkenden Personen. Sie sprachen von Ehen, von Kindern, von Urlauben und von Berufen. Sie waren Ärztinnen geworden, Richter, Lehrerinnen, Professoren; sie hatten Unternehmen gegründet und leiteten Abteilungen in Ministerien. Ihre Lebensläufe konnten nicht anders als präsentabel genannt werden, sie hatten die Hoffnungen ihrer Jugend erfüllt.

Auch wenn sie auf eine solche Demütigung vorbereitet war, wurde Sascha von einem Gefühl der Scham getroffen, das ihr den Atem nahm. Sie hörte zufriedenen Menschen zu, die die Zeit nach dem Abitur mit aller Kraft zum Studium, zur Ausbildung, zum Netzwerken und zum Berufseinstieg hatten nutzen können. Obwohl sie nach der Schule am selben Punkt des Rennens starteten, schied sie bereits in der ersten Runde aus. Sie wurde nach dem Abitur und dem Zivildienst überwältigt von ihren bereits seit der Kindheit präsenten Gefühlen des Falschen und des Unpassenden; sie unterdrückte ihr geschlechtliches Empfinden mit Alkohol und Drogen und wechselte die Studienfächer im Semesterrhythmus. In der großen Stadt, in der sie mittlerweile lebte, kam sie nach homosexuellen Experimenten über eine Beratungsstelle sich selbst auf die Spur. Doch sollte es noch Jahre dauern, bis sie ihre Transidentität benennen und hinnehmen konnte.

Als sie sich mit Mitte 20 ärztliche Hilfe holte, stellte sich eine Stabilisierung ihres Zustands ein, endlich wurde sie arbeitsfähig. Während der ersten Östrogengaben und einer zögerlichen Verweiblichung ihres Körpers, ihrer Garderobe und ihres Habitus konnte sie sich auf ihr Studium der (mittlerweile) Politikwissenschaften konzentrieren und das Diplom bequem in der Regelstudienzeit erwerben. Dies wurde bereits auf ihren neuen Namen ausgestellt, den ihr das Amtsgericht nach längerem Verfahren zubilligte. Sie ließ ihre Papiere vom Führerschein über den Personalausweis bis zum Abiturzeugnis umschreiben, selbst in der Geburtsurkunde lautete der Geschlechtseintrag nun „weiblich“. Wie hoch der Preis ihres nachholenden Geschlechtserwerbs sein sollte, war ihr im Vollzug nicht bewusst.

Voller Euphorie ging sie davon aus, dass ihre seelische Identität ausreichend sei, auch von anderen Menschen als Frau anerkannt zu werden. Ihre Schwierigkeiten, nach dem Verlassen der schützenden Universität einen Job zu finden, belehrten sie eines Schlechteren. Ihr Curriculum Vitae (CV) wies blanke Stellen auf, die sich angesichts einer akademischen Ausbildung nicht erklären ließen. Während ihre Kolleginnen und Kollegen Auslandssemester absolviert hatten, war sie mit den gerichtlichen Auseinandersetzungen um ihre Vornamensänderung beschäftigt und wurde zu Verhören durch Psychologen genötigt. Wo ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen über Praktika Kontakte knüpften und zunehmend protegiert wurden, musste sie ein weiteres Mal Laufen und Sprechen lernen, wie nach einer schweren Erkrankung, die bleibende körperliche Behinderungen nach sich zog.

Sascha blickte mit einer Mischung aus Neid und Trauer auf ihre Mitschülerinnen und Mitschüler vom Gymnasium. Was hätte auch aus ihr werden können, wäre sie nicht durch das Schicksal ihrer Transidentität gelähmt worden. Sie sah sich in ihren Träumen Jura studieren oder Architektur. Den Numerus Clausus für diese Fächer hätte sie problemlos geschafft, ihre Leistungen in der Oberstufe waren überdurchschnittlich gut. Aber es fehlte ihr an Gesundheit, um sich ganz der beruflichen und familiären Entwicklung hinzugeben. Seltsamerweise war ihr in ihren Träumen das Geschlecht egal; ob nun als Anwältin oder als Anwalt, als Architektin oder als Architekt zu leben und zu arbeiten, spielte keine Rolle, solange nur die belastende Transidentität ihr nicht im Wege stand.

Mit einem solchen Bruch im Lebenslauf war an eine berufliche Karriere nicht zu denken. So hangelte sie sich vom Praktikum zum Aushilfsjob, von freier Mitarbeit zum befristeten Projekt. Lange Jahre lebte sie in prekären finanziellen Verhältnissen und litt unter Depressionen, war weit unter ihrer nominellen Qualifikation beschäftigt, während ihr die Jahre durch die Finger rannen. Als offen sichtliche Transfrau war sie stets das Schlusslicht bei Bewerbungen, immer waren andere jünger, weiter gereist, beruflich erfolgreicher, konkreter qualifiziert, besser empfohlen oder einfach weiblicher. Sie musste erst 50 Jahre alt werden, um zum ersten Mal im Leben einen gut bezahlten Job zu finden, als sie schon nicht mehr daran glaubte. Und jetzt erzählte ihr beim Abiturtreffen eine Mutter zweier Kinder, dass sie im kommenden Jahr mit Mitte 50 in Rente gehen werde.

Die Angehörigen ihrer Jahrgangsstufe wussten nicht, wie segensreich die Normalität war, in der sie leben durften. Sie hatten Familie, Kinder, angesehene Berufe, ein bürgerliches Leben in gesicherten Verhältnissen mit hohem sozialem und ökonomischem Kapital. Angesichts dieser Muster-CV spürte Sascha eine existentielle Einsamkeit, sie fiel aus allen professionellen und zwischenmenschlichen Kategorien. Die Frage nach einem Partner wurde ihr den ganzen Abend über nicht gestellt, als sei es ausgemacht, dass sie sowieso niemanden habe. In ihrem Alleinsein hatte sie sich im Alltag passabel eingerichtet, aber im Licht der familiären Triumphe ihrer Abiturientia konnte sie nicht umhin, sich als Außenseiterin zu fühlen. Sie war mit einem Aussatz gezeichnet, von denen die anderen nicht einmal wussten, dass es ihn gab. Diese orphan disease hatte keinerlei Wert, ihre Erfahrungen interessierten nicht.

Sascha haderte mit ihrem CV, ob nun bei Bewerbungen oder privater Biographiearbeit. Im Kreise ihrer alten Jahrgangsstufe quälte sie das süße Gift des Möglichen. Hätte sie ein schwules Coming-out gehabt, hätte sie sich in den 1980er Jahren womöglich mit HIV infiziert und wäre an Aids verstorben. Sascha blickte auf die schiere Zahl der Jahre und staunte, dass sie noch atmete. Die Statistik sagte ihr, dass sie schon zwei Drittel ihrer mutmaßlichen Lebenszeit hinter sich hatte. Der Rest wird nicht besser, doch ist sie es gewohnt zu kämpfen. Sie kann mit dem Rad nach Hause fahren, trotz ihrer schmerzenden Knie. Ihre Hände sind leidlich gesund, ihr Blutdruck und ihr Gewicht sind erfreulich niedrig, ihre Leber und ihre Nieren zeigen keinerlei Schädigung. Sie ist eine Überlebende, mehr ist für sie nicht drin. Traurig nur, dass ihr niemand zuhört.

Ostern

Zuerst blieben die Weihwasserbecken leer, jeder zweite Platz im Gestühl wurde freigehalten. Auf den Friedensgruß nach dem Vater Unser wurde verzichtet, ebenso auf die Mundkommunion und den Liedgesang. Bloß keine Weitergabe des Erregers über die Hände und über den Atem. Und als nächste Stufe das totale Verbot: Seit sechs Wochen dürfen in Deutschland keine katholischen Gottesdienste mehr gefeiert werden, zu groß ist nach Ansicht der politischen Entscheider die Gefahr der Ansteckung der Gläubigen im Kirchenraum, zumal viele von ihnen zur Risikogruppe der Generation 65 plus zählen. Ging die Privatisierung des Christentums während der Fastenzeit noch als besondere Prüfung durch das Coronavirus durch, entpuppte sie sich zu Ostern als Strafe. Dem Schmerz der Kreuzigung am Nullpunkt des Glaubens folgte kein Jubel der Auferstehung. Jesus schrie auf Golgatha: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen? (Mk 15,34) In Emmaus tönt das Echo: Meine Kirche, meine Kirche, warum ist Deine Tür verschlossen?

Baumärkte, Autowerkstätten und Tankstellen gelten als „systemrelevant“ und haben in Deutschland im Zuge der verschärften Kontaktsperren weiterhin geöffnet – Kirchen haben vor anderthalb Monaten ihren seelsorgerischen Betrieb eingestellt und improvisieren mit dem Internet. Und das Schlimmste ist: Die Bischöfe und mit ihnen die Gemeindepfarrer nehmen das Verbot der Glaubensfeiern klaglos hin. Wo bleibt da die viel beschworene Würde des geteilten Bekenntnisses? Es ist einigen wenigen Politikern und Journalisten (m/w/d) vorbehalten, daran zu erinnern, dass selbst in den gottlosen Großstädten die sonntägliche Abendmahlsfeier seelennotwendig ist und etlichen Menschen Geduld zum Aushalten der Bedrohung durch das Virus gibt beziehungsweise geben könnte. Man darf durchaus fragen, ob das grundgesetzlich garantierte Recht auf eine ungestörte Religionsausübung (Artikel 4, Absatz 2, GG) noch gewährleistet ist.

Wenn Isolation und Quarantäne durch Corona eines lehren, dann die Sehnsucht, sich mit anderen Menschen darüber auszutauschen, in einem heiligen Raum, bei einem traditionellen liturgischen Ritual, zum beruhigenden Klang der Orgel. Der Auftritt des verlorenen Franziskus im leeren Petersdom am Ostersonntag lieferte eines der deprimierendsten Bilder dieses Jahrhunderts. Während des Wütens der Pest im Mittelalter, während der Weltkriege, nach Erdbeben, Feuersbrünsten, Hungersnöten und Attentaten waren die Kirchen stets viel besuchte Orte der Begegnung, des Trostes, der Nähe, des Kraftschöpfens. Und heute wird die unbeholfene Digitalisierung der Messfeier als Heilmittel verkauft, die Gläubigen werden mit einer Inszenierung der Wandlung abgespeist. Kirchliche Trauungen und Taufen fallen aus, selbst Beerdigungen werden, wenn sie nicht auf unbestimmte Zeit verschoben werden, in einer Light-Version im engsten Kreise vollzogen.

Die Priester mögen die Menschen ihrer Gemeinden bitte für voll nehmen und das Übel beim Namen nennen: Das spirituelle Leben ist schwer beschädigt, es wird mutmaßlich noch lange dauern, bis es wieder heil wird. Um die Wunde des Virus zu schließen, braucht es mehr als Beschwichtigung, eine Perspektive auf Stabilität ist essentiell. Vor allem braucht es mehr Mut der Kirchenoberen, für die ungestörte Feier von Gottesdiensten einzutreten. Die Osterzeit reicht noch bis Pfingsten, liturgisch werden in diesen Wochen Begegnungen des Auferstandenen mit seinen Jüngern gefeiert, bis zur Himmelfahrt (Lk 24,50-53) und zur Ausgießung des Heiligen Geistes (Apg 2,1-13). Ostern als höchstes christliches Fest hat seinen Platz auch im säkularen Staat – dieser besteht nicht nur aus Steuerzahlern, Konsumenten und Gesetzestreuen (m/w/d), sondern auch aus Gläubigen. Die Rechte Letzterer möge er durch das umgehende Zulassen der Messfeiern wieder herstellen.

Volksfeind

  Von einigen KZs gibt es allerdings genügend Überreste, die es erlauben,
sich ein Bild zu machen. Das gilt nicht für Russland, wo nicht sosehr eine gezielte als eine natürliche Vernichtung vieler Lagerorte stattgefunden hat.

Renate Lachmann, Lager und Literatur

Der Große Terror in der Sowjetunion begann bereits 1934 mit dem Mord an Sergey Kirow. Der Leningrader Parteisekretär wurde unter nicht vollends geklärten Umständen von einem Einzeltäter erschossen. Der unumschränkt herrschende sowjetische Diktator Josef Stalin nahm das Attentat auf seinen Günstling zum Anlass, mit aller Härte gegen tatsächliche oder vermeintliche Oppositionelle vorzugehen. Eine beispiellose Welle der Denunziation und „Säuberung“ von Partei, Militär, Wissenschaft und Bürokratie nahm ihren Anfang, sie gipfelte im Jahr 1937 mit den berüchtigten Schauprozessen gegen altgediente Bolschewiken aus der Zeit der Oktoberrevolution. Sie wurden als „Volksfeinde“ angeklagt und der Sabotage, der Verschwörung, der Spionage und der Konterrevolution bezichtigt. Die alten Weggefährten Josef Stalins wurden erschossen, zahllose Kader wurden in die Arbeitslager nach Sibirien deportiert.

Jewgenia Ginsburg geriet wie ungezählte Andere in den Mahlstrom der Vernichtung. Sie wurde 1904 in eine jüdische Familie in Moskau geboren, ihre Eltern hatten eine Apotheke. Sie studierte Geschichte und Pädagogik, wurde Mitglied der KPdSU und lehrte an der Universität von Kasan. Im Jahr 1937 wurde sie angeklagt wegen „Terrorismus“ und zu zehn Jahren Einzelhaft verurteilt. Nach zwei Jahren im Gefängnis in Jaroslawl wurde sie 1939 an die Kolyma im äußersten Nordosten Sibiriens deportiert, wo sie bis 1947 in wechselnden „Besserungsarbeitslagern“ Knechtschaft leisten musste. Nach Verbüßung ihrer Lagerhaft und der anschließenden Verbannung kehrte sie nach Moskau zurück und wurde 1955 rehabilitiert. Sie arbeitete als Redakteurin und schrieb über ihre Erlebnisse, konnte diese aber in der Sowjetunion nicht veröffentlichen; ihre Texte zirkulierten im Samisdat. 1967 erschien der erste Teil ihrer Memoiren auf Russisch in Italien, daraufhin wurde sie in Dissidentenkreisen berühmt. Sie starb 1977 in Moskau, die Publikation des zweiten Teils ihrer Memoiren 1979 ebenfalls in Italien hat sie nicht mehr erlebt.

Josef Stalin war mit der Entmachtung seines Hauptrivalen Lew Trotzki seit 1928 faktisch der Alleinherrscher der UdSSR, die wichtigen Posten in Politbüro und Kommissariaten hatte er mit devoten Kumpanen besetzt, die einen grotesken Personenkult des Generalsekretärs inszenierten. Mit aller Gewalt des Fünfjahresplans peitschte Stalin die junge Sowjetunion auf den Weg vom rückständigen Agrarstaat zur Industrienation. Bei der Enteignung der Bauern und der Zwangskollektivierung in der Ukraine Anfang der 1930er Jahre nahm die Parteiführung den Hungertod („Holodomor“) von Millionen Menschen achselzuckend in Kauf. Parallel hierzu wurden Hundertausende Gefangene zur Arbeit auf pharaonenhaften Großbaustellen versklavt; sie mussten einen Kanal zwischen dem Weißen und dem Baltischen Meer ausheben, Eisenbahnschwellen verlegen und Straßen bauen. Zur selben Zeit begann die Ausbeutung der gewaltigen Goldvorkommen der sibirischen Kolyma.

All das wurde Jewgenia Ginsburg erst Jahrzehnte später klar. Als überzeugte Kommunistin leistete sie als Dozentin ihren Beitrag zum Aufbau einer, wie sie glaubte, klassenlosen Gesellschaft. Völlig unvorbereitet traf sie 1937 die Anklage wegen „Terrorismus“. Ihr wurde vorgeworfen, bei den „trotzkistischen“ Äußerungen eines Universitätskollegen nicht „wachsam“ genug gewesen zu sein und diese nicht gemeldet zu haben. Der Artikel 58 des sowjetischen Strafgesetzbuches definierte ein solches Verhalten als „konterrevolutionär“ und stempelte dergestalt die Angeklagten (und später Verurteilten) zu Volksfeinden. Die Prozesse jener Jahre waren eine juristische Farce, die Angeklagten hatten keinen anwaltlichen Beistand, „Geständnisse“ wurden auf der Basis von Folter erpresst. Die Gefängnisse waren überfüllt mit Intellektuellen, Funktionären, Ingenieuren und Journalisten zum einen, Arbeitern, Bauern, Landstreichern und Prostituierten zum anderen. In der Raserei der Jahre 1936/38 wurden Millionen Menschen völlig willkürlich verhaftet, Stalins Geheimpolizei witterte überall Verrat und Abweichlertum, die Zahl der Exekutierten respektive zur Zwangsarbeit Verurteilten stieg exponentiell an.

Über ihren Leidensweg in der kommunistischen Hölle (auf Deutsch unter den Titeln „Marschroute eines Lebens“ und „Gratwanderung“ publiziert) legt Jewgenia Ginsburg detailliert Zeugnis ab. Sie beschließt am Tag ihrer Verurteilung, das ihr Angetane im Gedächtnis aufzuheben und „später“ darüber zu schreiben – dieser Entschluss gibt ihr für die kommenden Jahre immer wieder Energie. Sie berichtet von ihrer Fassungslosigkeit bei der Verhaftung, den Prügeln während der Verhöre, ihrer Weigerung zu gestehen, der Enge, dem Gestank und dem Dreck der Gefängniszellen, dem Hoffen auf die Aufklärung eines „Missverständnisses“ bei gleichzeitiger Linientreue, der Partei und ihren „Beweisen“ über jede Nachvollziehbarkeit hinaus Glauben zu schenken. Sie beschreibt, wie sie sich durch Deklamieren kostbar gewordener geliebter Gedichte und Epen von Alexander Puschkin, Alexander Blok, Anna Achmatova und Boris Pasternak geistig am Leben hält. Mit dieser Nahrung kann sie Einsamkeit, Kälte, Beleidigungen und Schlafentzug überstehen. Als Angehörige der Intelligenzija ist sie es gewohnt, mit Worten und Gedanken umzugehen; in der Öde des Gefängnisses kann sie von diesem Vermögen zehren.

Doch gerade deswegen wird ihr die Deportation ins Lager an der Kolyma zur Erfüllung eines Alptraums. Nach einer wochenlangen Zugfahrt nach Wladiwostok, eingepfercht im Waggon mit siebzig anderen Frauen ohne Wasser und unter katastrophalen sanitären Bedingungen, wird sie halbverhungert und fiebernd nach Magadan verschifft, dem Einfallstor der Kolyma. Im Lager trifft sie auf Frauen, die als ordinäre Kriminelle verurteilt sind und in der Hierarchie über den „Volksfeinden“, den wegen politischer Vergehen Inkriminierten, stehen. Diese Kriminellen sind für Ginsburg keine menschlichen Wesen: Sie fluchen den ganzen Tag, schlagen einander und vor allem die Politischen, sie onanieren, urinieren und kopulieren öffentlich bar jeder Scham, sie stehlen, denunzieren und töten ohne Hemmung. Analphabetisch wie sie sind, pflegen sie einen instinktiven Hass auf alle Gebildeten, die sie nach Kräften schikanieren. Und unter ihnen ist Ginsburg in der Baracke zu leben verdammt.

Doch sie hat Glück, dass sie nicht zur Fron in die Goldminen geschickt wird; diese Arbeit macht aus den kräftigeren Männern binnen einer Saison ausgezehrte Wracks mit glänzenden Hungeraugen. Ginsburg muss einige Monate im Forst und im Steinbruch schuften, bekommt aber dank der Protektion eines Arztes eine leichtere Arbeit in der Kinderkrippe des Lagers und eine kleine Kammer zum Schlafen. So ist sie vor den Schlägen der Wachen sicher und muss nicht bei 50 Grad Frost in die Taiga. Diese begehrte Position, eigentlich nicht erreichbar für einen „Volksfeind“, lässt sie das Inferno des Lagers überleben. Als sie später als Arzthelferin arbeitet, sieht sie die halbtoten, ausgemergelten Sklaven mit ihren vor Skorbut blutigen Kiefern in ihren stinkenden Lumpen in die Ambulanz schwanken, um wenigstens einen Tag nicht wie Sisyphos zum Stein zu werden. Irreal hohe Arbeitsnormen und an deren Erfüllung gekoppelte kleine Essensrationen laugen die Verdammten im Rekordtempo aus, der Blick wird irre, die spitzen Knochen stoßen durch die graue Haut.

Verzweifelt registriert sie, dass die mörderische Zwangsarbeit ohne Maschinen, bei entsetzlich schlechter Verpflegung und der Witterung unangemessener Kleidung aus Menschen binnen Wochen geschlechtslose Gespenster macht, deren Siechtum und Sterben von der Lagerleitung hingenommen wird, ja intendiert ist – es kommen ja stetig neue Häftlinge nach, die Ressource Arbeitskraft vermehrt sich von selbst. Ihr selbst ist es wichtig, ihre weiblichen Rundungen durch das dauernde Hungern nicht vollends zu verlieren, ihr Büstenhalter avanciert ihr zum Signum ihrer Weiblichkeit. Als Frau ist sie in einer ambivalenten Situation: Sie ist zum einen kaum verhohlenen sexuellen Drohungen bis zur Vergewaltigung durch Häftlinge und Wachposten ausgesetzt, zum anderen kommt sie eher in den Genuss leichterer Arbeiten wie etwa auf einer Geflügelfarm, im Gewächshaus oder als Putzfrau.

Ginsburg ist absorbiert vom täglichen Überlebenskampf, die Reflexion ihrer Situation als Häftling und Volksfeind erfolgt schleppend. Wie viele andere auch sieht sie in ihrem Prozess einen Exzess Stalins, ohne an der Legitimität der Sowjetmacht zu zweifeln. Erst mit den Jahren reift in ihr die Ahnung, Opfer eines verbrecherischen Regimes zu sein, das keineswegs das kommunistische Paradies errichtet, sondern ein wahnhaftes Projekt der Unterjochung ganzer Völker unter Aufbietung offenen Sadismus verfolgt. Bis zum Ende sucht Ginsburg schizophren die Schuld bei ihrem individuellen Fehlverhalten und nicht im verkommenen Charakter der Staats- und Parteiführung: „Denn nicht nur der hat getötet, der zugeschlagen hat, sondern auch jene, die das Böse zugelassen haben, ganz gleich wodurch: durch das gedankenlose Wiederholen gefährlicher Theorien; das wortlose Heben der rechten Hand, das halbherzige Schreiben von Halbwahrheiten. Mea culpa … Und immer häufiger scheint mir, daß sogar achtzehn Jahre der Hölle auf Erden nicht ausreichen, diese Schuld zu sühnen.“

Mit Glück, List, Beharrlichkeit und Mut kann sie schließlich die Zeit im Lager überleben, ohne körperlich versehrt und seelisch zerstört zu werden. Sie findet an der Kolyma eine neue Liebe, einen inhaftierten deutschen Arzt, der ihr mit seinem katholischen Glauben imponiert und mit dem sie ein kleines Waisenmädchen adoptiert. Nach ihrer Freilassung kann sie gegen alle Widerstände erwirken, dass ihr jüngerer Sohn sich bei ihr in Magadan ansiedeln darf (der ältere verhungerte während der Leningrader Blockade). Doch die Absolution bekommt sie erst im Jahre 1955, als es während des Tauwetters unter Nikita Chruschtschow zu einer Welle an Rehabilitationen ehemaliger „Volksfeinde“ kommt: „Das Verfahren wird mangels eines strafbaren Tatbestandes eingestellt“, heißt es in der Urkunde, die ihre Verurteilung des Jahres 1937 aufhebt, sie erhält ihre Freiheit und ihre bürgerlichen Rechte zurück. Und als sie obendrein wieder in die Partei aufgenommen wird, gehört sie endlich wieder ganz „dazu“.

Jewgenia Ginsburgs Lageraufzeichnungen, aus dem Gedächtnis in den 1960er Jahren entstanden und trotz der Kompositionsanleihen des Romans der unbedingten „Wahrheit“ verpflichtet, stehen gleichrangig neben den einschlägigen Werken Fedor Dostoevskis, Anton Cechovs, Alexander Solschenizyns und Warlam Schalamows. Sie erzählt ihre Odyssee durch die Gefängnisse, Baracken und Fabriken des Todes mit einem präzisen Staunen darüber, zu welch grundlosen Grausamkeiten Menschen imstande sind. Neben schwer erträglichen Schilderungen des schrecklichen Lageralltags gelingen ihr lebhafte Skizzen der Schönheit der Natur an der Kolyma, die den Menschen nicht braucht; ihr Sinn für die Ästhetik des Sonnenaufgangs über dem Golf von Nagajewo stiftet ihr eine Atempause im monotonen Rhythmus der Erschöpfung. Ginsburg hat ihren Bericht verfasst, um an den Horror des „Archipel Gulag“ zu erinnern. Dieser war kein Unfall einer übereifrigen Führung, sondern konstitutives Element eines Staates, der dem einzelnen Leben seiner Untertanen keinerlei Wert beimaß.

Die Archivrevolution der Perestroika der späten 1980er Jahre hat die subjektiven Befunde von Ginsburg und anderen weitgehend bestätigt – allerdings konnte sie nicht verhindern, dass der Gulag im Gedächtnis des heutigen Russland verblasst, während der Große Vaterländische Krieg und mit ihm Josef Stalin Gegenstände aktiver Ikonographie geworden sind. Die Verbrechen des Gulag sind in der UdSSR nie Gegenstand einer juristischen Aufarbeitung geworden; kein Minister, kein Kommandant, kein Tschekist und kein Wachmann mussten sich je vor Gericht für ihre Befehle und Taten verantworten. Die Minen, Schienen, Zelte und Türme der Kolyma sind von der Natur zerrieben, die steinerne „Maske der Trauer“ wacht über Magadan. Ihre Leiden in Sibirien, die ihr die schönsten Jahre weiblicher Lebensblüte gestohlen haben, konnte Jewgenia Ginsburg nicht vergessen. Doch sie ist anlässlich eines Gespräches mit jungen Leuten in einem Moskauer Café über ihre Verbannung gerührt darüber, „daß nicht alle, bei weitem nicht alle, der großen Lüge geglaubt haben, daß in vielen Herzen, besonders den jungen, heimlich das Mitgefühl für die schuldlos Mißhandelten wohnte“.

Platz

Wenn Kerstin dieser Tage mit dem Rad ins Büro fährt, ist vieles anders. Ihr kommt es beim Fahren so vor, als seien die Straßen breiter, als habe sich die Stadt surreal ausgedehnt. Es sind die nur noch wenigen Autos und Menschen auf den Straßen, die diesen Eindruck erzeugen. Jetzt, wo im Zuge der Corona-Krise die öffentliche Mobilität erheblich eingeschränkt ist, wird so schlagend deutlich, wie sehr im bisherigen Alltag Stadt und Land im blechernen Griff der Autos sind.

Wenn sie morgens das Haus verlässt, vernimmt sie kein Dauerdröhnen der Motoren von der Chaussee wie sonst. Sie hört vielmehr die Vögel singend den Frühling begrüßen und atmet dieselbereinigte Aprilluft. Auf den Radwegen spürt sie über die straff gepumpten Reifen jede Rille im Pflaster, jetzt haben ihre Sinne Gelegenheit, intuitiv auf solche Details zu achten. Im Stadtverkehr ist ihre ganze Aufmerksamkeit üblicherweise von den rollenden Blechwannen absorbiert, die den öffentlichen Raum zu ihrem Terrain erklärt haben. In der Corona-Krise liegt es nahe, den urbanen Platz als öffentliches Gut neu zu denken und zu verteilen.

Der „Platz“ wurzelt etymologisch im griechischen plateia, dem breiten Weg, der freien öffentlichen Fläche in der Stadt. Zur modernen Stadt gehört identitär der Platz, meist in der Mitte, als nicht bebauter Raum, als Ort der Begegnung und des Verweilens sowie als Knotenpunkt des Verkehrs. Um den Krasnaya Ploshchad, die Place de la République, den Trafalgar Square und den Petersplatz gruppieren sich historisch gewachsen ikonische Gebäude des Handels, der Macht, der Bühne und der Anbetung. In der autogerechten Stadt der Nachkriegszeit verkommt der einst belebte Platz zur Straßenkreuzung, auf der Autos sich selbst im Stau stehen.

Die ungleiche Verteilung des Platzes in deutschen Städten wird beim aktuellen Gebot des Abstandhaltens deutlich. Fußgänger tun sich angesichts der Breite des Trottoirs schwer, die geforderten 1,5 m Distanz zueinander zu halten, die Radwege sind spätestens beim Ampelstopp an der Kreuzung ebenfalls Orte der Ballung der Individuen. Einzig im privaten Blechkäfig ist man in Gesellschaft nur der eigenen Mikroben und beansprucht dabei überproportional viel Fläche für sich allein. Was zu normalen Zeiten bei immer größer und schwerer werdenden PKW schon asozial ist, wird im Ausnahmezustand potentiell lebensbedrohlich, wenn sich Menschen kaum noch ausweichen können. Wann, wenn nicht jetzt, ist es hohe Zeit für eine Neuverteilung des öffentlichen Raumes?

Corona wirkt in diesem Zusammenhang nicht wie eine Zündkerze, sondern eher wie das nächsthöhere Ritzel der Transformation der Metropolen. Stadtplaner (m/w/d) in Europa und Nordamerika haben schon seit der Milleniumswende damit begonnen, die autoerstickten Innenstädte zu entlasten. Der Seine-Quai in Paris gehört wieder den Bouquinisten, der Times Square in New York den Kaffeetrinkern, der Triumfalnaya Ploshchad in Moskau spielenden Kindern, die Nørre Voldgade in Kopenhagen den Fahrrädern und Passanten. Vorab geäußerte Bedenken, derlei autoverkehrsberuhigende Maßnahmen führten zur Verödung der City, haben sich nicht bestätigt – im Gegenteil, dergestalt werden die Herzen der Städte zu Orten für Menschen (Jan Gehl).

Der Platz, den ein Mensch in der Stadt zur Verfügung hat, bemisst sich nicht nur an der Größe seiner Wohnung oder dem Zuschnitt seines Arbeitsplatzes, er zeigt sich ebenso im Ausmaß kollektiver Flächen für die Erholung, die Kultur, den Konsum und die Mobilität. Dass dicht bebaute und versiegelte Städte ein ungesundes Mikroklima erzeugen, wird heute in der Stadtplanung nicht länger bestritten. Breite Straßen und Stadtbäume im Verein mit großen Plätzen sorgen für den unverzichtbaren Luftaustausch in der Stadt, dem Lebensraum für immer mehr Menschen. Die einseitige Priorisierung des Autoverkehrs in Deutschland ist vor diesem Hintergrund überholt; an ihre Stelle muss die Umwidmung von Fahrspuren und Parkplätzen zu Radwegen, Bürgersteigen und Grünstreifen treten, wie es in Dänemark, Finnland, den Niederlanden und der Schweiz schon Usus ist.

Kerstin biegt von der Straße in den Park, der mitten im Stadtzentrum auf ihrem Arbeitsweg liegt. Sie hört das Knirschen der Pneus auf geschotterten Wegen, die Zweige der Bäume sind gescheckt von den Knospen, die beim nächsten warmen Tag aufplatzen werden. Die Sonne, in die Kerstin nun blickt, steht schon beträchtlich hoch am Himmel, noch fehlt ihr die wärmende Kraft. Neben ihr trainieren Läufer (m/w/d) für den nächsten Marathon, permanent kreuzen etliche andere Radfahrer ihren Weg. So fühlt es sich an, wenn die Avantgarde auf zwei Rädern die Verkehrswende vorantreibt. Als Angehörige einer systemrelevanten Branche dürfen Fahrradläden weiterhin geöffnet bleiben.

Der Weg im Sattel ist eine Zeitreise: So sah es also in den Städten aus, bevor die automobile Katastrophe über sie hinein brach. Radfahren avanciert derzeit zur Meditation am Lenker und im Wind, die Hyperaufmerksamkeit angesichts abbiegender LKW, aufgestoßener Türen und telefonierender PKW-Fahrer weicht der Lässigkeit des Cruising. Ein Hauch von Giro d‘Italia liegt in der Luft beim Sprint auf der Allee, wo außer imaginierten Begleitfahrzeugen kaum jemand fährt. Der Giro ist in der Realität der Krise verschoben, jetzt wird es Zeit für die menschengerechte Umgestaltung der Städte. Das Erlebnis des freien Platzes sollte ihre Bewohner so beflügeln, dass sie es nicht länger missen mögen.

Triage

Dass die globale Corona-Krise den Beginn einer neuen Zeitrechnung markiert, lässt sich an einem Wechsel des Leitvokabulars ablesen. In der öffentlichen Kommunikation dominieren nicht länger Fachbegriffe aus dem ökonomischen oder dem politischen Diskurs, vielmehr solche aus dem wissenschaftlichen, genauer dem medizinisch-klinischen Kontext. So steht als Schreckgespenst hinter den weitreichenden Maßnahmen der Exekutive zur Einschränkung der Mobilität die „Triage“, die es vom Schlachtfeld in die Gegenwart geschafft hat und keine reine Metapher mehr ist. Ebenso wenig wie das Virus, das nicht länger mehr den Rechner bedroht, sondern den Organismus.

Die Triage (aus dem Französischen für das Sortieren, die Auslese) meint allgemein die Erstbegutachtung von Patienten mit der Zuordnung in prioritätsorientierte Gruppen bei erforderlicher Rationierung der medizinischen Versorgung, wie der Pschyrembel informiert. Die Triage kommt bevorzugt im Rettungsdienst, in der Katastrophenmedizin und natürlich im Krieg zum Einsatz, wenn eine Diskrepanz zwischen verfügbaren und erforderlichen Kapazitäten vorliegt, also nicht allen Patienten (m/w/d) gleichermaßen geholfen werden kann. In einem solchen Fall werden jene Patienten zuerst behandelt, deren Zustand sich durch die Therapie mutmaßlich verbessert.

Die Gefahr des Corona-Virus für das Individuum ist von jener für das Kollektiv nicht zu trennen: Wenn mehr Menschen intensivmedizinisch behandelt werden müssen, als entsprechende Apparate, Betten, Schutzausrüstungen und Pflegekräfte zur Verfügung stehen, wird die jeweilige Klinik um eine Auswahl nicht umhinkommen. Ein solcher Rationalisierungszwang tritt dann ein, wenn sich das Virus exponentiell verbreitet und die Zahl der Schwerkranken sprunghaft ansteigt. Deswegen zielen die nationalen politischen Maßnahmen wie das Schließen von Schulen und Kindergärten, von Bibliotheken und Theatern, von Restaurants und Kneipen, von Gotteshäusern und Landesgrenzen auf eine Verlangsamung der Verbreitung des Virus. In Italien kamen diese Regelungen zu spät, in der Folge mussten Mediziner (m/w/d) mangels Möglichkeiten Patienten sterben lassen.

Es scheint so zu sein, dass weite Teile der Bevölkerung in Deutschland noch immer nicht verstanden haben, wie ernst die Situation für die ganze Gesellschaft ist. Das pandemisch, also über Kontinente hinweg sich verteilende Virus bedroht das Funktionieren des Gesundheitssystems als Ganzes, weil es schlicht auf einen Schlag zu viele Infizierte gibt, deren Behandlung triagiert werden muss (vom medizinischen Personal, das sich keineswegs selbst anstecken darf). Besonders alte Menschen, solche mit Vorerkrankungen der Atemwege und jene mit geschwächtem Immunsystem zählen zu den Risikogruppen, deren Schutz zuvörderst betrieben werden muss. Das Beschränken sozialer Kontakte auf ein Minimum ist hier infektionspolitisch geboten – was gerade junge Leute nicht davon abhält, weiterhin sorglos Partys zu feiern.

Dass bereits Erkrankte und solche mit Kontakten zu Infizierten in Quarantäne gesteckt werden, bremst die Verbreitung des Erregers, stoppt sie aber nicht. Die Quarantäne (vom Französischen quarante, bezogen auf die traditionellen vierzig Tage, die seinerzeit ein Schiff mit Infizierten außerhalb des Hafens liegen musste, bevor es anlanden durfte) war und ist das infektionspolitische Gebot bei hoch ansteckenden und potenziell tödlich verlaufenden Erkrankungen wie der Pest, Ebola, der Tuberkulose und eben Corona. In der Absonderung der Infizierten liegt das Durchtennen der Kette der Weitergabe des Keimes. Auf den Isolierstationen einer Klinik werden die Erkrankten soweit möglich versorgt, in Häusern oder Wohnungen werden Verdachtsfälle beobachtet.

Solange es weder Impfstoffe noch heilende Medikamente gibt, sind die strenge Quarantäne und die Reduzierung sozialer Kontakte die Mittel der Wahl, um eine offene Triage zu vermeiden. An die Vernunft der Bevölkerung zu appellieren führt nicht weit, wie gerade in Deutschland zu beobachten ist. In der als massiven Eingriff in die persönliche Freiheit erlebten Krise brechen soziale Hemmungen erstaunlich schnell weg, Hamsterkäufe und Diebstähle von Desinfektionsmitteln sind erste Vorboten einer kollabierenden öffentlichen Ordnung. Offenbar entstellt sich der Mensch im Ausnahmezustand zur Kenntlichkeit. Der von der Regierung getätigte Aufruf zur Solidarität zeigt gerade, dass sie nicht zur Grundausstattung gesellschaftlichen Miteinanders zählt. Die Drohung der Rationierung von Lebensmitteln, Strom, Benzin und medizinischen Leistungen ist geeignet, menschliche Aggressivität situativ ausbrechen zu lassen.

Von Immunität im medizinischen Sinn wird gesprochen, wenn der Organismus unempfänglich ist für Infektionen mit pathogenen Mikroorganismen. Ein gesunder Mensch wird mit dem Corona-Virus ohne große Probleme fertig, nach mildem Krankheitsverlauf hat er Immunität gegen eben dieses Virus erworben. Da Corona aber gerade auf die Risikopatienten destruktiv bis letal wirkt, kann die Lösung nicht in provozierter Infektion samt Immunisierung der Herde liegen – sondern nur in der Verlangsamung seiner Verbreitung, um alle heutigen und künftigen Erkrankten nacheinander behandeln zu können. Wer das nicht versteht und sich fahrlässig verhält, führt eine Triage herbei, die niemand will. Anscheinend lässt sie sich nur mit staatlichem Zwang vermeiden.

2024

Als Wladimir Putin, 1952 in Leningrad geboren, im Jahr 1999 von Boris Jelzin zum Ministerpräsidenten Russlands ernannt wurde, war er kaum einem politischen Beobachter (m/w/d) bekannt. Nach seinem Jurastudium wirkte der nüchterne Bürokrat für einige Jahre als Agent des sowjetischen Auslandsgeheimdienstes KGB in Dresden, nach der Epochenwende 1989/91 kehrte er nach Petersburg zurück und arbeitete in der dortigen Stadtverwaltung für den frei gewählten Bürgermeister Anatoli Sobtschak. 1998 stieg er zum Leiter des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB auf. Der schwer alkoholkranke Präsident Boris Jelzin empfahl in seiner Neujahrsansprache 2000 Wladimir Putin als seinen Nachfolger, drei Monate später wurde dieser dann gewählt.

Zwanzig Jahre später ist Wladimir Putin nach wie vor im Amt, allen verfassungsrechtlichen Schranken und wachsendem Unmut in der Bevölkerung zum Trotz. Die russische Verfassung von 1993 stattet, ähnlich wie in Frankreich, den Präsidenten mit monarchischen Vollmachten aus. Das vom Volk direkt gewählte Staatsoberhaupt ist Oberbefehlshaber der Streitkräfte, legt die Hauptrichtung der Innen- wie der Außenpolitik fest und ernennt mit Zustimmung der Duma (dem Unterhaus des Parlamentes) den Ministerpräsidenten. Die Regierung ist nicht dem Parlament, sondern dem Präsidenten gegenüber verantwortlich; dieser hat ein Vetorecht gegenüber Gesetzesentwürfen und kann selbstständig Dekrete mit Gesetzeskraft erlassen. Die Amtszeit des Präsidenten beträgt vier Jahre, eine einmalige konsekutive Wiederwahl ist zulässig.

Soweit die Theorie. Zum Ende seiner zweiten Legislatur 2008 wechselte Wladimir Putin ins Amt des Ministerpräsidenten, der bisherige Regierungschef Dmitri Medwedjew rochierte ins Präsidentenamt. Putin blieb als Chef der Exekutive der eigentliche Herrscher Russlands und nahm anstelle des nominellen Statthalters auch die wichtigen repräsentativen Aufgaben wahr. 2012 ließ Putin sich erneut zum Präsidenten küren, mit einer zwischenzeitlich auf sechs Jahre verlängerten Amtszeit. Als er 2018 ein weiteres Mal im Amt bestätigt wurde, machte das Wort vom „Problem 2024“ die Runde: Was passiert, wenn Putin zum Ende seiner dann vierten Amtszeit im Jahr 2024 den Buchstaben der Verfassung gemäß den Kreml verlassen muss?

In dieser Woche hat das russische Parlament in Moskau zu einer dreisten Klärung dieses Sachverhaltes gefunden: Die russische Verfassung soll in mehreren Punkten reformiert werden, so wird es erstmals einen Gottesbezug in der Präambel geben, auch ein Mindestlohn soll verankert werden. En passant sollen die bisherigen Amtszeiten des Präsidenten auf Vorschlag der Duma „genullt“ werden – Putin kann, woran er keinen Zweifel lässt, sich 2024 um das höchste Staatsamt bewerben, als hätte er es niemals innegehabt. Spielt seine Gesundheit mit, könnte er bis ins Jahr 2036 die russische Autorität bleiben, er wäre dann 84 Jahre alt. Nach der Ausformulierung der reformierten Verfassung durch die Duma muss das Volk noch zustimmen, was in Russlands erstickter Demokratie als Formsache gilt.

Diese Verfassungsfarce macht einmal mehr deutlich, dass Russland nur auf dem Papier eine Präsidialdemokratie ist, faktisch aber eine Präsidialdiktatur (Manfred Hildermeier). Die formal unabhängige Justiz wird seit den 2000er Jahren politisch missbraucht im Kampf gegen Dissidenten, die staatlich kontrollierten Fernsehsender und Zeitungen leisten lediglich Hofberichterstattung, oppositionelle Parteien werden in ihrer Arbeit und im Wahlkampf massiv behindert (bis hin zur Exilierung und Ermordung ihrer Vorsitzenden), zivilgesellschaftliche Akteure (m/w/d) werden als „ausländische Agenten“ diffamiert. Gelegentliche Lockerungen der polizeilichen Willkür gegen Kritiker verstärken nur das Gefühl der Unberechenbarkeit des öffentlichen Lebens.

Dabei hatte sich Wladimir Putin in seinen ersten Jahren im Kreml große Popularität im Volk erworben. Er griff mit harter Hand in der abtrünnigen Teilrepublik Tschetschenien durch und legte die machtgierigen Oligarchen, die zu Jelzins Zeiten großen Einfluss auf die Regierungspolitik ausübten, an die Kette. Putin profitierte im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts von einem Fallen des Rubelkurses und einem Dauerhoch des weltweiten Ölpreises. Es gelang ihm, nach der Bonanza der 1990er Jahre das postsowjetische Russland wirtschaftlich zu stabilisieren und die grassierende Kriminalität zu senken. Allerdings verpasste er eine grundlegende Transformation der russischen Ökonomie, die bis heute einseitig auf den Verkauf von Öl und Gas ausgerichtet ist; in der digitalen Industrie spielt Russland mit seiner stolzen Ingenieurstradition global keine Rolle mehr, ebenso wenig in der Pharmazie, der Chemie oder der Mobilität.

Einen demokratischen Wettbewerb unter Parteien haben Wladimir Putin und sein Zirkel nie zugelassen, Wahlen für höchste Ämter und Mandate verkommen angesichts der massiven Propaganda zu Akklamationen. Putin bedient sich ungeniert der staatlichen Strukturen zur Durchsetzung seiner politischen und finanziellen Interessen und stattet seine Gefolgsleute mit einflussreichen Posten aus. Der Geheimdienst, die Polizei und das Militär zeigen sich bis heute loyal bis devot; in einer zensierten medialen Öffentlichkeit kommt Kritik am Staatschef nicht vor. Kriege mit russischer Beteiligung im Kaukasus, in der Ukraine und im Nahen Osten lenken zudem von innenpolitischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten ab. Putin trat nach dem Vorschlag zur Annullierung seiner Jahrzehnte an der Spitze des Staates ans Rednerpult der Duma und führte gönnerhaft aus, dass das russische Volk noch nicht soweit sei, politische Macht losgelöst von (s)einer Person auszuüben.

Mit diesem imperialen Gebaren aktualisiert Putin eine Aussage seines Vorgängers Boris Jelzin, nach der Russland an Zaren und Führer gewöhnt sei. Damit verkennt er ein zentrales Element einer pluralistischen Demokratie, nach dem politische Macht stets zeitlich begrenzt verliehen wird und Amt sowie Person immer auseinanderzuhalten sind. Putin hingegen identifiziert sich mit dem Amt des Präsidenten der Russischen Föderation, ganz so, wie es sein Vorbild Josef Stalin mit der Sowjetunion und der KPdSU getan hat. Kein Wunder, dass Putin den offiziellen Titel ВОЖДЬ (Führer) für sich reklamiert – auch das ein Erbe Josef Stalins, den er gegebenenfalls nach Jahren an der Spitze des Regimes überrunden wird. Dem roten Diktator, der die UdSSR ein Vierteljahrhundert in Angst und Terror hielt, hätte die Lösung des „Problems 2024“ sicherlich gefallen.

Jekaterinburg

Das Coronavirus hat nun auch die Schachwelt erreicht. Teimur Radjabov, einer von acht qualifizierten Teilnehmern des Kandidatenturniers in Jekaterinburg, hat die aus seiner Sicht unzureichende Strategie des Weltschachbundes FIDE hinsichtlich des Gesundheitsmanagements kritisiert und eine Verschiebung des Turniers angeregt. Dies lehnten die FIDE und der Russische Schachband (RSV) unter Hinweis auf die bereits erfolgten umfangreichen Organisationsmaßnahmen ab. Der Aseri sagte seine Teilnahme daraufhin ab und wurde schon durch den Franzosen Maxime Vachier-Lagrave ersetzt.

Das Kandidatenturnier in Jekaterinburg soll den nächsten Herausforderer des Schachweltmeisters Magnus Carlsen ermitteln. Ab dem 17. März (gegebenenfalls Aktualisierungsvorbehalt) treten Fabiano Caruana, Ding Liren, Wang Hao, Jan Nepomniachtchi, Alexander Grischuk, Kirill Alekseenko, Anish Giri und eben Maxime Vachier-Lagrave doppelrundig gegeneinander an; am 4. April wird der Sieger feststehen, der wahrscheinlich im Dezember dieses Jahres das Match um den WM-Titel spielen wird. Das wahrlich globale Teilnehmerfeld setzt sich zusammen aus drei Russen, zwei Chinesen, einem US-Amerikaner, einem Niederländer und einem Franzosen.

Jekaterinburg (benannt nach der Zarin Katharina I., zu Sowjetzeiten Sverdlovsk) ist die viertgrößte Stadt Russlands und liegt am Osthang des Urals an der Grenze zwischen dem europäischen und dem asiatischen Teil der Föderation. Hier wurden der frühere russische Präsident Boris Jelzin und die ehemalige Schachweltmeisterin Aleksandra Kosteniuk geboren, die Bolschewiki erschossen hier 1918 die Familie des Zaren Nikolaus II. Spielort ist das Hyatt Regency, wo die Spieler und ihre Stäbe auch untergebracht werden. Als Favoriten auf den Turniersieg werden immer wieder Fabiano Caruana und Ding Liren genannt, beide notieren stabil über 2800 Elopunkten und spielen ausgesprochen solide und energisch zugleich. Alexander Grischuk hat sicher das Zeug zum Überraschungscoup, die Chancen Maxime Vachier-Lagraves sind ob seines kurzfristigen Einspringens und damit fehlender Vorbereitung schwer zu beziffern.

Fraglich bleibt allerdings, wie die Organisatoren der diffusen Bedrohung durch das pandemisch sich verbreitende Coronavirus begegnen wollen. Die offenen Turniere in Singapur, Dubai, Bangkok und Reykjavik wurden in den letzten Tagen und Wochen bereits abgesagt; in Deutschland wurden jüngst Großveranstaltungen wie die Internationale Tourismus-Börse in Berlin oder die Leipziger Buchmesse ersatzlos gestrichen. Zwar warnt das Auswärtige Amt im Zusammenhang mit Corona noch nicht vor Reisen nach Russland, allerdings verlangen die russischen Behörden mittlerweile von ausländischen Einreisenden mit dem Ziel Moskau eine vorherige zweiwöchige Quarantäne in der eigenen Wohnung (wie auch immer diese nachgewiesen werden soll).

Angesichts der potentiell weltweiten Verbreitung des Virus (vom lateinischen virus: Schleim, Gift) über alle politischen und nationalen Grenzen hinweg durchaus nachvollziehbare Schritte. Der Chinese Ding Liren hat sich mit seinem Tross freiwillig vor Turnierbeginn in eine 14 Tage umfassende Isolierung in Jekaterinburg begeben, sein Landsmann Wang Hao hingegen reist aus Japan zum Turnier an. Die FIDE argumentiert, ein Turnier mit acht Teilnehmern lasse sich besser kontrollieren als eines mit mehreren Hundert Spielern (m/w/d). Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit, da auch unter den acht Kandidaten und deren Sekundanten ein noch unerkannter Virusträger sein kann – kein Wunder angesichts des Schachzirkus, dessen mobile Protagonisten das ganze Jahr über von Turnier zu Turnier reisen, genauer fliegen.

Corona erinnert die digitalisierte Welt daran, wie stark das menschliche Leben weiterhin von Mikroorganismen bestimmt ist, die sich an staatliche wie kontinentale Grenzen nicht halten und ihren Wirt verletzen oder auch zersetzen können. In China, wo das Virus erstmals nachgewiesen wurde, verläuft die Infektion bei vier von fünf Patienten milde, erste Meldungen über Genesungen machen die Runde. Schwere Verläufe setzen vor allem Kindern, Schwangeren, Alten und Vorgeschwächten zu, im schlimmsten Fall können sie an Atemwegserkrankungen sterben; ein Impfstoff ist nicht in Sicht. Angesichts der sehr schnellen Verbreitung über Tröpfchen wird seitens der Gesundheitsämter an die individuelle Handhygiene appelliert, kollektiv greifen die Behörden mitunter zur Sperrung ganzer Provinzen, wie jetzt in Norditalien. Weltumspannende Lieferketten sind durchtrennt, ganze Branchen wie die Logistik laufen leer.

In jedem vollgestopften U-Bahn-Wagen reisen ungezählte Viren mit, die meisten stellen für das menschliche Immunsystem keine Überforderung dar. Doch zum Wesen der Viren zählt ihre permanente Mutation, gegen die die Herde anfangs schutzlos ist. So bleiben auch in der vernetzten Welt der Gegenwart in diesem Stadium nur altbewährte Maßnahmen wie die Absonderung der Erkrankten, um nicht noch mehr Ansteckungsfälle zu provozieren. Die Ausrichter des Kandidatenturniers in Jekaterinburg haben sich, offenbar in Kooperation mit den russischen Autoritäten, dafür entschieden, das Coronarisiko einzugehen. Bislang ist Russland auf der Weltviruskarte ein großer weißer Fleck, von einer konzertierten Aktion der Staatengemeinschaft gegenüber dem Erreger kann keine Rede sein. Eine solche könnte nur in einer Reduzierung des internationalen Verkehrs liegen, um Tempo und Terrain der Verbreitung des Virus zu beschränken.

In Jekaterinburg hat der Ausrichter hemmende Vorkehrungen kommuniziert. So wird bei allen Besuchern des Turniers vor Betreten des Spielsaals die Körpertemperatur gemessen (Fieber ist ein unspezifisches Symptom einer Coronainfektion), Spender zum Desinfizieren der Hände und Atemschutzmasken sind überall im Hotel verfügbar, der Abstand des Publikums zu den Kandidaten auf der Bühne wird mindestens 15 Meter betragen. Die Kontrahenten sollen am Brett selbst entscheiden, ob sie sich vor und nach der Partie, wie allgemein üblich, die Hände reichen. Was im Falle einer während des Turniers diagnostizierten Infektion passieren wird, lässt die FIDE offen. Möge die Qualität des Schachs unter diesen Umständen nicht leiden. Ein Trost für die Online-Kiebitze: Das Coronavirus ist nicht über das Internet übertragbar.